Süddeutsche Zeitung

"3 Herzen" im Kino:Wildes Pochen

Nie ganz im gleichen Takt: Mit dem wilden Pochen vor dem ersten Rendezvous fängt bei "3 Herzen" von Benoît Jacquot alles an. Doch dann ist vom adrenalin-induzierten Kollaps bis zur ruhigen Einfahrt in den Hafen der Ehe alles möglich. Bis das Herz wieder hämmert.

Als sie sich kennenlernen, nachts auf der leeren Straße der südfranzösischen Kleinstadt, fragt Marc Sylvie, ob sie das auch kennt. Was er meint, will Sylvie wissen. Da ballt Marc beide Hände zur Faust und imitiert ein wild pochendes Herz. Warum es nur immer so heftig sein müsse, sagt er.

Heftig war es allerdings schon kurz davor, als Marc durch die Nacht zum Bahnhof hetzte und seinen Zug zurück nach Paris verpasst hat. Und heftig geht es weiter.

Nachdem sie lange gemeinsam durch die Nacht marschiert sind, versprechen sie sich am nächsten Morgen, sich wiederzusehen, in Paris, im Jardin des Tuileries, eine Woche später. Aber Sylvie wird umsonst warten, da Marc, der als Steuerinspektor arbeitet, auf dem Weg zu ihr einen Schwächeanfall hat. Zu viel Stress. Das war's mit der großen Liebe. Telefonnummern wurden keine ausgetauscht.

Die "3 Herzen" im Film von Benoît Jacquot, das sind zunächst einmal drei Figuren - neben Marc und Sylvie ist da noch Sophie. Marc wird sie später kennenlernen und heiraten - ohne zu wissen, dass sie Sylvies Schwester ist, während Sylvie bald nach dem gescheiterten Treffen in Paris mit ihrem Freund in die USA umgezogen ist. Die Herzen pochen nicht nur vor und für die Emotion. Sondern auch im Takt einer tragischen Blutsverwandtschaft, welche die Story gehörig dramatisiert.

Vor allem aber geht es hier um eine Genealogie des Kinos, der Filmgeschichte. Chiara Mastroianni, die Sylvies Schwester spielt und Marcs zukünftige Frau, ist die leibliche Tochter von Catherine Deneuve, die im Film ihre Mutter darstellt. Von dort bis zu François Truffaut, zu dessen Musen Deneuve zählte, ist es nur ein kleiner Schritt.

Eine alte Amour fou flammt durch Familienbande auf

Wie in Truffauts "Die Frau nebenan" wird die große, tragisch verpasste Liebe zwischen Marc und Sylvie nie aufhören, die Ruhe einer arrangierten und aufgeräumten Ehe zu stören, um direkt in einen bürgerlichen Albtraum zu münden.

Wenn am Anfang Marc Sylvie fragt, ob sie sich nicht schon kennen würden, ist das, als würden Benoît Poelvoorde und Charlotte Gainsbourg in die Rollen von Gérard Depardieu und Fanny Ardant aus Truffauts Film schlüpfen.

Bei Truffaut flammte eine alte Amour fou durch Nachbarschaft neu auf, bei Jacquot durch Familienbande. Die Botschaft lautet in beiden Fällen: Der Schmerz alter Liebe, alter Trennung lauert direkt nebenan, ist ein Nachbar, eine Schwägerin - oder, noch näher, ein Herz.

Denn die Qualität von Jacquots Film liegt weniger da, wo diese Herzen ihre Blutsbande im französischen Kino nachzeichnen. Sondern dort, wo sie physische Organe sind, die den Rhythmus des Films bestimmen: Marc, der sich abhetzt, um seinen Zug zu kriegen, aus der Puste kommt und ein Mineralwasser in einer Bar trinken muss.

Sehnsucht, die im Zittern endet

Der später mit Sylvie eine Zigarette teilt (schlecht fürs Herz). Der sich erschrocken auf die Brust fasst, wenn ein Motorradfahrer an ihnen vorbei durch die Nacht braust (sehr schlecht fürs Herz). Der vor lauter Stress einen Herzanfall hat und daher seine große Liebe verpasst, was auf lange Sicht hin dem angegriffene Organ endgültig den Rest gibt.

Einerseits ist das recht symbolisch, und man kann darin eine Körperkino sehen, das allzu "echt" und natürlich sein und sich seiner Wahrheit beinahe medizinisch versichern will. Andererseits aber spürt man stets das Spiel der verschiedenen Herzrhythmen, nie ganz im gleichen Takt.

Da ist die Sehnsucht nach dem wilden Klopfen vor dem entscheidenden Rendezvous, die aber, wenn es zu viel wird, im zittrigen Griff nach dem Mineralwasser endet oder im ruhigen Hafen der Ehe. Bis alles von vorn losgeht.

3 Herzen, FRA 2014. - Regie: Benoît Jacquot, Buch: Jacquot, J. Boivent. Kamera: Julien Hirsch. Mit Benoît Poelvoorde, Charlotte Gainsbourg, Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve. Wild Bunch, 106 Min.

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Quelle:
SZ vom 19.03.2015
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