24. Juli 2018, 07:54 Interview am Morgen: Rassismus "Özil ist Opfer, aber er ist auch Täter"

Der Migrationsforscher Özkan Ezli findet den Fall Özil zu kompliziert für den Begriff "Rassismus". Diskriminierung sei beim Umgang des DFB aber schon am Werk.

Interview von Kathleen Hildebrand

Rassismus oder berechtigte Kritik? Besinnung auf die türkischen Wurzeln oder fehlende Integration in die deutsche Gesellschaft? Mesut Özil ist nach der monatelangen Debatte über sein Foto mit Recep Tayyip Erdoğan aus der deutschen Fußballnationalmannschaft zurückgetreten. In seiner mehrteiligen Stellungnahme schrieb der gebürtige Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln unter anderem: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren."

Der Kulturwissenschaftler Özkan Ezli spricht über persönliche Verletzungen, Özils Handlungsmacht und den Unterschied zwischen Rassismus und Diskriminierung.

SZ: Als Hauptgrund für seinen Rücktritt nennt Özil Rassismus. Zu Recht?

Özkan Ezli: Die Sachlage ist schon weitaus komplizierter. Man kann sicher auch die Gegenposition vertreten und sagen: Das hat überhaupt nichts mit Rassismus zu tun. In der Forschung steht der Rassismus für eine Leerformel. Das ist ein sehr komplexer Begriff, der in der Geschichte sehr unterschiedlich verwendet wurde.

Interview am Morgen

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Wie bekommt man ihn zu fassen?

Rassismus ist eine Ordnungskategorie, die eine Gruppe klar bevorteilt und eine andere klar benachteiligt. Wir haben es dann mit Rassismus zu tun, wenn das Eigene höher bewertet wird als das Fremde, das als minderwertig erachtet und ausgeschlossen wird. Die härteste Form von Rassismus ist die Vernichtung des anderen. Für so eine Bewertung muss man von sehr homogenen Gruppen ausgehen, die sich gegenüberstehen. Wenn man sich aber die deutsche Nationalmannschaft ansieht, ist seit etwa 15 Jahren auf jeden Fall die Entwicklung hin zur Diversität zu beobachten. Das heißt, wir haben da keine homogene Gruppe.

Trotzdem tritt gerade der türkischstämmige Mesut Özil zurück und nicht Thomas Müller.

Nach der Weltmeisterschaft ist Folgendes passiert: In den Aussagen von Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff über Özil wusste man nicht mehr genau, ob es gerade um Gesellschaftspolitik oder um seine sportlichen Leistungen geht. Dadurch ist eine Frage ins Spiel gekommen, die die ganze Situation extrem belastet hat - die Frage nämlich, wofür Erdoğan und nicht Özil steht. Zum einen entfernt sich Erdoğan spätestens seit dem Referendum 2017 radikal von demokratischen Vorstellungen, er regiert die Türkei autokratisch. Zum anderen, und darauf beruft sich Özil, steht er für einige Türken in Deutschland auch für das Land ihrer Eltern, und dem wollen sie Respekt zeigen. Erdoğan hat es geschafft, für eine Gruppe türkeistämmiger Menschen in Deutschland die Vorstellung vom ewigen Rückkehrland Türkei auf seine Person zu beziehen, ohne dass diese Menschen wirklich zurückkehren müssen.

Ist es nicht eine Form der Ausgrenzung, wenn der DFB Özil zum Sündenbock für das frühe Aus bei der WM macht?

Özil wurde nicht komplett ausgegrenzt. Man muss da mehrere Ebenen unterscheiden. In den sozialen Medien wurde er natürlich auf verletzende, beleidigende Weise ausgegrenzt. Aber die DFB-Ebene war, glaube ich, mit der Situation einfach überfordert. Da wollten alle ihre Jobs behalten, obwohl man nach so einer WM auch hätte sagen können: Jetzt müssen alle Trainer gehen. Da geht es dann darum, irgendwie das Gesicht zu wahren, um diesen Job auch weitermachen zu können. Da sind schon ausgrenzende Faktoren im Spiel, wenn die Schuld am WM-Desaster irgendwie abgetragen wird. Aber die hängen nicht mit seinem Türkischsein zusammen, sondern eng mit der Werte-und-Normen-Frage: Wofür steht Erdoğan?

Gilt das auch für Sponsoren wie Mercedes-Benz, die Özil nicht mehr in ihrer Werbung mit Nationalspielern haben wollten?

Das ist klar Diskriminierung. Aber der Punkt ist ja, dass etwas vorgefallen ist. Özil wird nicht einfach nur wegen seiner Herkunft ausgegrenzt. Das macht die Angelegenheit so komplex. Özil ist zum Teil Opfer, aber er ist auch Täter. Er hat dieses Foto machen und verteilen lassen, er hat dazu nichts gesagt. Er hat an der Pressekonferenz nicht teilgenommen - und tritt danach von sich aus zurück. Er hat ja eine Handlungsmacht als Spieler. Zugleich gibt es eine Diskriminierungswelle, die eingesetzt hat, weil ein Makel ins Spiel gekommen ist: Özil ist ein Erdoğanist. Mit diesem Makel umzugehen, ist extrem schwierig für eine Branche, die von Werbung lebt und dies gilt auch für den Fußball. Deshalb setzt dann eine Art von kapitalistischer Diskriminierung ein.

Von Fans wurde Mesut Özil aber auch "Ziegenficker" genannt. Da lässt sich der Rassismus doch nicht mehr von der Hand weisen.

Hinter den Kommentaren, die er in den sozialen Medien bekommen hat, steckt sicher ein alter Rassismus, der in einer politischen Umbruchphase wie der derzeitigen wieder hochkommt und äußerst problematisch ist. Ich würde aber auch sagen, dass Özil diesen ethnisch konnotierten Hass bei Facebook und Twitter auf den DFB und auf die ganze Debatte um ihn projiziert hat. Denn was der DFB nicht gemacht hat, als es diese Hasskommentare gegen Özil gab, war zu sagen: Wir stehen hinter ihm und sind gegen diese rassistischen und beleidigenden Aussagen. In so einer Situation rufen solche Beleidigungen bei Menschen mit Migrationshintergrund alte Erzählungen wach.

Hätte es für Özil eine passendere Vokabel gegeben, um zu beschreiben, was ihm widerfahren ist?

Eigentlich wäre es besser gewesen, Özil hätte geschrieben: Ich fühle mich diskriminiert. Damit hätte er etwas getroffen. Aber Rassismus ist so eine schwere Keule: Da steckt der Nationalsozialismus drin, die Schwarzen in Amerika, Konzepte wie "Herrenrasse" und "Untermenschen". Der Begriff hat mit Imperialismus zu tun und mit unglaublich vielen Toten.

Was ist der Unterschied zu "Diskriminierung"?

Diskriminierung steckt als Vorstufe durchaus im Rassismus drin. Diskriminierung heißt, dass man die Benachteiligung einer Gruppe legitimiert. Ich war in den Achtzigerjahren in der Realschule und mein Deutschlehrer hat zu mir gesagt: Ein Türke schafft bei mir keine Drei. Das war Diskriminierung, gegen die ich mich mit Leistung und guten Noten behaupten konnte, weil ich ja dennoch Teil der Klasse war. Der Begriff "Rassismus" löst eine ganz andere emotionale Reaktion aus als Diskriminierung. Beim Rassismus geht es um Gruppen, bei Diskriminierung spielt das Individuum noch eine größere Rolle. Mit "Diskriminierung" können Sie die Leute noch abholen und sagen: Das lässt sich reparieren, das kriegen wir wieder hin. Rassismus geht an die Substanz.

Gibt es eine Art Schnelltest dafür, ob man es mit Rassismus, Diskriminierung oder Kritik zu tun hat?

Wenn jemand persönlich verletzt wird, haben wir es mit Diskriminierung zu tun, auch im juristischen Sinne. So wie in den Hassmails und -kommentaren an Özil. Rassismus wäre, was Alice Weidel (AfD-Co-Fraktionschefin im Bundestag; Anm. d. Red.) gesagt hat: Dann soll er doch für die türkische Nationalmannschaft spielen. Er soll das Land verlassen. Er hat mit dieser Gruppe hier nichts zu tun. Diese Form der Entpersonalisierung und das Nichtigerklären seiner deutschen Geschichte hält zum einen der Wirklichkeit nicht stand. Und zum anderen wird durch diese Fiktion jede Reaktionsmöglichkeit des anderen, gegen die diffamierende Ausgrenzung persönlich vorzugehen, unmöglich gemacht. Der Rassismus übertreibt die Diskriminierung bis keine Verhandlung und Reaktion mehr möglich ist. Das ist in der Causa Özil in der Breite nicht der Fall. Denn Özil hat reagiert. Und das auf seine Art und Weise.

Der Kulturwissenschaftler Dr. Özkan Ezli lehrt an der Universität Konstanz. Seit 2017 ist er wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsschwerpunkts "Migration in der globalen Gegenwart", seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter im Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen der Integration".