27. Oktober 2010, 11:40 Autobiographie von Keith Richards Ein Song, eine Nase

Sehr wenig Schlaf, unfassbar viele Drogen, Frauen nur am Rande - aber bei Mick Jagger hört der Spaß auf: Die Autobiographie des "Rolling Stones"-Gitarristen Keith Richards ist die Geschichte einer Sucht.

Von Jens-Christian Rabe

Es hat keinen Zweck, drum herumzureden, deshalb tun wir es auch nicht: Dieses 723 Seiten lange Buch in seniorenfreundlicher Zwölf-Punkt-Schrift ist im Kern eine als Autobiographie getarnte Dokumentation eines erstaunlichen Menschenversuchs. Oder vielmehr des Teils davon, der in der Medizin Anamnese genannt wird. Die Geschichte einer Sucht aus der Sicht des Süchtigen.

An diesem Dienstag erschienen: die Memoiren des Rolling Stones-Gitarristen Keith Richards.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Deshalb gibt es dieses Werk. Wenn es nach dem Verlag gegangen wäre, so wird erzählt, hieße das Buch My Life. Keith Richards selbst soll auf dem Manuskript das "My" jedoch kurzerhand durchgestrichen haben. So macht man aus einer abgenudelten Phrase ein unverwechselbares Lick. "My Life" wurde schon tausend Mal geschrieben, "Life" nicht. Ganz abgesehen davon, dass das biologisch-experimentelle Moment dieses Projekts so schon im Titel anklingt. Mit anderen Worten: Nach wie vor kein Superstar beherrscht die Kunst des Weglassens so virtuos wie der alte abgezockte Minimalist Keith Richards.

Die Versuchsanordnung ist einfach: ein weltberühmter britischer Rock-'n'-Roll-Gitarrist, sehr wenig Schlaf und unfassbar viele Drogen. Letzteres und Vorletzteres sind unschlagbare Werbemittel, aber keine ideale Vorbereitung auf die Niederschrift von Lebenserinnerungen. Der Autor weiß das, und er weiß, dass wir es wissen. Deshalb bemühte er sich im Vorfeld der Veröffentlichung darum, Bedenken dieser Art zu zerstreuen. Er wies also ausdrücklich darauf hin, selbst überrascht und erleichtert darüber gewesen zu sein, wie gut sein Gedächtnis bei der Zusammenarbeit mit seinem Ko-Autor James Fox noch funktionierte. Auf der vorderen Innenklappe des Schutzumschlags des soeben erschienenen Buchs steht sogar faximiliert: "This is the life. Believe it or not I haven't forgotten any of it."

Gigantische Menge unnützen Wissens

Tatsächlich verblüfft und erschöpft immer wieder, wie genau sich Keith Richards nicht nur an alte Blues-Helden und ihre Aufnahmen erinnert, sondern auch an die Protagonisten der Londoner Plattensammler-Szene der frühen sechziger Jahre. Die Menge an unnützem Wissen in diesem Buch ist dementsprechend gigantisch.

Der Drummer beim ersten Auftritt der Band als The Rollin' Stones am 12. Juli 1962 im Marquee Club war übrigens Mick Avory und "nicht Tony Chapman, wie es die Geschichte rätselhafterweise überliefert hat -, am Bass stand Dick Taylor". Gut, dass das jetzt endlich geklärt ist.

Andererseits ist Life voller Protokolle von Weggefährten, denen jeweils offen ein besseres Gedächtnis zugestanden wird. Die Schilderung von Ronnie Woods Band-Initiation etwa, bei der Keith Richards acht Gramm reines pharmazeutisches Kokain auf einmal schnupfte, wird aus den Aufzeichnungen des Dealers rekonstruiert: "Dann schob ich zwei gleich große Häufchen mit etwa acht Gramm für Keith und mich und ein Häufchen mit vier Gramm für Ronnie zurecht."

Überhaupt: die Drogengeschichten. Das Kerngeschäft, wenn man so will, also einer der drei wesentlichen Gründe dafür, warum das Buch vor drei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse gegen 5,5 Millionen Euro Vorschuss an den amerikanischen Verlag Little, Brown and Company ging.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, was mit Mick Jagger angeblich nicht stimmte.

Keith Richards' Autobiographie: Life

Faltung bewahren

Die schönste Treibstoff-Anekdote ist vielleicht Richards' Bekenntnis, mit sechzehn gelegentlich die Tabletten geschluckt zu haben, die seine Mutter Doris gegen ihre Menstruationsbeschwerden nahm. Toll aber auch die Regel: "Ein Song, eine Nase", die sich Richards und Wood während der Tour 1975 auferlegten: "Wir sorgten dafür, dass auf der Bühne hinter den Lautsprechern kleine Verstecke eingebaut wurden, so dass wir zwischen den Songs was schnupfen konnten."

Übrigens war hier ebenfalls das reine Merck-Kokain die Droge der Wahl, über dessen Vorzüge es auch einen liebevollen kleinen Exkurs gibt. Ebenso wie darüber, wie man während des Aufkochens von Heroin erkennen kann, ob zu viel Streckmittel verwendet wurde (es sollte nicht schwarz werden). Oder darüber, wie man verhindert, dass man den Stoff, den man in einem zwielichtigen Haus oben gekauft hat, nicht unten am Eingang gleich wieder abgenommen bekommt (die Glühbirnen im Treppenhaus ausschießen und zur Sicherheit noch ein paar Kugeln in die Wände jagen).

Drogen lassen sich einfacher teilen

Womit wir direkt bei den Gründen zwei und drei für den Rekord-Vorschuss wären: den mitunter heftigen Band-Streitigkeiten und den Frauen. Wie man schon aus der ersten Autobiographie eines Stones-Mitglieds weiß, dem 1990 erschienenen Buch Stone Alone des ausgestiegenen Gründungsmitglieds und Archivars der Band Bill Wyman, lässt sich das nicht allzu gut trennen. Drogen lassen sich einfacher teilen als Frauen oder Ruhm.

Stone Alone war über weite Strecken vor allem eine Materialschlacht, die belegen sollte, dass nicht Jagger oder Richards die meisten Groupies im Bett hatten, sondern der stille Wyman. Der Bandleader Richards steht in seiner Version der Geschichte diesbezüglich nicht ganz so stark unter Druck. Dass er Brian Jones Anita Pallenberg ausspannte, wird eher beiläufig erwähnt.

Nur bei Mick Jagger hört der Spaß auf. Denn der hatte Ende der sechziger Jahre während der Dreharbeiten zu einem Film eine Affäre mit Richards' langjähriger Freundin Pallenberg, die der Gitarrist bis heute offenbar nur schwer verkraftet. Und so zeigt sich in Kapitel sieben der mittlerweile 66-jährige, alterweise englische Gentlemen als das wilde Alphatier, als das man ihn sich dankenswerterweise immer noch auch vorstellen darf: "Aber weißt du was, Mick, währenddessen habe ich Marianne (Jaggers damalige Freundin Marianne Faithfull) gevögelt." Und Pallenberg habe sowieso keine Freude mit Jaggers "winzigem Pimmel" gehabt; er wisse, dass der Sänger "zwei gigantische Eier" habe, "aber das macht den Spalt auch nicht voll, oder?" Originalton: "She had no fun with the tiny dodger."

Überraschende Wucht

Dass die beiden Herren schon lange eher eine distanzierte Geschäftsbeziehung als eine Freundschaft unterhalten, war bekannt. Dass die Wut noch so weit reicht, ist eine kleine Überraschung. Vielleicht jedoch erzählt die Tatsache, dass Jagger das Manuskript vor Drucklegung einsehen durfte, noch viel mehr über dieses lustige Paar des Pop.

Man täte dem Buch jedoch großes Unrecht, wenn man es einfach bei diesen Angelegenheiten beließe. Denn wenn nicht alles täuscht, kann man aus ihm mehr über den Blues und die Grundlagen der Popmusik erfahren als aus allen großen Musikmagazinen dieser Welt.

Absätze wie dieser über Jimmy Reeds Gitarrenstil stehen nämlich auch darin, und gar nicht allzu selten: "An dieser Stelle bringt Jimmy Reed einen betörenden Refrain. Eine melancholische Dissonanz. Die Beschreibung dessen, was er da macht, ist sogar für Nicht-Gitarristen interessant. Anstatt den konventionellen Barrégriff zu spielen, den H7-Akkord, lässt er das H einfach links liegen, die A-Saite nachklingen und schiebt einen Finger über die D-Saite nach oben bis zur Septime. So gelingt ihm dieser gespenstische Ton, der gegen das offene A klingt. Man verzichtet also auf die Stammtöne zugunsten der Septime. Glaubt mir. Das ist erstens das Faulste und Schlampigste, was man in dieser Situation tun kann, und zweitens die brillanteste musikalische Erfindung aller Zeiten."

Life. Mit James Fox. Aus dem Englischen von Willi Winkler, Wolfgang Müller und Ulrich Thiele. Heyne Verlag, München 2010. 736 Seiten, 26,99 Euro.