20 Jahre Rechtschreibreform:"Bei der Handysprache hat niemand irgendwem irgendwas vorzuschreiben"

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Vor genau 20 Jahren trat die deutsche Rechtschreibreform in Kraft. Linguistin Angelika Wöllstein erklärt im Interview, wie sich Sprache seither verändert hat. 

Interview von Julia Kitzmann

Verwirrende Rechtschreibreform

"Rechtschreibung muss anpassungsfähig sein", sagt Angelika Wöllstein, Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung.

(Foto: imago/imagebroker/pfeifer)

Proteste, Klagen und ein Volksentscheid konnten sie nicht aufhalten: Die deutsche Rechtschreibreform trat am 1. August 1998 in Kraft.

Maßgebende Instanz für das geschriebene Wort ist seit 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung. Er gibt mit dem "amtlichen Regelwerk" das Referenzwerk für die deutsche Rechtschreibung heraus. Ziel des zwischenstaatlichen Gremiums ist, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung zu wahren und sie weiterzuentwickeln.

Prof. Dr. Angelika Wöllstein, Sprachwissenschaftlerin am Institut für deutsche Sprache in Mannheim, ist seit Anfang 2017 Teil des Rats, dem 41 Mitglieder aus sieben Ländern und Regionen angehören. Im Interview erklärt sie, wie sich die Sprache ändert.

SZ.de: Kaum jemand beachtet in Textnachrichten die Groß- und Kleinschreibung, "I bims" - das Jugendwort 2017 - steht sogar für eine bewusst falsche Orthographie. Welche Rolle spielt eine richtige Rechtschreibung heute überhaupt noch?

Angelika Wöllstein: Es ist natürlich nicht egal, wie wir schreiben. Es gibt zunächst eine ganz lebensnahe Begründung: Wer Fehler zum Beispiel in Bewerbungsschreiben macht, wird mit Konsequenzen rechnen müssen. In diesem Sinn hat Orthographie eine gesellschaftliche Bedeutung: Sie ist eine Form von Teilhabe. Im Chat kann ich schreiben, wie ich will - im offiziellen Rahmen wird mir die Teilhabe verwehrt, wenn ich falsch schreibe.

Demnach gibt es auch noch eine weitergehende Bedeutung.

Ja, wir müssen uns fragen, welche Rolle richtiges Schreiben im Kommunikationsprozess spielt. Schreibung und Interpunktion sind an vielen Stellen variantenreich. Der Schreibende entscheidet sich für die passende Variante, um genau so verstanden zu werden, wie es beabsichtigt ist.

In dem vielzitierten Beispiel "Der Mensch denkt Gott lenkt" verändert sich der Sinn je nach Interpunktion.

Richtig. Ob wir ein Komma setzen, einen Punkt, einen Doppelpunkt - es bedeutet jedes Mal etwas anderes. Es ist auch entscheidend, wie wir Orthographie etwa in der Schule vermitteln. Meines Erachtens wichtiger als das Wie der Vermittlung des Schreibens ist die Bedeutung des orthographisch richtigen Schreibens von Anfang an.

Was ist mit der Handy- und Internetsprache? Ist das nicht eine immense Herausforderung?

Das glaube ich nicht. Was immer im Netz oder auf dem Smartphone geschrieben wird, gehört in den privaten Bereich. Bei der Handysprache hat niemand irgendwem irgendwas vorzuschreiben. Ich würde nicht sagen, dass man daran ablesen kann, dass die Schrift im Niedergang begriffen ist. Man ist da viel zu schnell dabei, den Untergang des Abendlandes auszurufen. Meines Erachtens nimmt sich niemand an dieser Art der Schreibung ein Beispiel.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung nimmt immer wieder Modifikationen vor. Ist das nicht Zeichen für eine gewisse Willkür?

Dann würde man (Weiter-)Entwicklung als Willkür bezeichnen. Rechtschreibung muss anpassungsfähig sein und das ist sie auch. Es wird nichts modifiziert, was nicht vorher durch die Sprechgemeinschaft und die Gemeinschaft der Schreibenden, entwickelt worden ist. Sie ist eine raffinierte, intelligente Größe. Damit das orthographische System im Laufe der Zeit nicht hinter das zurückfällt, was die Schreibgemeinschaft entwickelt hat, gibt der Rat alle sechs Jahre Empfehlungen ab. Grundlage dafür sind riesige Mengen an Daten kompetenter Schreibender.

So wurde etwa die Variante "Ketschup" mit sch gestrichen, weil sie praktisch nicht vorkommt.

Genau. Es gibt aber auch formale Notwendigkeiten: Der Rat hat beispielsweise das Eszett als großgeschriebenen Buchstaben eingeführt. Zwar gibt es kein Wort, das mit Eszett beginnt. Aber in offiziellen Dokumenten wie Urkunden und Pässen werden alle Buchstaben großgeschrieben - das wird zum Problem, wenn man OßER heißt.

In anderen Fällen widersetzt sich der Rat der Realität, wie in "herzlich willkommen". Viele schreiben "willkommen" groß...

Was sich im Gebrauch ändert und den orthographischen und grammatischen Regularitäten entspricht, das kann im Laufe der Zeit Teil der amtlichen Rechtschreibung werden. Ein anderes Beispiel: "ist am Lesen". Da beobachten wir eine gewisse Unsicherheit - mal wird "Lesen" den Regeln entsprechend groß- und mal kleingeschrieben, je nachdem, ob es als Substantiv verwendet werden kann oder da ein Zweifel besteht. Es ist durchaus möglich, dass irgendwann zwei Varianten zugelassen werden. Zurzeit ist die am-Form aber ein zu regionales Phänomen. Man darf dem Sprachwandel nicht vorgreifen und den Menschen etwas zumuten, was sie noch gar nicht kennen. Sprach- und Schreibwandel müssen Hand in Hand gehen.

Wird das Erlernen einer richtigen Orthographie in Zeiten von Rechtschreibprogrammen an Bedeutung verlieren?

Nein, wir müssen vielmehr an der falschen Annahme ansetzen, dass diese Programme die Leistung des kompetenten Schreibenden ersetzen können. Auch hier geht es um den Variantenreichtum der Sprache bzw. der Schreibung: Es obliegt dem Schreibenden, welche Variante in einem spezifischen Fall ausgewählt wird. Das Korrekturprogramm kann das nicht wissen. Man soll diese Hilfen durchaus verwenden, sich aber nicht blind auf sie verlassen.

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