200. Geburtstag von Michail Bakunin:Bis heute spürbare Folgen

Diese Botschaft in seinem ersten bedeutenden Aufsatz, der 1842 unter dem Titel "Die Reaction in Deutschland" in den Deutschen Jahrbüchern erschien, hatte Folgen noch für die großen Zerstörer Joseph Schumpeter und Margaret Thatcher. Selbst Jeff Bezos kann seine aktuelle Amazon-Politik als schöpferische Zerstörung ausgeben. Als Akteure eines marktradikalen Kapitalismus sind sie jeder anarchistischen Neigung unverdächtig und haben doch von ihm das Schlimmste gelernt.

In Berlin begegnete Bakunin auch der zur Matrone gereiften Witwe Arnim, die es mit ihrem Pamphlet über die Armut in Preußen ("Dies Buch gehört dem König") zur Staatsfeindin gebracht hatte. Varnhagen von Ense beschreibt ihn in seinem Tagebuch als "kräftig und muthvoll wie nur je, stolz und freudig, voll süßer Hoffnung! Der riesige Körper leistet ihm jeden Dienst." Der Dienst war die Schwerstarbeit an der Revolution. In Böhmen, Polen, Schweden, Österreich, in Frankreich, Italien und selbstverständlich auch in Deutschland ließ er keine Gelegenheit aus, nach vorn an die Barrikade zu stürmen und die Freiheit zu fordern.

Abschiebung nach Russland

In Dresden machte er den militärischen Anführer des 1849er Aufstands, bei dem auch der Teilzeit-Revolutionär Richard Wagner mittat, der die Szene nach der Aufführung von Beethovens völkerverbindender Symphonie überliefert hat. Wagner blieb natürlich Kapellmeister, Bakunin wurde zusammen mit dem Komponisten August Röckel zum Tode verurteilt. Während sie die Hinrichtung erwarteten, versicherte ihnen Wagner in einem Brief, dass er "mit verjüngten, stark beschwingten kräften auch für mein theil und nach meinen fähigkeiten an dem werke arbeite, für das Ihr helden jetzt Euer leben laßt". Und wirklich, ist nicht die "Götterdämmerung" der Weltenbrand, den es zum deutschen Glück nur auf der Bühne gibt?

Die beiden Todgeweihten kamen davon, Bakunin wurde nach Russland abgeschoben, wo er sechs Jahre in der Festung verbrachte. Zar Nikolaus entließ den "gutherzigen Jungen" dann doch aus der Haft, verbannte ihn aber als "gefährlichen Menschen" nach Sibirien. Dort heiratete Bakunin, die Gelegenheit war günstig, eine Siebzehnjährige, die er als wahrer Anarchist bald brüderlich mit einem Kampfgefährten teilte, der auch die drei Kinder zeugte, und floh, den Amur entlang immer weiter nach Osten. Er erreichte Japan, Kalifornien, schiffte sich nach Europa ein und nahm 1861 in London den revolutionären Kampf wieder auf, auf den er zehn Jahre lang hatte verzichten müssen.

Ungebrochen arbeitete Bakunin an der "radikalen und unerbittlichen Zerstörung der gegenwärtigen sozialen Welt, in ökonomischer wie in religiöser, metaphysischer, politischer, juridischer und bürgerlicher Hinsicht". Durch Lithografien und Flugschriften war er steckbriefbekannt in ganz Europa, aber er achtete darauf, dass für sein wahres Abbild nur erstrangige Künstler wie Nadar sorgten: ein Aristokrat (in einer für Nachgeborene verblüffenden Ähnlichkeit mit dem Haudrauf Bud Spencer), den Genüssen, die das Leben zu bieten hatte, keineswegs abgeneigt, ein Freigeist, ein Revolutionär, wie ihn nur das zaristische und auch sonst kaiserliche Europa des 19. Jahrhunderts hervorbringen konnte.

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