31. März 2011, 12:53 Kabarettist Urban Priol Kassandra im Hobbykeller

Mit seinem Auftritt bei der Anti-Atom-Demo wollte Urban Priol den Anschein erwecken, hier sei ein großer, tabuloser Provokateur am Werke. Aber Priol ist kein Provokateur. Er macht Kabarett auf dem kleinsten intellektuellen Nenner.

Von Hilmar Klute

Seit vier Jahren repräsentiert der unterfränkische Unterhaltungskünstler Urban Priol mit seiner Show Neues aus der Anstalt das politische Kabarett im Zweiten Deutschen Fernsehen. Priol stellt sich damit in die Nachfolge der großen zeitkritischen Satiresendung von Dieter Hildebrandt, Notizen aus der Provinz. Zur Erinnerung: Hildebrandts Wortmeldungen waren seinerzeit im semijournalistischen Stil gehaltene Kassiber an die politische Klasse, seine Ästhetik war die pointierte Bloßlegung von Staatsrhetorik, kurz: Der Zuschauer hatte es mit bemerkenswerter Sprachartistik als Gegenmittel zur Verlautbarkeitsprosa der deutschen Politik zu tun.

Urban Priol ist ein entfesselter Keifer, eine affektierte Heulboje mit eingebautem Politikerhass. Mit ihm zeigt das ZDF, was es heute für Satire hält.

(Foto: dpa)

Man muss ein derart fettes Gütesiegel nachträglich an die Kultur des alten deutschen Fernsehkabaretts pappen, um zu begreifen, dass diese Kunstanstrengung inzwischen durch eine von hilfloser Hampelei und sprachlicher Verlotterung bestimmte Vulgärsatire abgelöst worden ist, als deren Protagonist Urban Priol vor ein paar Tagen auf einer Bühne am Münchner Odeonsplatz stand.

Priols Auftritt sollte das Unterhaltungsprogramm einer Demonstration gegen Kernenergie sein, und es ist ja oft so, dass Künstler, die auf derartigen Happenings gastieren, ohne Maske auftreten - als Sympathisanten einer guten Sache, eins mit dem erbosten Volk. Wohl deshalb trug Priol nicht wie sonst sein Bühnen-Outfit, welches mit bunten Hawaiihemden den unbedingten Willen dieses Mannes zur hemmungslosen Witzigkeit ausdrücken soll. Priol, in blauem Hemd und Jacke, ließ seine ungeölte Wortmaschine anlaufen, und das hörte sich so an: Der Amtseid von Angela Merkel laute, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, unkte der Kabarettist. Und die Volte, bei priolsüchtig-affirmativen Klatschmaschinen auch Pointe genannt, lautete: "So. Warum gehst du dann nicht endlich?"

Jeder Laie kann diesen Witz machen, jedem Thekenhocker stehen derartige Aperçus zur Verfügung. Urban Priol macht Kabarett auf dem kleinsten intellektuellen Nenner. Er ist ein entfesselter Keifer, eine affektierte Heulboje mit eingebautem Politikerhass, und seine komplett witzfreie Münchner Rede war von der eines im gerechten Zorn erstickenden Volkstribuns durch wenig zu unterscheiden. Hinsichtlich der Solidaritätsbekundungen für Karl-Theodor zu Guttenberg schäumte er: "Hier verteidigen adelsbesoffene obrigkeitshörige Untertanen-Würstchen auf Facebook die verlorene Ehre eines arroganten blasierten...", und der Rest des von jeder Kunstanstrengung freien Idiosynkrasie-Gebrülls ging im Jubel der Menge unter, der endlich mal jemand die Augen geöffnet hat, wie widerwärtig die politische Klasse sei.

Priols Rede vor der Feldherrnhalle gipfelte in der Mutmaßung, die RAF-Terroristen, die einst den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführten und ermordeten, würden heute für den Wirtschaftsminister - der wie ein Fisch im Anspielungsreichtum der deutschen Sprache schwimmende Priol nennt ihn "Rainer, das schnelle Brüderle" - den Kofferraum wieder aufsperren und sagen: "Bitte geh."

Es ist wohl in erster Linie die konsequente Abkehr von jeder künstlerischen Bemühung, die jemanden in Stand setzt, mit Vergleichen zu arbeiten, die den Anschein erwecken sollen, hier sei ein großer, tabuloser Provokateur am Werke. Aber Priol ist kein Provokateur, dazu fehlen ihm Geist und intellektuelle Kühnheit. In Wahrheit ist Urban Priol das Schießgewehr eines entfesselten Spießbürgertums, das alle Politiker an den Galgen wünscht, weil es sie grundsätzlich für verlogen, machtgierig und korrupt erachtet.

Den zaghaften Einwänden, die einige Medien gegen diese primitive, der Dumpfheit aufs Engste verbundene Darbietung erhoben, wurde in den Internetforen in einer Weise der Krieg erklärt, die den Eindruck erweckt, wer diese Hobbykeller-Kassandra angreife, versündige sich so maßlos, dass kein Purgatorium ihn säubern könne.

In der Wahrnehmung der Kabarett-Gemeinde ist Urban Priol das oberste Korrektiv einer Gesellschaft, die von einer unberechenbaren Junta regiert wird. Jedes noch so wohlfeile Gerempel dieses Mannes wird als politische Offenbarung angesehen, und Priol muss nur den Namen der Bundeskanzlerin aussprechen, um johlendes Einverständnis darüber herzustellen, dass Angela Merkel blöd sei. Parteiintern laufe Merkel unter dem Decknamen Lady Gaga, sagt er und weiß natürlich nicht, dass Lady Gaga eine witzige, kluge und großartige Sängerin ist. Vordergründig mag dieser Einwand beckmesserisch sein, in Wahrheit zeigt er aber, wie ungenau, schlampig und willkürlich im politischen Kabarett mit Sprache und Witz umgegangen wird.

Darf Satire alles?

Witzig, klug und großartig - Urban Priol ist das Gegenteil von all dem. Sein Fernsehkabarett Neues aus der Anstalt ist programmpolitisch nichts als eine bescheiden budgetierte Pflichtnische, weil man ein bisschen satirisch-kritisches Gelaber braucht. Die anvisierten Politiker werden die dilettantischen Suaden kaum anfechten, dazu ist das alles zu mau und simpel.

Das gute und wahre Tucholsky- Wort, Satire dürfe alles, wird inzwischen immer wieder als Feigenblatt an die Lenden unzureichend durchbluteter Politclowns wie Urban Priol, Georg Schramm und Bruno Jonas gepappt. Und leider ist das Fernsehen zum Wegsehen vollgestellt mit schlecht informierten, unsauber zielenden, ästhetisch flächendeckend unbeleckten, verschwitzten Polit-Witzarbeitern.

Satire darf alles? Ja, Gott, in einer Demokratie darf ja jeder fast alles sagen. Man soll aber bitte nicht vergessen, dass die Satire eine Kunstform ist - und dass Kurt Tucholsky diesen Satz nur schrieb, weil er wusste, dass Satire ausschließlich dann zugreifen kann, wenn sie eine souveräne Distanz zu ihrem Gegenstand gefunden hat. Priol hat das nie verstanden. Er weiß nicht, dass ein politischer Kabarettist niemals auf dem wohlplanierten Feldherrnhügel der Meinungshoheit stehen darf, sondern selbst Teil seines Redens sein muss.

Große Kleinkünstler wie Hildebrandt und Frank-Markus Barwasser - der aus unbegreiflichen Gründen neben Priol in der Anstalt spielt - haben in ihre Redefiguren immer einen kunstvollen Dilettantismus eingebaut, eine klug ausgesteuerte Selbstminimierung, aus der die Schärfe der wirkungsmächtigen politischen Pasquille destilliert wird. Das politische Kabarett in Deutschland, es ist längst tot. Urban Priol ist der hausmeisterhafte Wiedergänger einer gewesenen Kultur.