bedeckt München 28°

"1914 - Welt in Farbe":Das Leuchten vor dem Krieg

Ein einmaliges Archiv aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Der Idealist Albert Kahn schickte Fotografen um die Welt, um mit der neuen Technik der Farbfotografie das Leben ferner Menschen und Kulturen zu dokumentieren. 100 Jahre später sind die Bilder in einer Ausstellung in Bonn zu sehen.

1 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Paris

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Ein einmaliges Archiv aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Der Idealist Albert Kahn schickte Fotografen um die Welt, um mit der neuen Technik der Farbfotografie das Leben ferner Menschen und Kulturen zu dokumentieren. 100 Jahre später sind die Bilder in einer Ausstellung in Bonn zu sehen.

2014 wird das Jahr des Rückblicks auf den Beginn einer der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts werden. Viel wird da von Imperialismus und Nationalismus zu sehen und lesen sein, von aberwitziger Aufrüstung, von Vorurteilen und kultureller Arroganz. Eine Schau in Bonn zeigt nun eine andere Seite der Epoche. "1914 - Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg" heißt die Ausstellung, die in den kommenden Monaten im LandesMuseum Bonn zu sehen sein wird. Der gleichnamige Begleitband ist im Hatje Cantz Verlag erschienen. Im Mittelpunkt: das Projekt "Les Archives de la planète" des jüdischen Bankiers Albert Kahn.

Im Bild: Eine Familie in der Rue du Pot de fer, fotografiert von Stéphane Passet am 24. Juni 1914 in Paris.

2 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Paris

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Kahn, im Elsass 1860 in bescheidenen Verhältnissen geboren, hatte sich in der Pariser Finanzwelt bereits zu einem der reichsten Männer Europas hochgearbeitet, als er 1908 begann, seine große Idee eines Fotoarchivs umzusetzen.

Die Welt war farbig, und so sollte sie auch festgehalten werden. Erst wenige Jahre zuvor hatten die Brüder Lumière ein Verfahren zur Farbfotografie patentieren lassen. Kahn war begeistert und schickte Fotografinnen und Fotografen aus, um überall in Europa, Afrika und Asien Menschen und ihre Umgebung abzubilden.

Im Bild: Das "Moulin Rouge", fotografiert von Stéphane Passet im Juni/Juli 1914 in Paris.

3 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Sarajevo

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Google Bilder. Instagram. Facebook. Kein Mensch wird heute einen Bruchteil der Bilder wahrnehmen können, die ihm alle Ecken der Welt zeigen könnten. Vor 100 Jahren war Fotografie kostbar, und was die Fotografen zu Kahns wachsendem Archiv beisteuerten, wurde bald zu einem einmaligen Mosaik der kulturellen Vielfalt der Welt.

Rückblickend erscheinen auch unspektakuläre Alltagsszenen wie diese in neuem Licht. Die friedliche Marktszene wirkt unwillkürlich traurig beim Gedanken, dass hier in Sarajevo nur zwei Sommer später der Erste Weltkrieg seinen Auslöser finden würde.

Im Bild: Brothändler auf dem Markt, fotografiert von Auguste Léon am 15. Oktober 1912 in Sarajevo im heutigen Bosnien-Herzegowina.

4 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Fès

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Kahns Auftragsfotografen reisten weit für ihre Motive. So standen im "Archiv des Planeten" Bilder aus Nordafrika ...

Im Bild: Portrait eines senegalesischen Scharfschützen von Stéphane Passet im Januar 1913 im marokkanischen Fès.

5 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Karinberget

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

... gleichberechtigt neben Aufnahmen aus dem skandinavischen Bürgertum ...

Im Bild: Frisch verheiratetes Paar im Fotoatelier, fotografiert von Auguste Léon am 28. August 1910 in Karinberget, Laksund, Schweden.

6 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Bombay

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

... oder Szenen aus der britischen Kolonie Indien.

Wenn die Menschen einander wahrnehmen und respektieren, so glaubte Albert Kahn, würden Kriege vermeidbar. Diese Hoffnung sollte er selbst bald zerschlagen sehen. Wenn sein Archiv also nicht sein großes idealistisches Ziel erreichen konnte, so gilt es heute immerhin als wertvolle ethnologische Dokumentation.

Im Bild: Brahmanen und Sadhus, fotografiert von Stéphane Passet am 17. Dezember 1913 in Bombay.

7 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Benguerir

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Gestellte Aufnahmen waren zur Zeit von Kahns Projekt Standard. Geschönt wirken die Bilder seiner Auftragsfotografen dennoch nicht.

Im Bild: Dorfbewohner, fotografiert von Stéphane Passet im Winter 1912/1913 im marokkanischen Benguerir.

8 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Krusevac

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Von heute aus betrachtet geben die Fotografien Einblicke in längst vergangene Welten, ...

Im Bild: Geflügelverkäuferinnen auf dem Markt, fotografiert von Auguste Léon, 29. April 1913 in Krusevac im heutigen Serbien.

9 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Mostar

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

... viele zeigen idyllisch wirkende Momentaufnahmen von Orten, die im kollektiven Gedächtnis längst von anderen Bildern überlagert wurden. Wie etwa dieses Foto aus Mostar. Die abgebildete Alte Brücke, das Wahrzeichen der Stadt, wurde im Bosnienkrieg 1993 zerstört. Neu aufgebaut zählt sie seit 2005 zum Welterbe der Unesco.

Im Bild: Die Alte Brücke, fotografiert von Auguste Léon am 29. April 1913 in Mostar im heutigen Bosnien-Herzegowina.

10 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Istanbul

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Wie eindrucksvoll viele der Bilder für diejenigen wirken mussten, die Kahns Sammlung bewundern durften und selbst nicht so weit gereist waren wie die Fotografen, lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Der Kontrast der farbenfrohen Aufnahmen zu den damals bekannten Schwarz-Weiß-Bildern muss aber enorm gewesen sein.

Im Bild: Gruppe armenischer Frauen und Mädchen, fotografiert von Stéphane Passet im September 1912 in Istanbul.

11 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Istanbul

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Für heutige Betrachter werden die Bilder aus dem "Archiv des Planeten" auf andere Weise faszinierend - durch den Vergleich mit aktuellen Bildern.

Im Bild: Straßenszene, fotografiert von Stéphane Passet im September 1912 im Quartier Pera (heute: Beyoğlu), Istanbul.

12 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Ulaanbaatar

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Für sich stehend wirken viele der Bilder rätselhaft. Die Geschichte etwa dieses mongolischen Verurteilten und seiner Aufseher erschließt sich durch die Momentaufnahme in keiner Weise.

Doch Kahn ging es um das große Ganze. Etwa 72.000 farbige Diapositive und zusätzlich etwa 100 Stunden Filmmaterial kamen während zwei Jahrzehnten zusammen, er führte sein Archiv auch nach dem Ersten Weltkrieg fort.

Im Bild: Verurteilter und Wärter im Gefängnis, fotografiert von Stéphane Passet am 25. Juli 1913 im mongolischen Ulaanbaatar.

13 / 13

"1914 - Welt in Farbe":Wien

-

Quelle: Musée Albert-Kahn, Département des Hauts-de-Seine

Was den jüdischen Bewohnern dieser Wiener Gasse noch bevorstand, ahnten weder der unbekannte Fotograf dieser Aufnahme, noch der Mäzen Kahn.

Auch für Kahn sollte die Zukunft bittere Zeiten bringen. Zwar konnte er sein Projekt des Weltarchivs noch bis Ende der zwanziger Jahre persönlich weiterführen. Der große Börsencrash 1929 ruinierte ihn jedoch, er starb 1940 inmitten des neuen Weltkriegs verarmt in Boulogne-sur-Seine.

Sein "Archiv des Planeten" jedoch hat alle Krisen überstanden. Kahn ist durch diverse Dokumentarfilme, Bücher und Ausstellungen vor der Vergessenheit bewahrt. Das Jubiläumsjahr 2014 lenkt nun erneut den Blick auf das Erbe von Kahn und anderen Pionieren der Fotografie.

Im Bild: Die "Judengasse", fotografiert von einem Unbekannten am 23. April 1913 in Wien.

"1914 - Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg". Ausstellung im LVR-LandesMuseum Bonn, bis 23. März 2014, danach in Baden-Baden und Berlin. Weitere Informationen unter www.landesmuseum-bonn.lvr.de. Der Begleitband "1914 - Welt in Farbe" ist im Hatje Cantz Verlag erschienen, 2013, ca. 144 Seiten, ca. 135 Abb., 24,80 Euro.

© Süddeutsche.de/cag/hum/odg

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite