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"Vor dem Fest" von Saša Stanišić:Wir fahren übern See, übern See

Saša Stanišić auf der Leipziger Buchmesse 2014.

Saša Stanišić auf der Leipziger Buchmesse 2014.

(Foto: dpa)

Mit seinem Roman "Vor dem Fest" über ein Dorf in der Uckermark ist Saša Stanišić für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert - so komisch-traurig sah die deutsche Provinz noch nie aus.

Ein Ort, zwei Seen. Im Haus der Heimat, wo die Lokalgeschichte in Leitzordnern abgeheftet wird, findet sich auf den Karteikarten mit den Chroniken und Legenden dazu die Erklärung: "Nicht der Mensch hat das Gewässer bei Fürstenfelde so geteilt, dass wir heute zwei Seen haben, ein Riese hat das vollbracht. Vor langer, langer Zeit hat er von den dalmatinischen Dinariden eine Bergkuppe abgebrochen und so weggeschleudert, dass sie hier landete und das Gewässer auf ewig entzweiriss. Ob der Riese die Bergspitze gezielt geworfen hatte, ist nicht überliefert. Auf den Dinariden erzählt man sich die Geschichte ebenfalls. Eine Bergkuppe habe einem Riesen die Sicht auf die Adria verstellt, also habe er sie beseitigt. Dass das Gestein bis in die Uckermark gelangt ist, bleibt unerwähnt."

Es gibt auch leibhaftige Wanderlegenden. Eine von ihnen heißt Saša Stanišić. Er ist 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren, flüchtete 1992 mit seinen Eltern aus seiner von serbischen Truppen besetzten Heimatstadt nach Deutschland, begann um das Jahr 2000 Essays und Kurzgeschichten zu schreiben, ging im Herbst 2004 ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, obwohl eine Legende wissen will, dass dort nur Söhne und Töchter deutscher Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte studieren, und veröffentlichte im Jahr 2006 den Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert".

Auf Spurensuche

Den Roman erzählte jemand, der wie sein Autor im Jugoslawien Titos seine Kindheit verbracht hat und alles aufgesaugt hat, bevor er aus Višegrad nach Deutschland flieht: die Partisanenmythologie , die Geschichten, die der Fluss Drina erzählt, die Familiengeschichten, die Kriegstoten und Verschwundenen. Zehn Jahre später, 2002, kehrte dieser Ich-Erzähler in die Heimat zurück, mit Totenlisten, Telefonnummern, Notebook, auf Spurensuche.

"Ich höre Nirvana und träume auf Deutsch", das war einer der Sätze dieses Rückkehrers, und das Buch über ihn war auch ein Buch über das Erzählen, genauer über die Frage, ob es möglich sei, den Stoff der Balkankriege und die Form des humoristischen Romans zusammenzubringen, ohne dass dabei der Schrecken und die Toten sich in Wohlgefallen auflösten. Es war möglich, wie es schon im barocken Schelmenroman möglich war, wenn er den Dreißigjährigen Krieg in sich aufnahm.

Jetzt also hat Saša Stanišić einen Roman über die deutsche Provinz geschrieben, über das Dorf mit den zwei Seen, dessen Bild er schon aus der Balkan-Legende vom wasserteilenden Riesen kannte, ehe er es in Fürstenwerder in der Uckermark wiederfand, das im Roman Fürstenfelde heißt. Ein älterer Kollege hat ihm kürzlich öffentlich zugerufen, das sei doch Quatsch, sich in die deutsche Provinz zu verkrümeln, da kenne er sich doch gar nicht aus, er solle lieber bei seinem Leisten blieben und was Bosnisches oder eine Immigrantengeschichte erzählen.

Das scheint der Eingewanderte aber nicht gewollt zu haben. Es sollte das Dorf mit den beiden Seen sein, so wie im ersten Roman die beiden Flüsse Drina und Rzav und alles, was sie mitführen, von Ivo Andric' Roman "Die Brücke über die Drina" bis zu den Straßennamen und zum Bombenschutt der Stadt, zum Višegrad-Erzählfluss zusammenflossen. Und so beginnt dieser neue Roman "Vor dem Fest": "Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann."

Saša Stanišić hat sich einige Jahre Zeit gelassen zwischen seinem ersten und diesem zweiten Roman. Man merkt schon nach wenigen Seiten, wofür er die Zeit gebraucht hat: Den Stoff, den er sich gesucht hatte, das Dorf in der Uckermark und seine Seen, so in sich aufzusaugen wie früher die Heimatstadt und die Flüsse in Bosnien. Also nicht nur mit der Geschichte, die in den Leitzordnern steckt: "Geschichte I (1740-1939) und Geschichte II (1945-1989), Gegenwart I (1990-fortlaufend)", sondern mit den Geschichten, die in den Bewohnern stecken und in den Mythen und Sagen der Landschaft, in der brandenburgischer Landadel herrschte und durch die im Dreißigjährigen Krieg die Schweden zogen und wo 1632 der gefallene König Gustav Adolf aufgebahrt wurde.