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Nachruf:Aufbruch in die Weltliteratur

Eberhard Lämmert (1924-2015).

(Foto: Imago)

Der Germanist Eberhard Lämmert ist gestorben. Ein Redner von Rang, unermüdlich als Zuhörer.

In manchen Ohren mochte der Titel des Vortrags, den Eberhard Lämmert auf dem Deutschen Germanistentag 1966 in München hielt, trivial geklungen haben: "Germanistik - eine deutsche Wissenschaft". War das nicht eine Selbstverständlichkeit, fast eine Tautologie? Aber nachdem der Vortrag gehalten war, ging es hoch her unter den Germanisten, und das Echo hallte lange nach. Denn wofür Lämmert plädierte, war 1966 noch keineswegs selbstverständlich: die endgültige Verabschiedung ihrer Tradition als nationale Wissenschaft.

Das war zwei Jahre vor 1968. Eberhard Lämmert war 42 Jahre alt, seit Anfang des Jahrzehnts Professor für Deutsche Philologie an der FU Berlin, einer der großen Liberalen, die den rebellierenden Studenten in der älteren Generation gegenüberstanden. Er war 1924 geboren, in Bonn, Generationsgefährte der Autoren der Gruppe 47 - was Grass schrieb, hat er zeitlebens beobachtet - , wurde mit 17 Jahren direkt nach dem Abitur in den Krieg geschickt, kam in britische Kriegsgefangenschaft; der Stock, an dem er in den letzten Jahren ging, war ein Tribut nicht nur an das Alter, sondern auch an die Verletzung, die er als junger Mann davongetragen hatte.

Ein Redner von Rang, unermüdlich als Zuhörer, Anreger

Was er später zeitlebens betrieb, die Internationalisierung und Öffnung der schon vor 1933 für alles Völkische anfälligen und bei Kriegsende gründlich kompromittierten Germanistik, das hatte in seinem Lektürekanon nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im September 1945 eine seiner Wurzeln. Er hat selbst berichtet, wie seine spätere Frau Luise, die Buchhändlerin war, ihm früh den Zugang zu Hemingway, Faulkner und Graham Greene, Sartre, Camus und Dostojewski eröffnete. Die andere Quelle war: Theorie. Bereits sein Lehrer, Günther Müller, der im Nationalsozialismus sein Amt verloren und 1946 an die Bonner Universität zurückgekehrt war, hatte in seiner "Morphologischen Poetik" mit Formanalysen den Strukturen des Erzählens nachgespürt. Der junge Eberhard Lämmert führte das in seiner Dissertation "Bauformen des Erzählens" (1952) fort und damit die deutsche Germanistik an die Seite des zeitgenössischen angelsächsischen Criticism und auf die Höhe des mitteleuropäischen und russischen Vorkriegs-Strukturalismus.

Als Student der Bergbauwissenschaft, Mineralogie und Geologie war er zur Germanistik, Geschichte und Geografie gewechselt. Das Interesse an Schichtungen, Bruchstellen, Ablagerungen blieb ihm zeitlebens erhalten. Die Kritik des "Weltdeutungsgehabes" und der Fixierung auf das "deutschen Wesen", die Lämmert 1966 in München übte, war nicht nur Parole. Sie war auch Bilanz seiner Praxis als Wissenschaftler seit den "Bauformen des Erzählens", einem der Grundbücher der deutschen Literaturwissenschaft bis heute. Das Machen und Gemachtsein von Dichtung ist hier der Gegenstand, das Buch hat etwas von Inventur und Register von Techniken, aber der Treibstoff der Analyse ist der Enthusiasmus der Lektüre, die Begeisterung für Mark Twain, die Vertrautheit mit Sternes "Tristram Shandy", mit Cervantes und Flaubert, Dickens und Joyce, aus der sich zwanglos die Ausweitung der Germanistik zur Vergleichenden Literaturwissenschaft ergibt. So wie die Romanistik, etwa bei Erich Auerbach, wurde nun auch die Germanistik in Komparatistik überführt.

Zur Klugheit Lämmerts gehörte, dass er die Vergangenheit der Germanistik als nationale und völkische Disziplin von innen entgiftete, indem er ihr ihre Lieblingsgegenstände nahm. Über den Geniegedanken im Zeitalter der Klassiker Goethe und Schiller schrieb er ernüchternd, im Blick auf die Soziologie der Herausbildung des freien Schriftstellers, ohne dabei das Gespür für den Glanz der Prometheus-Ode des jungen Goethe zu verlieren. Die Erzählforschung blieb seine Paradedisziplin, aber er fragte auch nach dem Verhältnis von Technik und Literatur bis in die Zeiten des Internets, studierte die Scheuklappen der Avantgarden mit gleicher Energie wie deren Errungenschaften. Und nie war die Literatur in seinen Schriften und Vorlesungen allein, immer von Musik, bildender Kunst, Film umgeben. Man kann das in "Das überdachte Labyrinth" (1991) und "Respekt vor den Poeten" (2009) nachlesen

Lämmert, 1970 nach Heidelberg berufen, kehrte 1976 nach Berlin zurück, als Präsident der Freien Universität (bis 1983) und ab 1977 als Leiter des von Peter Szondi begründeten Institutes für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Es begann nun eine zweite Laufbahn, die des Hochschulpolitikers und, wie man heute sagen würde, Wissenschaftsmanagers, der als Präsident der Deutschen Schillergesellschaft maßgeblich zum Ausbau des Deutschen Literaturarchivs in Marbach beitrug, der nach 1989/90 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR in das neu gegründete Zentrum für Literaturforschung integrierte oder als Ko-Direktor das Forschungszentrum Europäische Aufklärung in Potsdam prägte.

Die Stationen der Laufbahn aber erzählen nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte war: Lämmert konnte all das, was er war, nur sein, weil er kein reiner Buchgelehrter war, sondern zugleich ein begnadeter Redner, der druckreife Ansprachen improvisierte, ein unermüdlicher Gesprächspartner, Zuhörer und Anreger, die Personalunion von Gelehrsamkeit und Eleganz bis ins hohe Alter. Am Sonntag ist Eberhard Lämmert in Berlin gestorben. Er wurde neunzig Jahre alt. Wir verneigen uns trauernd und voller Respekt.

© SZ vom 05.05.2015

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