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"20 000 Days on Earth" im Kino:"Wer kennt schon seine eigene Geschichte?"

Von den Sätzen, die dabei dann plötzlich in der Welt sind, ist einer schöner als der andere: "Who knows their own story? Certainly it makes no sense when we are living in the midst of it. It's all just clamor and confusion. It only becomes a story when we tell it, and retell it." - Wer kennt schon seine eigene Geschichte? Sie ergibt gewiss keinen Sinn, während wir sie erleben. Da ist nur Chaos und Geschrei. Es wird erst eine Geschichte, wenn wir sie uns wieder und wieder erzählen.

Das Genre des Musik-Dokumentarfilms ist in den vergangenen Jahrzehnten oft geschändet worden. Viel zu oft. Zufall ist das nicht. Die Versuchung scheint zu groß zu sein, einen Star einfach nur zu beobachten, also auf den geprüften Zauber der Aura zu setzen und das Ganze mit ein paar spektakulären Bildern aus der ruhmreichen Vergangenheit und ein paar Aufnahmen aus dem privaten Leben zu garnieren. Den Rest erledigt der von Ruhm, Neugier und Verehrung geblendete Fan dann schon selbst.

Und so sind sogar die ambitionierteren Musik-Dokumentationen bestenfalls geschickte Montagen von ein paar guten Momenten und alten Geschichten (wie Malik Bendjellouls "Searching For Sugar Man"), schlimmstenfalls aber einfallslos aufgemotzte Konzertmitschnitte (wie Martin Scorseses Rolling-Stones-Doku "Shine A Light"). Der Magie des jeweiligen Künstlers ist man besser schon vorher verfallen. Und zwar idealerweise schon seit Jahrzehnten - denn dann verhelfen einem auch noch die verklärten Erinnerungen an die eigene Jugend zu einem wohligen kleinen Nostalgieschauer.

Nick Cave "Auch an der Qual habe ich Freude"
SZ-Magazin
Nick Cave im Interview

"Auch an der Qual habe ich Freude"

Nick Cave galt lange als einer der großen Schmerzensmänner des Pop. In letzter Zeit präsentierte sich der australische Sänger aber auffallend gut gelaunt. Im Interview verrät er, wie er seine Dämonen besiegte und was Kylie Minogue dazu beitrug.

Bei diesem Film ist das alles ausnahmsweise nicht nötig. Es könnte eher passieren, dass man Nick Cave hinterher verfallen ist. Diesem Sänger, der einem durch den Kopf direkt ins Herz fassen kann. Oder umgekehrt. Und dann ist natürlich doch alles, was einmal zwischen einem selbst und seinen Songs stand, völlig egal. Dann kann der Mann so pathetisch sein, wie er will. Also beinahe wenigstens. Oder vielmehr: Das Pathos ist nicht mehr dasselbe. Womit wir bei der Weisheit wären.

Die Weisheit der Popkultur hat ja generell einen schweren Stand. Der Schriftsteller Will Self etwa hat im New Statesman kürzlich eine zornige Kolumne geschrieben, in der er seine Generation (der auch Nick Cave angehört, Self ist nur unwesentlich jünger) wortgewaltig für die herrschende "Bullshit-Kultur" verantwortlich machte: "Wir Mittfünfziger sind schuld. Wir sind die tattooten, gepiercten, kurze Hosen tragenden, Joints rauchenden, neurotischen Deppen, die die kommerzielle Ausbeutung der Gegenkultur angeführt haben. Wir haben uns die Avantgarde geschnappt und sie zu einer Hilfseinheit des kapitalistischen Blitzkriegs gemacht. Wir sind die Vollidioten, die behaupteten, dass es keinen Unterschied gebe zwischen Hoch- und Populärkultur und dass Werbung Kunst sei." Nun, Werbung meistens vielleicht wirklich nicht.

Aber wenn man bei Nick Cave ganz genau hinhört, dann scheint es, als ob er es geschafft hat, seine inneren Dämonen zu bändigen, indem er sie davon überzeugt hat, lieber erst mal nach ihren eigenen Dämonen zu suchen. Er ist nicht auf der Suche nach den bösen Geistern, um sie mit großer Geste auszutreiben. Er sucht sie, um mit ihnen so lange zu tanzen, bis sie sich auch vor ihm fürchten. Ein kleines bisschen wenigstens. Gerade so viel, dass es reicht für das merkwürdige Gleichgewicht des inneren Schreckens, das dieser Mann ausstrahlt.