30. Dezember 2018, 18:58 Graphic Novel Widerstand ist Pflicht

Ein Mann zeigt Zivilcourage unter Hitler und in der DDR. Ein Zeitzeugnis, das in Bild und Text dokumentiert: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht". Für Jugendliche, um sie für Zeitgeschichte zu begeistern.

Von Siggi Seuß

Der Historiker Jochen Voit und der Comic-Künstler Hamed Eshrat rücken das Leben von Jugendlichen im NS-Staat in der Graphic Novel "Nieder mit Hitler! Oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte" ins Bild. Die Geschichte, die die Erfahrungen von fünf jungen Leuten aus Erfurt beleuchtet, fällt allerdings aus dem Rahmen der üblichen Comic-Erzählungen. Sie beruht auf der wahren Lebensgeschichte des 91-Jährigen evangelischen Pfarrers Karl Metzner. In den frühen 1940er-Jahren lernte er den Fabrikbesitzersohn Jochen Bock kennen. Jochen war ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus. Karl wurde ihm zum Seelenverwandten. Im Sommer 1943 gründeten sie, zusammen mit drei Schulfreunden, eine Widerstandsgruppe und druckten und verteilten Flugblätter mit Texten des antifaschistischen Nationalkomitees "Freies Deutschland". Kurze Zeit später wurden sie von Mitschülern denunziert, von der Gestapo verhaftet und wegen "Hochverräterischer Umtriebe" angeklagt. Der befürchteten Todesstrafe entgingen sie nicht zuletzt deshalb, weil ihr Klasslehrer ihnen ein gutes Leumundszeugnis ausstellte. Karl wurde nach achteinhalb Monaten Haft aus der Strafanstalt entlassen.

Tragische Ironie der Geschichte: Karl Metzner geriet als Geistlicher in der DDR noch einmal ins Visier der Staatssicherheit. Man versuchte vergeblich ihn zu erpressen und für Spitzeldienste in Kirchenkreisen anzuwerben. 1989 war er einer der Akteure der Bürgerbewegung. Auf den letzten Seiten der Graphic Novel findet man eine Illustration, die den Geistlichen unter einer Vielzahl von Menschen auf dem Erfurter Domplatz für eine friedliche Revolution demonstrieren sieht. Das Bild wird von einem Transparent beherrscht, dessen Aussage auch das Leitmotiv der Geschichte ist: "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."

Jochen Voit und Hamed Eshrat filtern diese These aus Karls Ich-Erzählung nicht als kategorischen Imperativ heraus. Sie zeigen vielmehr in glaubwürdigen Dialogen und spannenden Perspektivwechseln in der Bildgestaltung, wie gefährlich das Insistieren auf eigener Integrität in einer Diktatur sein kann. Der Autor - begleitet von den eindruckvollen Zeichnungen von Hamed Eshrat- belegt, - mit welchen Konsequenzen Individualisten selbst in einer naiven Form des Widerstands rechnen mussten.

Jugendliche, die dem Lesen von historischen Romanen nicht unbedingt zugewandt sind, könnte diese klassische Form einer Graphic Novel als wunderbarer Türöffner dienen, um der Zeitgeschichte näher zu rücken. (ab 12 Jahre)

Jochen Voit: Nieder mit Hitler! Oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte. Mit Illustrationen von Hamed Eshrat. avant-verlag, Berlin 2018. 152 Seiten, 20 Euro.