bedeckt München 18°
vgwortpixel

"20 000 Days on Earth" im Kino:Die Weisheit des Herrn Höhle

Kinostart - '20.000 Days on Earth'

Schwarzer Dandy, Mörder-Balladier, schwermütiger Schmerzensmann des Pop und endlich einer der großen Weisen dieser Kunst: Nick Cave.

(Foto: dpa)

Das Genre des Musik-Dokumentarfilms ist oft geschändet worden. Doch "20 000 Days on Earth" über einen erfundenen Tag im Leben von Nick Cave ist anders. Es könnte passieren, dass man dem Sänger verfällt.

Man kann sein Glück immer mal wieder kaum fassen, wenn man diesen Film sieht. Dann beugt man sich ungläubig nach vorne, als könne man ihn besser verstehen, genauer sehen, wenn man nur nahe genug dran ist.

Zunächst ist "20 000 Days On Earth", inszeniert von den beiden britischen Filmemachern Iain Forsyth und Jane Pollard, eine Dokumentation über den 1957 geborenen australischen Musiker Nick Cave. Also den Sänger, Songwriter, Dichter, Schriftsteller, Ex-Junkie und Ex-Punk, den man den "Bob Dylan der Achtziger" nannte und der lange einer der sagenumwobenen lebenden Toten des Rock 'n' Roll war.

Später - als er die harten Drogen hinter sich hatte - wurde er dann schwarzer Dandy, Mörderballadier, schließlich hochverehrter schwermütiger Schmerzensmann des Pop und endlich einer der großen Weisen dieser Kunst. Ja, man muss das jetzt doch genau so sagen, denn spätestens nach "20 000 Days On Earth" kann es daran keinen Zweifel mehr geben. Aber vielleicht erst mal eins nach dem anderen und zum Schluss noch ein Wort zur Weisheit.

Kurzkritiken zu den Kinostarts der Woche

Songs vom lebenden Toten

Der Publikumsbeschwörer

Für seine Fans, die mindestens in den vorderen Reihen selbstverständlich Jünger sind, besteht über die Unvergleichlichkeit Nick Caves natürlich schon lange Einigkeit. Unter den begnadeten Rampensäuen des Pop ist er ja der Publikumsbeschwörer. In einer langen Konzertszene im Film wird das eindrucksvoll gezeigt. Die quasi-religiöse Verzückung, die er da zu erwecken vermag, ist ein großes Schauspiel. Die Frau im Publikum, zu der er sich herunterbeugt und deren linke Hand er zu der mantrahaft wiederholten, heiser geflüsterten Songzeile "Can you feel my heart beat" über das weit aufgeknöpfte goldene Glitzer-Hemd an sein Herz führt, nickt wie in Trance. Ein Wunder, dass sie nicht in Ohnmacht fällt, als er ihr am Ende auch noch ganz leicht mit dem Handballen auf die Stirn tippt. Der Cave-Segen.

Aber das war, wenn man so will, der Stand der Dinge. Und alle, die sich nicht zur Gemeinde zählen, befremdet dieser Pathos-Irrsinn gelegentlich, mit dem Nicholas Edward Cave - er heißt wirklich Cave mit Nachnamen, Herr Höhle - da vor aller Augen und Ohren durch die tiefsten Tiefen seiner Seelenhöhlen taumelt. "20 000 Days On Earth" ist ganz in diesem Sinne auch eine große Inszenierung geworden, aber eben doch keine orthodoxe Dokumentation. Weniger wahrhaftig nämlich, dafür wahrer. Und klüger, lustiger, kompletter, gültiger.

Ästhetik wie von David Lynch

Cave ist nicht nur Gegenstand und Erzähler des Films, er wird hier auch als Co-Autor des Drehbuchs geführt. Bei den meisten Szenen ist die Kamera eindeutig nicht nur dabei gewesen - die Szenen wurden unübersehbar für sie konzipiert. Die Ästhetik der Bilder ist wohl am ehesten mit der der Filme von David Lynch zu vergleichen. Also immer etwas schattig, düster, minimalistisch, nüchtern, rätselhaft bedrohlich. Aber Nick Cave selbst könnte ja auch sehr gut eine Figur aus einem David-Lynch-Film sein.

Dieser Wille zu Kunst und Stilisierung hätte sehr leicht ins Nirgendwo führen können, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Effekt ist eher eine Art Befreiung von den Konventionen des Musik-Dokumentarfilms - und damit dem elenden Zwang zur Selbst-Identität, der die Protagonisten dieser Filme gerne auffrisst. Hier nicht. Wir erleben vielmehr einen erfundenen Tag im Leben Nick Caves im englischen Seebad Brighton.

Er wacht um sieben Uhr neben seiner Frau auf, spricht mit seinem Psychotherapeuten über seine frühesten erotischen Erfahrungen, kommentiert im Nick-Cave-Archiv alte Fotos und plaudert, während er in seinem Rolls durch die Gegend fährt, mit Weggefährten wie Blixa Bargeld, Ray Winstone oder Kylie Minogue. Über die Frage, wohin es führt, wenn man unbedingt jemand anderes sein möchte, darüber, was man mit einem Pop-Song überhaupt sagen kann oder darüber, wie weit das Charisma eines Stars eigentlich wirkt - bis zum letzten Zuschauer oder doch nur bis in die erste Reihe.