17. Mai 2010, 21:25 WM-Trikots der Nationalmannschaften Nur mit Hemd in der Hose

Das Design bestimmt das Bewusstsein: WM-Trikots sind Werbeträger, Uniformen - und immer auch Zeitmaschinen in eine glückselige Vergangenheit.

Von Tobias Moorstedt

Francesco Totti wird es nicht gerne hören. Aber der schönste Fußballer Italiens heißt Alberto Tombini. ¸¸Wie er vor dem Spiegel steht und Haltung annimmt", schwärmt der Modedesigner Dirk Bikkembergs über den Amateur-Kicker des Viertligisten FC Fossombrone, ¸¸was für ein Mann".

Trikots werden ,gebrandet" - und Fanschals umgebaut.

(Foto: Foto: Fanshop der Globalisierung)

Allerdings würde wohl jeder gut aussehen in dem Trikot des FC Fossombrone, das der Designer für Tombini und seine zehn Freunde geschneidert hat: weißer, reiner Stoff, konzentrische Kreise in Türkis, wie eine Zielscheibe sieht das aus, deren Zentrum das Wappen ist, das Bull"s Eye, das Herz. Weil er bei einem Blick ins Kinderzimmer seines Neffen bemerkt hatte, dass die ¸¸Jugend keine Sänger und Schauspieler mehr verehrt, sondern Fußballer", hat der Mode-Macher Bikkembergs sich seinen eigenen Fußballverein gekauft - und gestaltet nun neben den Trikots auch Mannschaftsbus, Vereinsheim und Trainingsanzüge.

Nicht nur im FC Fossombrone, in dem Modekonzern und Fußballverein eins geworden sind, wird die enge Verbindung zwischen Fußball und Fashion deutlich. Mode und Sport passen gut zusammen, schließlich geht es beiden Branchen um schöne Körper, Emotionen und Medienpräsenz. Die Trikots sind den tektonischen Bewegungen der Mode unterworfen wie Spielerfrisuren und Jubelgesten und folgen dem ewigen Kreislauf des Trends: Innovation, Inflation, Implosion. Vielleicht ist das Fußballtrikot sogar ein prototypischer Fashionartikel, löst es doch den ewigen Widerspruch der Mode auf: das Schwanken zwischen dem Distinktionsbedürfnis und dem Wunsch nach der Identifikation mit etwas Größerem.

Nichts ist älter als der Look der Vor-Saison - dieses Mode-Gesetz hatte im Fußball lange Zeit keine Gültigkeit. Bis weit in die achtziger Jahre hinein spielte die deutsche Elf in einem sich nie verändernden Schwarz-Weiß. Erst mit der WM 1990 hielt die Designwut Einzug, das Trikot wurde nun mit Streifen, Adlerschwingen und feurigen Linien zu jedem Turnier neu gestaltet - kein Zufall, dass Privatfernsehen und Merchandising die Kommerzialisierung des Fußball zur gleichen Zeit auf ein neues Niveau hoben. Die WM 2002 jedenfalls ist zumindest aus modischen Gesichtspunkten lange her. In Südkorea und Japan protzten Nike und Puma noch mit exotischen Hightech-Innovationen. Puma landete einen einmaligen Marketing-Scoop, als sie Kameruns Kicker in ärmellosen, später einteiligen Trikots auflaufen lassen wollte. Nike steckte seine Teams in ein Trikot, das aus mehreren Gaze-artigen Schichten bestand, welche vielleicht die Lüftung verbesserte. Für die Spieler wurde das atmungsaktive Tütü jedoch immer wieder zur Falle.

Diesmal wird die Hochtechnologie nur funktional eingesetzt. Das Modemagazin GQ lobte kürzlich, dass sich die Designer wohl an die Tage erinnert hätten, ¸¸in denen Trikots noch dezent und unifarben waren", also an die Zeiten vor 1990, vor allem: an die siebziger Jahre. Das Shirt der Niederländer, eng und sauber geschnitten, erinnert mit seinem Stehkragen an ein Polo-Shirt und könnte auch von Tennis-Schneider Fred Perry stammen.

Fußballtrikot ist ein Stück Stoff, das die Spieler unterscheidbar machen soll. Sonst nichts. Das bunte Leibchen ist das Ur-Trikot, wird aber heute, da Trikots auch schön sein und eine Bedeutung haben müssen, nur noch von den Auswechselspielern getragen. Die Stammspieler tragen stolz das Nationaltrikot, eine Anhäufung von Zeichen: Die Sterne über den Wappen erzählen von vergangenen Erfolgen, das stilisierte St.-Georgs-Kreuz auf der Schulterpartie der englischen Trikots einiges über die Landesgeschichte.

Die Kicker vertreten aber mittlerweile nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine Ausrüsterfirma. Die Trikots werden ,gebrandet". Nike zum Beispiel verlegte die Rückennummer auf die Brust und machte einen Kreis drumherum. Puma verwendet bei allen seinen Trikots florale Drucke mit Wappentieren und folkloristischen Symbolen. So erkennt man Fußballer verschiedener Nationen sofort als Mitglied der gleichen Firmen-Mannschaft. Vielleicht ist der wahre Grund für die neue Schlichtheit auch nicht eine neue Bescheidenheit der Designer, sondern die Tatsache, dass ohne Kreise, Pfeile, Adlerschwingen nun nichts mehr die Aufmerksamkeit vom Logo ablenkt.

Dass man sehr komplexe Dinge mit einem Fußballtrikot aussagen kann, beweist die Ausstellung ¸¸Fanshop der Globalisierung", die zurzeit durch Deutschland tourt. Die Macher ließen berühmte Fußballtrikots von jungen Modedesignern umschneidern, denn ¸¸das Trikot ist Werbeträger, Produkt und Identifikationsmittel", so der Kurator Matthias Böttger. Das französische Trikot zum Beispiel, das nach dem WM-Sieg der Equipe 1998 als Symbol der gelungenen Integration galt, wurde umgeschneidert in ein Protestanten-Outfit mit Gesichtsmaske, wie sie die randalierenden Jugendlichen in Paris getragen haben. Über das blaue Tuch fliegen goldene Molotow-Cocktails. Ein anderes Ausstellungs-Stück ist das Trikot von Nuri Sahin, dem deutsch-türkischen Jungstar aus Dortmund, das aus dem deutschen und dem türkischen Nationaltrikot zusammengesetzt wurde.

Fußballtrikots dienen auch der Identitätsbildung: Das Hochgefühl, nicht mehr allein, sondern Teil eines Ganzen zu sein, beschrieb Paul Fussell mal als ¸¸Eitelkeit des Dazugehörens". Ein Fan gibt sich zu erkennen, gibt sich preis - und seine Alltagsidentität auf. Die Spielkleidung dagegen folgt auf den ersten Blick den Prinzipien der Uniform - doch trotzdem bleibt ein Spannungsfeld: Warum reißt sich der Torschütze sein Hemd vom dampfenden Leib? Es drängt ihn ins Scheinwerferlicht, er setzt sich vom (bekleideten) Team ab und signalisiert: Ich bin der Star. Ähnlich doppeldeutig sind die Rückennummern, die nur scheinbar gesichtslose Ziffern aus den Spielern machen: Ist nicht der ¸¸Sechser" immer der Staubsauger vor der Abwehr, der ¸¸Zehner" nicht das launige Genie?

Ein Trikot als Modeartikel wird immer an seinem Erfolg gemessen. Auch die Geschichte des berühmtesten Trikotdesigns - dem brasilianischen Muster mit den Farben von Sonne und Meer - begann mit einer Niederlage. Eingeführt wurde das Trikot im Jahre 1950, nachdem Brasilien bei der Weltmeisterschaft an Uruguay gescheitert war. Verantwortlich gemacht wurde damals das unpatriotische, weil weißblaue Trikot.

Es ist zu hoffen, dass eine ähnliche Reaktion ausbleibt, sollte die deutsche Elf am Samstag gegen Schweden ausscheiden. Nicht unbedingt aus Angst vor einem neuen Patriotismus. Aber: schwarzes Trikot, rote Hosen, goldene Stutzen - das sähe einfach schrecklich aus.

"Fanshop der Globalisierung", noch bis 27. Juni in Hannover, danach in Hamburg und Berlin. Info: