2. Januar 2012, 13:38 Liszt-Biographien zum 200. Zwischen Trinker und Genie

Er war der erste Popstar unter den klassischen Pianisten. "Zur einen Hälfte Zigeuner, zur anderen Franziskaner". Wie schreibt man die Biographie eines umtriebigen Stars, in dem ein stiller Künstler steckte? Neuerscheinungen zum 200. Geburtstag von Franz Liszt.

Von Michael Stallknecht

Meine Biographie ist weit mehr zu erfinden als nachzuschreiben", sagte Franz Liszt zu Lina Ramann, als sie von 1874 bis 1894 an den drei Bänden der ersten profunden Biographie arbeitete. Nur welche? Die des glänzenden äußeren Lebens? Oder die innere eines Mannes, der immer wieder den Abstand suchte? Er sei, umschrieb der vor 200 Jahren in Ungarn Geborene, "zur einen Hälfte Zigeuner, zur anderen Franziskaner".

Franz Liszt 1886: ein Foto des französischen Fotografen Nadar (1820-1910)

(Foto: Getty Images)

Schon der 15-Jährige hatte sich nach dem Tod des Vaters für zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. "Le petit Litz", wie die Pariser das Wunderkind genannt hatten, verschlang die Weltliteratur, vertiefte sich in Gebetsbücher und trank wie ein Loch.

Als gereifter Künstler kehrte er zurück. Die Phasen aus Verinnerlichung und Depression aber blieben lebenslang ebenso wie - erst die jüngsten Biographien thematisieren es - der Alkoholismus. Liszt sehnte sich nach dem kontemplativen Leben.

Darin war er, der Starpianist, ein wirklicher Künstler, ein ernstzunehmender Komponist. Und doch hielt er auch die Einsamkeit zuletzt nie aus, pendelte noch von Rom aus, wo er nun tatsächlich als Geistlicher lebte, regelmäßig nach Weimar und Budapest, zu seinen jungen Klavierschülern. Im "Faust", neben der "Divina Commedia" das Zentralgestirn seines intellektuellen Lebens, identifizierte er sich mit Mephisto wie mit der Zerrissenheit des Titelhelden.

Die Muster kennt man auch von Popstars der Gegenwart. Liszt, der als Erster allein nur mit einem Klavier auftrat, dessen Gestik und Mimik sich beim Spielen ins Wahnhafte verzückte, ist das role model nicht nur aller klassischen Pianisten bis heute. In der schrillen Filmphantasmagorie "Lisztomania" von 1975 spielt Roger Daltrey von The Who den Liszt. "Biographie eines Superstars" nennt denn auch Oliver Hilmes seine Liszt-Biographie. Belagerte Hotels, Ohnmachtsanfälle, von Liszt benutzte Taschentücher als Fetisch:

Die Lisztomanie - Heinrich Heine prägte den Begriff - unterschied sich tatsächlich in nichts. Außer dass Liszts schrillster Anzug wohl die ungarische Landestracht war, seit er, der überzeugte Kosmopolit, wie mit so vielem, was politisch en vogue war, auch ein wenig mit der ungarischen Nationalbewegung kokettierte. Dass er in Marie d'Agoult zur Aufregung halb Europas eine leibhaftige Komtesse entführte, dann aber mit ihr vom Sozialismus träumte, ist kein Widerspruch, sondern typisch für Liszts doppelten Kampf um Authentizität, die "natürliche" des Adels einerseits, die des Aufgehens in der Masse andererseits.Doch über solche Bezüge hat sich Hilmes gar nicht erst Gedanken gemacht.

Nach seinen Biographien über die Liszt-Tochter Cosima und sonstige Teile des Wagner-Clans sah der Verlag in Hilmes wohl eine sichere Bank, entsprechend schnell geschrieben wirkt das Buch. Liszts vielfältige Charakterbrechungen? Alles nur weitere "Maskeraden" des Superstars, um sich interessant zu machen. Dass Hilmes offenkundig nichts von Musik versteht, jedenfalls über keinerlei Vokabular für sie verfügt, erleichtert die Sache, weil er so die Intensität von Liszts künstlerischer Suche gar nicht erst ausbreiten muss.

Der Vorwurf der "Schauspielerei" ist nicht neu. Schon viele Zeitgenossen Liszts sahen in seinen zahlreichen Benefizauftritten nur PR. Dass Liszt finanziell wie immateriell stets großzügig war, sich aber um seine Kinder kaum je kümmerte - Cosima verzieh es ihm nie und suchte sich in Wagner den Ersatzvater -, lässt den Verdacht nicht ungerechtfertigt erscheinen.

Hilmes aber bietet nur den reißerischen Zug und den halbscheelen Blick von unten, den man aus den Biographien aktueller Popsternchen kennt. Die Leugnung des historischen Abstands führt zu vorschnellen Wertungen und mechanischen Psychologismen.

Dass die andere der beiden buchmarktträchtigen Neuerscheinungen aufs genaue Gegenteil zielt, zeigt ihr Titel ("Genie im Abseits") ebenso wie der erhaben posierende Liszt auf dem Cover. Schon auf dem Höhepunkt seiner Karriere, so der Autor Michael Stegemann, habe Liszt das Publikum immer wieder in eigenen wie fremden Stücken radikal mit seinem künstlerischen Anspruch konfrontiert.

Doch sei er zugleich "gefallsüchtig" gewesen. Schlüssig argumentiert Stegemann, dass Liszts Vater - Leopold Mozart steht da ebenso im Raum wie Joe Jackson - zu viele eigene Sehnsüchte auf das Wunderkind projiziert hatte.

Doch im Wesentlichen bleibt Liszt für den Musikwissenschaftler und Komponisten ein bis heute verkannter Musterfall von Originalität. In vielen Einschätzungen folgt Stegemann Lina Ramann, die in den vergangenen Jahrzehnten eher als problematische, weil distanzlose Quelle galt. Die Remythisierung gelingt, weil Stegemann unter allen Neuerscheinungen fraglos am brillantesten schreibt.

Doch sein Kampf für Liszt als Märtyrer des Musikfortschritts wirkt denn doch ein wenig albern, wenn er dazu noch heute Schumann, Mendelssohn oder Brahms als konservative Betonköpfe inszenieren muss.

Die Standardbiographie der kommenden Jahre aber wird das Buch schon deshalb bleiben, weil es bei aller Nähe die Fakten klar ordnet und durchdenkt. Das ist bei Liszt noch immer nicht selbstverständlich. "Von allen Komponisten des 19. Jahrhunderts bleibt einzig Liszt noch vollständig zu erforschen", schrieb der britisch-kanadische Musikwissenschaftler Alan Walker in seinem 1997 beendeten dreibändigen Standardwerk, das leider nicht ins Deutsche übersetzt ist. Liszt hat nie viele Biographen auf sich gezogen, gerne wird auch derzeit einfach voneinander abgeschrieben.

Was dabei an Auslassungen, Fehlinformationen und offenkundigen Widersprüchen stehen bleibt, wäre bei keinem anderen Komponisten auch nur annähernd denkbar. Ebenso wenig der Umstand, dass derzeit noch vier verschiedene Werkverzeichnisse nebeneinander existieren.

An einem wissenschaftlich abgesicherten Liszt-Werke-Verzeichnis LWV, das im Henle-Verlag erscheinen soll, arbeitet die Ungarin Mária Eckhardt nun schon seit Anfang der 1980er Jahre. Die Liszt-Biographik kennt deshalb aber auch bezaubernd abgelegene Blüten wie die 2010 wiederaufgelegte Biographie der kenntnisreichen, aber etwas hüftsteif schreibenden Klára Hamburger. Oder sympathische Annäherungen wie die des Pianisten Jan Jiracek von Arnim, der einiges in Sachen Klavier beizusteuern weiß, aber etwas legendenhaft pittoresk bleibt.

Wer sich knapp informieren möchte, dem kann man guten Gewissens die Beck'sche Reihe Wissen empfehlen: Der Musikwissenschaftler Wolfgang Dömling schreibt hier mit der informativen Klarheit und souveränen Übersicht dessen, der bereits eine umfangreichere Biographie (Laaber-Verlag) vorgelegt hat, und vergisst über dem Leben ebenfalls die Musik nicht.

Vielleicht liegt es gerade auch am äußeren Gelingen dieses Lebens, dass seine Fakten in allen Biographien am Ende ein wenig blass und konturlos wirken. Muss man einen Liszt der inneren Konflikte tatsächlich erfinden?

Christian Linder, der bereits einige experimentelle Porträts vorgelegt hat, wagt einen interessanten Ausfall, wenn er den Künstlerroman in verwandelter Gestalt wieder aufnimmt. Ein Aufenthalt von Liszt und Marie d'Agoult auf der Rheininsel Nonnenwerth wird exemplarisch für Liszts Träume und Melancholie. Doch leider zergeht darüber auch das Buch in einem einzigen langatmigen Lyrizismus.

Superstars haben kein zweites Leben. Die Rolle bleibt Fluch wie Refugium zugleich. Schon die Zeitgenossen verstehen nicht, dass Liszt sich mit 38 Jahren aus der Karriere schleicht und nach Weimar zurückzieht. Denn dort sind die Musen längst vom Hof gejagt, Provinz und Weltbürgertum nicht länger vereinbar.

In der ersten umfangreichen Monographie zu Liszts zweitem Lebensabschnitt zeigt Wolfram Huschke, Leiter des Franz-Liszts-Zentrums der Weimarer Musikhochschule und Präsident der Deutschen Liszt-Gesellschaft, wie Bürokratie und Spießertum dem außerordentlichen Kapellmeister des Hoftheaters Steine in den Weg legen. Doch bleibt Liszt auch durch seine Sehnsucht nach einem authentischen Leben Außenseiter.

Ein verschworener Jüngerkreis und das Zusammenleben mit der aus Russland geflohenen, steinreichen und stets von Zigarrenschwaden umdunsteten Fürstin zu Sayn-Wittgenstein bilden nicht von ungefähr schon die Ikonographie der Kommune aus. Liszts "Klangfarbenlabor", dessen künstlerische Intention wie Umsetzung Huschke detailliert zeichnet, wird Modellfall bis heute für den geistigen wie finanziellen Konflikt zwischen der Kleinstadt und dem aus der Urbanität kommenden Theaterleiter mit Genieattitüde.

Wie bei auffällig vielen Popstars erfüllt sich auch bei Liszt die künstlerische Ekstase zuletzt in der spirituellen Suche. Der Abbé Liszt behält die Soutane selbst beim Dirigieren an. Wenn Hilmes auch hier nur die Maske sieht und die Ernsthaftigkeit bestreitet, ist das schon deshalb Unsinn, weil der Vatikan am Ende des 19. Jahrhunderts nur nostalgischer Abglanz seiner selbst ist.

Doch haftet an der ganzen Szenerie tatsächlich ein tieftheatrales Moment, wie im neuen Bildband von Ernst Burger auf zeitgenössischen Fotografien und Gemälden sichtbar wird. Liszt wohnt in spektakulär verlassenen Klöstern, im Vatikan gleich neben den Stanzen des Raffael oder mitten auf dem Forum Romanum.

Er gilt als eine der Sehenswürdigkeiten Roms, Besucher zupfen dem Ex-Star Haare als Souvenir aus. Pius IX. kommt vorbei und singt zu Liszts verstimmtem Klavier die Auftrittsarie der Norma (sic!) aus Bellinis Oper. Der brillant recherchierte Band ist ein optisches wie intellektuelles Vergnügen. Burger macht in einer weiteren Neuerscheinung die Aufzeichnungen von Lina Schmalhausen über Liszts Tod in Bayreuth zugänglich.

Die gedachte Kluft aber zwischen dem Entertainer und dem Originalgenie ist bis heute geblieben.

In einem 1976 gehaltenen Vortrag "Was bedeutet uns Franz Liszt?" hatte der Musikwissenschaftler Andreas Holschneider eine "Liszt-Renaissance" konstatiert, die danach als Schlagwort lange weit verbreitet war. Die 1950er und 1960er Jahre hatten in Liszts gerade erstmals den progressiven Komponisten als eigenen Vorfahren entdeckt.

Doch fragte auch Holschneider: "War er wirklich ein großer Komponist oder nur einer der 'interessantesten' des 19. Jahrhunderts?" Wenn die beiden Platzhirsche Oliver Hilmes und Michael Stegemann eines beweisen, dann, dass bei Liszt, als habe es die Postmoderne nie gegeben, noch immer Rolle und Authentizität gegeneinander ausgespielt werden. Von einer Liszt-Renaissance könnte in der Gegenwart dann weniger denn je die Rede sein. Das beweist der Stand der Biographik ebenso wie die bestürzend magere Ausbeute in den Konzertsälen.

Vielleicht aber bekommt Liszt ja dann endlich eine Chance, wenn man ihn einmal jenseits dieses auch von ihm selbst gepflegten Dualismus betrachtet. Mit der vom Autor betreuten Übersetzung eines französischen Kompendiums hat der kleine studiopunkt-Verlag bereits vor zwei Jahren die noch immer umfangreichste, sachlichste und zugleich liebenswerteste Neuerscheinung in Sachen Liszt vorgelegt. In dem äußerlich schwerfälligen Band zeichnet der Musikwissenschaftler Serge Gut ein komplexeres Lisztbild gerade dadurch, dass er Einheit nicht mehr interpretierend erzwingt.

Einem breiten biographischen Abriss folgen Schlaglichter zu Liszts weltanschaulichen Haltungen, seiner pianistischen Technik oder seinen Beziehungen zu Kollegen. Quellen und Tabellen dürfen oft für sich sprechen. Der Superstar vermittelt sich sinnlicher, wenn man in Konzertprogrammen, Reiseplänen oder der Liste der in einem Monat bewältigten Diners schmökert.

Unentbehrlich aber wird das Buch durch die Werkschau des zweiten Teils. Serge Gut betreibt keine Verklärung in die eine oder andere Richtung, weil er weiß und anerkennt, dass es bei Liszt Haupt-, Neben- und unerträglich misslungene Werke gibt. Drucklos hierarchisiert er, ordnet ein und stellt ausgiebig vor, was wirklich bleiben wird oder zur Wiederentdeckung reizt. Da ist er doch noch: der ganze Liszt. Wenn auch in Stücken.

CHRISTIAN LINDER: Sommermusik - Ein Liebestraum Franz Liszts. Capriccio. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2011. 422 S., 29,90 Euro.

MICHAEL STEGEMANN: Franz Liszt: Genie im Abseits. Piper Verlag, München 2011. 528 S., 26,99 Euro.