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30 Jahre "Zurück in die Zukunft":Sporthemden, die Blutdruck messen, gibt es schon

Mit ihrem Fantasie-2015 lagen Regisseur Robert Zemeckis und Autor Bob Gale gar nicht so brutal daneben. Okay, die Jugendlichen von heute schweben nicht auf "Hoverboards" durch die Gegend. Aber immerhin haben die Japaner gerade den Prototypen eines fliegenden Skateboards präsentiert, das Ding hält sich auf einer Magnetbahn zwei Zentimeter über dem Boden und raucht ganz schrecklich. Gut, noch immer kommen die meisten Leute ohne Videobrillen über die Runden - andererseits geistert doch immer mal jemand mit Google-Glasses durch die U-Bahn. Und ja, es mag keine Jacken geben, die automatisch die Größe anpassen; Sporthemden, die Blutdruck messen, gibt es schon.

Dass sich weitere Mode-Visionen nicht erfüllt haben, darf man erleichtert zur Kenntnis nehmen: Man trägt nicht zwei Krawatten nebeneinander, Hosentaschen krempelt man nicht grundsätzlich nach außen.

Es dürfte diese Liebe zum Detail sein, das hintersinnige Spiel mit den Zeitebenen, das "Zurück in die Zukunft" noch immer ziemlich gut aussehen lässt. Im Filmjahr 1955 erklärt Marty zum Beispiel, US-Präsident 1985 sei Ronald Reagan. Doc Brown ruft ungläubig: "Der Schauspieler? Und wer ist dann Vizepräsident? Jerry Lewis?" Im Filmjahr 2015 wiederum wirbt in einem Reisebüro ein Palmen-Plakat fürs Surfen in Vietnam - relativ kurz nach dem Krieg musste man das für einen völlig irren Einfall halten. Heute kann man auf dem Markt in Ho-Chi-Minh-Stadt Marty als Spielzeugpuppe kaufen.

Die Filmcrew ist im echten 2015 im Partystress, das Studio Universal weiß den 30. Geburtstag zu inszenieren, die Trilogie erscheint frisch auf DVD und Bluray. Und die Londoner Messe ist die Bühne für ein ausgelassenes Klassentreffen. 2000 Zuschauer im Saal, vorne freuen sich Harry Waters und ein Dutzend andere Schauspieler über das Wiedersehen, für jeden war "Zurück in die Zukunft" der Film seines Lebens. Sie erzählen, dass Bösewicht Biff sie an Donald Trump erinnert, und dass es den DeLorean jetzt auch als Golfcart gibt. Aber wenn der Mann auf dem Stuhl links außen redet, sind alle sofort still.

Was Bösewicht Biff mit Donald Trump zu tun hat

Michael J. Fox, der öffentliche Kranke Amerikas, kämpft seit zwei Jahrzehnten gegen Parkinson, und dennoch sieht er mit 54 Jahren besser aus als Marty mit 47 im Film. Die Zeitmaschine, berichtet Fox, sei im Originalskript übrigens ein Kühlschrank gewesen: "Aber wir hatten Angst, dass alle Kinder das dann daheim ausprobieren." Fox, auch das ist eine der hübschen Anekdoten, die in London gewälzt werden, war nicht mal der Original-Marty. Erst nach sechs Drehwochen wechselte ihn Zemeckis für Eric Stoltz ein, der einfach nicht lustig genug war.

Die Hardcore-Fans im Publikum schreiben solche Sachen sorgfältig mit. Sie wissen, dass Disney-Manager das Projekt wegen der "inzestuösen" Handlung ablehnten, Martys Mutter verliebt sich ja in ihren zeitreisenden Sohn. Sie wissen auch, dass der Hund Einstein, der Marty und Doc Brown treu begleitet, eigentlich ein Affe sein sollte. Und sowieso wissen sie, dass sich der Titelvorschlag des Studios nicht durchsetzte - sonst würden wir jetzt den Dreißigsten des Kult-Klassikers "Spaceman from Pluto" feiern.

"Der Film berührt etwas bei den Menschen"

Eine Hotelsuite in der Nähe der Messe, Christopher Lloyd empfängt zum Jubiläumsinterview. Lloyd, 76, hat Brecht-Rollen gespielt im Theater, aber er ist immer Doc Brown geblieben, ist mit wehendem weißen Haar für Werbespots vor der Kamera gestanden, für Serien-Cameos und Videospiele. Ist ihm das nie zu viel geworden? "Nein", sagt Lloyd routiniert, "diese Rolle hat mein Leben verändert, und dafür werde ich immer dankbar sein."

Und warum, bitte schön, sieht der Film heute immer noch ziemlich gut aus? Jetzt denkt Lloyd nach. Bei Blockbustern, sagt er dann, gehe es ja oft um die Action und die Effekte. Bei "Zurück in die Zukunft" sei das anders: "Der Film berührt etwas bei den Menschen. Es geht um Familie, um das gute, alte Kleinstadtleben. 1985 hatten wir Nostalgie für die Fünfziger, und 2015 haben wir Nostalgie für die Achtziger."

Wenn es das überhaupt gibt, dann ist "Zurück in die Zukunft" melancholisches Popcorn-Kino, und genau so fühlt sich am Ende auch das Klassentreffen von London an. Harry Waters singt "Earth Angel", als wäre es das erste Mal, Fox, Lloyd, alle wiegen sich im Takt. Sie sind alt geworden, aber irgendwie hält der Film ihres Lebens sie für immer jung.

© SZ vom 10.10.2015/jobr
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