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Geisteswissenschaften:Feueralarm zwischen Hegel und Marx

Vortrag von Jürgen Habermas am 19.6.2019 an der Goethe-Universität Frankfurt, Foto: Jürgen Lecher.

Der "Maulwurf der Vernunft" trotzt gelassen äußerlichen Hindernissen: Jürgen Habermas am Mittwoch im Hörsaal 1 in Frankfurt.

(Foto: Jürgen Lecher)

Im Geist der Aufklärung: Jürgen Habermas sprach einen Tag nach dem 90. Geburtstag an "seiner" Universität Frankfurt.

Auch ein Feueralarm kann Jürgen Habermas nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen. Er zeigt sich von der Unterbrechung seines Vortrags an seiner alten Wirkungsstätte, der Frankfurter Goethe-Universität, unbeirrt und sogar "dankbar für die zusätzliche Publizität".

Als derjenige, der seit den Sechzigerjahren das Erbe der Gesellschaftstheorie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno durch seine Untersuchungen zur Öffentlichkeit grundlegend erneuert hatte (SZ vom 18. Juni), weiß Habermas natürlich, dass in Zeiten von Twitter unvorhergesehene Zwischenfälle größere Aufmerksamkeit erzeugen als der eigentliche Inhalt seines Vortrags: das Verhältnis von "Moralität und Sittlichkeit". Aber auch wenn dieses, wie Habermas selbst sagt, "gar nicht originelle Thema" bereits aus seinen älteren Arbeiten bekannt ist, gewährt er doch außerdem einen ersten Einblick in sein neues, im Herbst erscheinendes Buch.

In der ersten Hälfte seines Vortrags, den er einen Tag nach seinem 90. Geburtstag zur Feier desselben hält, bringt Habermas das Denken von Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel miteinander ins Gespräch - derjenigen Denker also, die ihn zeitlebens besonders prägten. Hegel kritisierte Kant dafür, dass Autonomie bei ihm ein bloß abstraktes Prinzip sei. Kants kategorischem Imperativ, so zu handeln, "dass die Maxime des Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", fehle es verglichen mit den eingewöhnten Sitten schlicht an Geltungskraft. Daraus schloss Hegel auf den Vorrang der Sitten vor der Moral.

Tausende müssen wegen eines Alarms die Hörsale räumen - aber manche interessiert nur ein Selfie mit Habermas

An dieser Stelle setzt Habermas an. Mit seiner rechten Hand energisch gestikulierend, hat er die Beine im Stehen lässig überkreuzt. Die Zuhörer wirken beeindruckt von diesem agilen Vortragsstil des Neunzigjährigen und eingenommen von seinem Witz. Etwa, wenn er ironisch reflektiert versucht, seinen "nicht ganz so leichten Autonomiebegriff" zu erklären. Autonomes, selbstbestimmtes Handeln könne zwar nur als Ergebnis entgegenkommender Gemeinschaften entstehen; so weit stimmt er Hegel zu. Die kritische Stimme der Moral aber, in welcher Habermas die "Einspruchsinstanz" gegen Ungerechtigkeiten sieht, dürfe darum nicht verstummen; darin hält er an Kant fest. Um diese Gedanken für unsere Gegenwart greifbar zu machen, will Habermas dann auf Karl Marx' Kritik des Kapitalismus zu sprechen kommen - als plötzlich der Alarm ausgelöst wird.

Insgesamt müssen 3000 Zuhörer den Hörsaal 1 und die fünf weiteren, per Videostream zugeschalteten Hörsäle räumen. Noch während Habermas nach anfänglicher Verwunderung ruhig vom Rednerpult wegtritt, um in Begleitung seiner Frau ebenfalls das Gebäude zu verlassen, werden erste Bitten um Selfies an ihn gerichtet. Die Person Habermas hat offenbar eine solche Strahlkraft, dass für ein Foto mit ihm selbst die eigene Sicherheit und die anderer vernachlässigt wird. Der "öffentliche Gebrauch der Vernunft", den der Habermas-Schüler Rainer Forst in seinem Grußwort als Schlüssel zu dessen Denken beschrieben hatte, scheint vorübergehend ausgesetzt. Habermas aber bleibt stoisch, vertritt sich die Füße bei Temperaturen von knapp 30 Grad im Schatten der Bäume und "will sich", wie er sagt, "von so etwas doch nicht unterkriegen lassen". Nachdem sich der Alarm als offenbar mutwillig ausgelöste Störung seines Vortrags erwiesen hat, fährt Habermas nach dieser, in seinen Worten, "willkommenen Erfrischung" ohne Weiteres im Skript fort.

Eine nationale "Politik der Krisenvermeidung" reicht nicht, warnt der Philosoph

Der Kapitalismus, so nimmt er den Faden wieder auf, weise eine gewisse "Naturwüchsigkeit" auf. Er scheint unveränderlichen Naturgesetzen zu folgen, denen sich die Menschen aus guten Gründen zu fügen hätten. Man denke nur an das sogenannte Tina-Prinzip ("there is no alternative"), das Politiker immer dann beanspruchen, wenn sie die Menschen von der angeblichen Alternativlosigkeit ihrer Entscheidungen zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit überzeugen wollen. Für Habermas aber war seit jeher klar: Die Tatsache, dass wirtschaftliche Zwänge die Handlungsfähigkeit der Politik beschneiden, darf sich nicht zur Einschränkung der öffentlichen Autonomie ausweiten. In einer Demokratie, die den Namen verdient, müssen die Bürgerinnen und Bürger die Gesetze, unter denen sie leben wollen, selbst bestimmen können - und keine Marktmacht. Und um diese Selbstgesetzgebung heute gegenüber der Macht des globalen Wirtschaftssystems durchzusetzen, braucht es nach Habermas keine nationale "Politik der Krisenvermeidung", sondern eine gestaltende Politik auf transnationaler Ebene. Diese könne aber, so seine Pointe, allein aus dem sittlichen Band einer geteilten Streitkultur hervorgehen, das über kulturelle Unterschiede hinweg gemeinsames politisches und sogar solidarisches Handeln ermögliche. Ein sowohl politisch selbstbestimmtes als auch sittlich gutes Zusammenleben sei so auch in den modernen Gesellschaften über die Nationalstaaten hinaus realisierbar.

Mit Bezug auf sein neues Buch sagt Habermas abschließend, dass die Vernunft in der Geschichte wie ein Maulwurf arbeite. Im Bewusstsein dessen, möglicherweise die falsche Richtung einzuschlagen oder auf Hindernisse zu stoßen, grabe die Vernunft unbeirrt weiter. Auf den 1700 Seiten von "Auch eine Geschichte der Philosophie" spürt Habermas den entsprechenden Spuren in der Geschichte nach. Hoffnungsvoll sagt er: "Aber der Maulwurf der Vernunft ist nur in dem Sinne blind, dass er den Widerstand eines ungelösten Problems erkennen kann, ohne zu wissen, ob es eine Lösung geben wird. Dabei ist er hartnäckig genug, um sich trotzdem in seinen Gängen voranzubuddeln." Der Glaube an einen Funken Vernunft, der immer dann aufflackert, wenn Menschen auf Probleme stoßen, sich um Lösungen bemühen und dabei dazulernen, ist in Jürgen Habermas ungebrochen. In ihm lebt der Geist der Aufklärung weiter, die, wie er es einmal ausdrückte, "kantische Gesinnung des Dranbleibens trotz Allem" - auch trotz eines Feueralarms.