19. Juli 2010, 16:43 Mexiko: Musik und Drogenmafia Sing oder stirb, Hombre!

Musik des Gemetzels: Im Auftrag von Killern müssen mexikanische Musiker Mord und Totschlag glorifizieren - und leben gefährlich. Am 26. Juni starb Sergio Vega einen Tod, den er schon gedichtet hatte.

Von Camilo Jiménez

Sechs Schüsse töteten Sergio Vega. Am Abend seines Todes fuhr er mit einem roten Cadillac durch ein Kriegsgebiet im Norden Mexikos, durch Los Mochis in Sinaloa. Es ist die Hochburg des Drogenkartells vom Kapo Joaquín Guzmán. Ein Mann, der im Auto neben Vega saß, sprach später von einer plötzlichen Verfolgungsjagd und von ohrenbetäubendem Krach von Pistolen. Nach dem Attentat fand die Polizei einen Wagen mit dreißig Löchern sowie eine Leiche mit fünf Schusswunden am Körper und einem Kopfschuss, ein "typischer Akt der Mafia". Die Ermittler stellten fest, dass Sergio Vega in seinem Pyjama starb. In dieser Kleidung fuhr Vega seinen feuerroten Cadillac am liebsten. Der Spleen eines Künstlers. Der Ermordete war einer der populärsten Künstler Mexikos.

In Mexiko, dem Land des Sombreros, beschäftigt die Drogenmafia ihre eigenen Barden. Die leben aber mehr als gefährlich. Die Menschen auf diesem Bild schauen aber nur Tennis.

(Foto: Reuters)

Vega wurde vierzig Jahre alt. Er war Sänger und Dichter von Volksliedern, die vom Drogenhandel, von Verrat und Tod erzählen. Viel zu lange hatte er die Geschichten des Verbrechens seines Landes geschildert, in den Monaten vor seinem Tod wollte er nur noch über die Liebe singen. Sein Geschäft - das des Liedermachers der Kartelle - war zu gefährlich geworden. Am 26. Juni starb Sergio Vega einen Tod, den er schon gedichtet hatte.

Fünfzehn Sänger und Autoren von narcocorridos sind in den letzten drei Jahren in Mexiko umgebracht worden. Narcocorrido, dieser Begriff steht für das Genre dieser Künstler - zusammengesetzt ist er aus dem Wort corrido, welches die mexikanische Volksmusik bezeichnet, und aus narco. Narco ist der Drogenkrieg, der in Mexiko tobt. Die Musik hat europäische Wurzeln - die Instrumente, die Rhythmen. Polka und Walzer verschmolzen mit dem Temperament und den Sorgen der Menschen dort. Die Musik wurde lauter und lebhafter.

Corridos erzählten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Geschichten über die Blut- und Heldentaten der mexikanischen Revolution. Es waren schon immer Lieder für die Aufständischen. Im Norden Mexikos, wo das Spiel mit der Illegalität vielen zur Lebensgrundlage wurde, wurden Narcocorridos zur Identifikationsmusik der vom Verbrechen abhängigen Gesellschaft. Einer der populärsten Songs heißt "Schmuggel und Verrat".

Die Ermordung von Sergio Vega brachte die Narcocorridos wieder einmal in die Schlagzeilen.

Das Leben des Mannes mit dem Cowboy-Hut, dem stilisierten Schnurrbart, dem Ledermantel und den Stiefeln könnte nun Vorlage für neue Lieder werden. Vega war tief in das Netz der Kartelle verwickelt. Mexikanischen Lokalzeitungen zufolge gab es auch eine Frauengeschichte. Liebe? Eifersucht? Dem Mord könnten bislang ungeahnte Motive zugrunde liegen. Was wiederum viel erklären könnte: Denn es sind die Autoren und Interpreten der Narcocorridos selbst, die in Mexiko und in anderen Ländern Lateinamerikas höchsten Ruhm erreichen. Beliebt bei den Leuten und geliebt von Frauen, erzielen diese Künstler oft jene Triumphe, die die Chefs der Kartelle aller Macht zum Trotz vermissen.

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In den letzten dreißig Jahren prosperierten die Narcocorridos. Dutzende Songs heizten Ende der achtziger Jahre den Bandenkrieg zwischen den Brüdern Arellano-Felix, den Chefs des Tijuana-Kartells, und deren Erzfeind Amado Carrillo Fuentes, dem "Herrn der Himmel" aus Ciudad Juárez, an. Gegen Bezahlung glorifizierten die Autoren von Narcocorridos die zahllosen Morde, die den Schlachten der beiden Banden folgten. In den neunziger Jahren wurde die Musik dann zu einem runden Geschäft: Musiker durften im Luxus leben, Produzenten übernahmen den lukrativen Vertrieb - und die Verbrecher konnten ihre Sünden der Bevölkerung beichten. 2010 erschien die 13. Folge der beliebtesten Compilation dieser Musik, die "Corridos prohibidos" ("Verbotene Corridos").

Darüber wird nur geflüstert

Narcocorridos sind nach einer erfolgreichen Gegenkampagne der Regierung im Radio zwar kaum mehr zu hören. Aber verbieten kann man sie in Mexiko nicht, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden. Denn dazu handeln die Lieder zu sehr von einer Realität, die oft verschwiegen wird. Die Songs verkünden, worüber in den untersten Schichten der Gesellschaft nur geflüstert wird. Sie sind die mündlich überlieferte Tradition von Leuten, die nur wenige Chancen haben, dem Verbrechen zu entgehen und ohne dessen Lasten leben zu können.

Die Interpreten der Narcocorridos sind Kultfiguren. Den charmanten Sergio Vega betrauerten Hunderte bei seiner Beerdigung. Andere Berühmtheiten wie Reynaldo Martínez, Lupillo Rivera, Jessie Morales und die Mitglieder der Band Los Tucanes de Tijuana sollen Landrover und Villen für ihre Lieder bekommen haben. Doch die größten Stars dieser bizarren Welt heißen Tigres del Norte. Vier Brüder und ihr Vetter gründeten die Band 1968. "Wir waren schon immer Chronisten der Problematik unseres Landes", sagte einmal Jorge Hernández, der Kopf der Gruppe. Die "Tigres" sind auch in südlichen US-Staaten sowie quer durch Mittelamerika bis nach Kolumbien berühmt. Sie touren sogar durch Spanien. Einmal sorgten die "Tigres" für Aufregung, als sie in einem Lied über die heute bekannten Frauenmorde von Ciudad Juárez in einer Zeit sangen, als darüber noch niemand etwas wissen wollte.

Was die "Tigres" als sozialen Protest verstanden wissen wollen, halten die gegenüber der Drogenmafia ohnmächtig gewordenen Politiker für Zynismus. Drogenbarone haben den schwachen mexikanischen Staat in Zonen eingeteilt, tonnenweise transportieren sie Kokain in die USA. In jeder Zone bedienen sich die Kartelle einer effektiven PR-Maschinerie: Sie bezahlen für die Komposition von Narcocorridos. Und diese handeln vom Drogenhandel, erzählen davon, wie schwierig es ist, Kokain-Ladungen zu verstecken; wie man sich für die Schmuggeloperationen in die USA vorbereitet; wie man der Familie den eigenen Job erklärt. Am Ende feiern die Bands entweder den Sieg der Barone, die die Droge über die Grenze bringen, oder sie betrauern gescheiterte Aktionen und die Toten.

Für viele Mitglieder der mexikanischen Regierung ist das eine Apologie der Kriminalität. Die Narcocorridos ließen eine Mafia-Kultur florieren, in der Draufgänger, Schlägertypen und vulgäre Angeber auf der Suche nach schnellem Geld als Vorbilder gälten. Der tote Sänger Vega sang in seinen Liedern oft von Ganoven mit Versace-Hosen, Lederjacken und an der Hüfte hängenden 32-Kaliber-Gewehren. Politiker, die Mexikos Image verbessern wollen, haben deshalb auch dem Musikgeschäft den Krieg erklärt. Man sollte das Land lieber wieder mit den Mariachi-Hüten, Tortillas und Tequila verbinden als mit Gewalt und deren Legenden. Die Partei der Nationalen Aktion (PAN) verlangt Gesetze, um die Verbreitung der Songs zu stoppen und Produzenten hinter Gitter zu bringen.

Viele Musiker bestreiten stets, geschmiert worden zu sein. Doch für die meisten der rund 8000 Bands, die es in Mexiko gibt, wäre es schier unmöglich, in Bundesstaaten wie Sinaloa zu spielen, ohne einem Paten verpflichtet zu sein. Bei einem Gefecht mit der Polizei starb vergangenen Dezember einer der bekanntesten, der "Boss aller Bosse", der Sänger Arturo Beltrán Leyva. "Ohne Gewalt haben die Corridos keinen Grund zu existieren", sagte ein Produzent.

Sergio Vega hatte sein Leben im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko verbracht. Dass er zu tief in die Kartelle gesunken war, wusste er selbst. Kurz bevor er seinen Pyjama anzog und sich in seinem roten Cadillac auf den Weg zum nächsten Konzert machte, hatte er eine Radiostation besucht. Bereits seit Tagen kursierten in der Region Gerüchte über seinen Tod. "Ich, der über die krassesten Themen singe, hab ein bisschen Ängstchen und muss an Gott denken", sagte er in der Radioaufzeichnung. Dann wurde er erschossen.

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