Roman "2034":Das Szenario

Lesezeit: 5 min

Atomtest auf dem Mururoa-Atoll

Der Roman "2034" beschreibt eine Eskalationsdynamik, die in nuklearer Vernichtung endet. Hier ein Bild eines französischen Atomtests 1971 über dem Mururoa-Atoll.

(Foto: dpa/dpa)

Der Thriller "2034" handelt von einem neuen Weltkrieg zwischen den USA und China. Wie realistisch ist das?

Von Moritz Baumstieger

Sieben Monate auf hoher See, das ist eine ziemlich lange Zeit. Vor allem, wenn man kein Bordkino und kein Casino zur Verfügung hat. Keinen Pool, an dem man dem Sonnenuntergang entgegendämmern kann, leicht sediert, weil das Barpersonal den Trägern von All-inclusive-Bändchen stets freundlich nachschenkt. Urlaub sollen die mehr als 230 Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Marine jedoch sowieso nicht machen, die eben zu einer siebenmonatigen Fahrt aufgebrochen sind, einmal im Zickzack durch den Indopazifik und zurück. Die Fregatte Bayern, mit der sie vergangene Woche in Wilhelmshaven ausliefen, ist ein Kriegsschiff, kein Kreuzfahrtdampfer.

Hantelstemmen im Hangar, Brettspiele wie "Risiko", eine Dartscheibe - die Freizeitmöglichkeiten für Marinesoldaten im Einsatz, die die Bundeswehr selbst in Imagevideos präsentiert, sind überschaubar. Vielleicht versucht das eine oder andere Besatzungsmitglied deshalb, die Zeit mit Lesen totzuschlagen. Es gäbe da derzeit für die Besatzung jedenfalls eine recht anregende Lektüre. Oder eine beunruhigende - je nachdem, wie gern man sich in Dystopien verliert.

Kramp-Karrenbauer verabschiedet Fregatte 'Bayern'

Die Musikkapelle spielt bei der Verabschiedung der Fregatte "Bayern", die zu einer mehrmonatigen Übungsreise in den Indischen und Pazifischen Ozean aufbricht.

(Foto: Sina Schuldt/picture alliance/dpa)

"Mit ihrer Flotte die stark umstrittene Spratly-Inselgruppe zu durchqueren, das war in etwa so etwas, wie den penibel gepflegten Rasen im Vorgarten des Nachbarn mit Autoreifen zu durchfurchen, nachdem der den Gartenzaun ein Stück zu weit in dein Grundstück versetzt hat", denkt sich US-Flottenkommandeurin Sarah Hunt am Anfang des Romans "2034". Genau das - den metaphorischen Gartenzaun Stückchen für Stückchen zu ihren Gunsten verschieben - tut die Volksrepublik China im Pazifik bereits seit Jahren, zum titelgebenden Handlungszeitpunkt des Romans wird sie es also seit Jahrzehnten getan haben. Deshalb bekommt Hunt den Auftrag, doch mal ein wenig durch jenes Gebiet zu kreuzen, das China als Vorgarten beansprucht: "Freedom of navigation patrol" nennt die US-Marine solche Fahrten durch umstrittene Seegebiete, mit denen Washington Peking und der Welt zeigen will, dass es keine einseitigen Grenzverschiebungen akzeptiert. Nicht einmal mitten im blauen Nichts des Ozeans.

Ein Szenario wie in "2034" wird die "Bayern" hoffentlich nicht auslösen

Als die deutsche Verteidigungsministerin die Bayern vergangene Woche am Marinestützpunkt Wilhelmshaven verabschiedete, drückte sie sich jedenfalls pathetischer aus als die Flottenkommandeurin im Roman: Für Partnerstaaten wie Australien, Japan und Südkorea sei es Realität, dass die Freiheit der Meere und damit des Welthandels eingeschränkt werde und "versucht wird, Gebietsansprüche nach dem Recht des Stärkeren durchzusetzen", sagte sie. "Wir zeigen für unsere Werte und Interessen Flagge", kündigte Annegret Kramp-Karrenbauer deshalb an - dann nahm die Fregatte Kurs auf den Indopazifik, als erstes Schiff der Bundeswehr seit knapp 20 Jahren. Dort wird die Bayern nun ein paar Furchen ziehen, wenn auch nicht allzu tiefe: Umstrittenen Seegebieten wolle man sich nähern, aber nicht zu sehr, hieß es beim Auslaufen des Schiffes.

Ein Szenario wie in "2034" wird die Bayern deshalb hoffentlich eher nicht auslösen: Als Sarah Hunt Kurs auf die Spartly-Inseln nimmt, kommt es zu einem Zwischenfall, der eine Eskalationsspirale in Gang setzt. Peking will lang gehegte Territorialansprüche endlich unumkehrbar machen und nebenbei vielleicht die abtrünnige Inselrepublik Taiwan einkassieren. Die erste parteilose Präsidentin, die in Washington regiert, will gleichzeitig nicht schwach erscheinen. Iran und Russland bilden gemeinsam mit China eine Art Achse des Bösen der Superlative, vor allem der greise, aber immer noch recht abenteuerlustig regierende Wladimir Putin verfolgt sehr eigene Pläne. Am Ende des Romans muss die Liste der Städte, die eine totale atomare Vernichtung erfuhren, erweitert werden. Zu Hiroshima und Nagasaki kommen Galveston in Texas, die Metropolen San Diego und Shanghai dazu. Ein dritter Weltkrieg startet, Millionen Menschenleben werden ausgelöscht.

September 7, 2012 - Stuttgart, Germany - U.S Adm. James Stavridis, European Command and NATO Supreme

James Stavridis, 2012 noch Nato-Oberkommandeur, spricht vor Truppen in Stuttgart-Vaihingen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Der in routinierter Cliffhanger-Mechanik funktionierende Thriller wäre sicher als handwerklich gut gemachte und mit einigem Witz ausgestattete Fantasie eines Autors abgetan worden, der sich am Feierabend etwas zu lang durch das Strategiespiel "Risiko" gewürfelt hat, so wie es die Soldaten der Deutschen Marine scheinbar gerne tun. Doch um "2034" als bloßen Neuaufguss der dystopischen Romantradition aus der Zeit des Kalten Krieges zu sehen - nur eben mit China statt der UdSSR als Widersacher - dazu waren die Namen des Urheberduos dann doch zu spektakulär: Hauptautor Elliot Ackerman ist ein Ex-Marine, der die US-Armee und den sicherheitspolitischen Apparat von innen kennt. Sein Co-Autor James Stavridis hat sogar schon eine Armee befehligt: Zum Abschluss seiner langen militärischen Karriere diente der US-Admiral als Nato-Oberkommandeur, anschließend soll er von Hillary Clinton als Vizepräsident und von Donald Trump als Außenminister in Erwägung gezogen worden sein.

Seit dem Erscheinen der englischen Originalausgabe von "2034" im Frühjahr - die deutsche Übersetzung lässt bislang noch auf sich warten - fragen sich deshalb Leser auf ihren Sofas, aber sicher auch in einigen Parlaments- und Regierungsbüros: Präsentieren hier ein Ex-Marine und ein Ex-Admiral ein wenig Seemannsgarn, das sie in der oft zähen Langeweile des Soldatenalltags gesponnen haben? Oder ist der Plot, abgesehen etwa von der etwas zu hollywoodesken Zeichnung schurkischer Funktionäre in Peking, vielleicht nicht doch ein erschreckend reales Szenario?

Über die Fragen, die Stavridis und Ackerman aufwerfen, sollte man auch in Europa gründlich nachdenken

In Interviews erzählt Stavridis gerne, dass seine noch in der US-Armee aktiven Ex-Kollegen ihm nach der Lektüre gesagt hätten, er würde quasi nur in einem Punkt irren: dem Handlungsdatum des Plots, 13 Jahre in der Zukunft: "Es könnte morgen passieren", hätten sie gesagt. Das wäre zunächst eine sehr schlechte Nachricht für die Besatzung der Bayern und darüber hinaus für den Rest der Welt, Stavridis' markige Worte jedoch waren sicher auch dem Motiv geschuldet, das Buch auf der Bestseller-Liste der New York Times noch ein wenig weiter nach oben zu pushen. Doch trotz ein paar Unwahrscheinlichkeiten im Plot und ein paar blinder Flecken - der populistische Präsident Modi etwa hat Indien scheinbar mühelos zu einer wirtschaftlichen Supermacht gepimpt, das heute noch starke Japan hingegen ist den Autoren kaum ein Wort wert - haben die Autoren durchaus Gründe, ihr Szenario derart offensiv zu bewerben.

Roman "2034": Elliot Ackerman, James Stavridis: 2034: A Novel of the Next World War, Penguin Press 2021, 319 Seiten

Elliot Ackerman, James Stavridis: 2034: A Novel of the Next World War, Penguin Press 2021, 319 Seiten

Die Gefahr, dass kleine Provokationen eine Kette aus Reaktion und Gegenreaktion auslösen, die am Ende niemand mehr kontrollieren kann, ist heute schon gegeben - im Indopazifik, aber etwa auch am Persischen Golf, wo Iran und Israel sich einen Schattenkrieg liefern und immer wieder Nadelstiche gegen Frachtschiffe setzen. Wie nah und auch wie oft deshalb der kalte Frieden auf beiden Seewegen kurz vorm Platzen war: ohne Geheimdienstwissen kaum zu sagen, aber sehr wahrscheinlich mehr als ein Mal.

Ackerman und der dem Nato-Bündnis als ehemaliger Oberkommandeur sicher nicht abgeneigte Stavridis haben ihr Buch unter dem Eindruck der Trump-Jahre geschrieben, als die USA ihre traditionellen Partner vergraulte. In ihrem Konflikt mit China steht die Supermacht denn auch ziemlich alleine da. Der neue Präsident Joe Biden knüpft nun zwar wieder fleißig Freundschaftsbändchen zu den Regierungschefs der EU- und Nato-Staaten. Aber ob die begeistert in einen Krieg mit dem fast unverzichtbaren Wirtschaftspartner China ziehen würden? Eher unwahrscheinlich.

Dazu kommt, dass in "2034" ziemlich fraglich ist, ob die USA überhaupt noch als Supermacht gelten können - und über die Frage, die Stavridis und Ackerman hier aufwerfen, sollte man auch in Europa und Deutschland besser gründlich nachdenken. Chinesische Hacker knipsen erst die militärischen Kommunikationswege der US-Armee mühelos aus, später die Stromversorgung in den USA, das Internet. "Alle Imperien verrotten von innen her", lassen die Autoren Lin Bao einmal sagen, einen chinesischen Flottenkommandeur.

Der Satz lässt sich einerseits auf den Zustand der Demokratie in den USA und Europa beziehen, der nach beständiger Zersetzung schon heute immer bröseliger wird. Der Satz trifft aber auch auf die mangelnde Innovationsfreude, die veraltete Infrastruktur und geistige Behäbigkeit zu, die den von seinen Erfolgen müde gewordenen Westen heute nach Meinung vieler kennzeichnen. An den stockenden Breitband-Ausbau in der deutschen Provinz, an die Zettelwirtschaft in deutschen Gesundheitsämtern in der Corona-Krise, an nicht funktionierende Hochwasserwarnsysteme haben Ackerman und Stavridis sicher nicht gedacht, als sie "2034" geschrieben haben. Vielleicht tun das aber die Soldaten der Deutschen Marine auf der Bayern, wenn sie das Buch lesen - sie haben ja nun sieben Monate Zeit.

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