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18-CD-Box von Bob Dylan:Anstrengende Reise in den Sound

Wenn es also außer der Copyright-Sicherung (und der Aussicht auf eine Geldanlage) keinen auf Anhieb einleuchtenden Grund gibt für den Kauf einer 18-CD-Box, so lohnt sich der Blick darauf, was eigentlich mit einem selbst passiert, wenn man sich die sogenannte Deluxe-Version ohne Unterbrechung im siebenstündigen, nächtlichen Selbstversuch anhört.

Man begibt sich auf eine faszinierende, aber auch anstrengende Reise in den Sound, oder besser gesagt: in die Anatomie eines sich in radikaler Veränderung befindlichen Sounds. Dylan lässt in einem Akt der Emanzipation das lineare Erzählen, den Protestsong und die sichere Rückendeckung einer Volksbewegung hinter sich. Er hat ganz offenbar eine konkrete Idee im Kopf, einen genuin neuen Klang, den er unbedingt auf Tonband bannen will, bevor sich die Idee verflüchtigt. Das setzt ihn unter Zeitdruck.

Musiker werden berufen und ausgetauscht. Aufnahmesessions werden in verschiedenen Studios gebucht und bis in die Morgenstunden ausgereizt. Immer wieder wird der Aufnahmeprozess von Tourneeverpflichtungen unterbrochen. Während Dylan die musikalisch noch dem Folk verbundenen, aber lyrisch bereits auf Neuland wandelnden Songs wie "Gates of Eden" oder "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)" auf dem noch halb akustischen Album "Bringing It All Back Home" meist im ersten Take gelingen, ist der Findungsprozess der voll elektrifizierten Nummern umso mühsamer und endet oft in Sackgassen.

Frustrierendes Tasten und Suchen

Die "The Cutting Edge"-Sammlung dokumentiert das frustrierende Tasten und das Suchen und zunehmend auch das Erzwingen eines höhenlastigen, quecksilbrigen Soundgemenges aus Mundharmonika, Orgel, elektrischer Gitarre und Stimme, das Dylan später als "that thin, that wild mercury sound" bezeichnen wird. Dylan kennt Godards Film "À bout de souffle" aus dem Jahr 1959, er geht in Warhols Factory ein und aus, hat mutmaßlich Affären mit Nico und Edie Sedgwick. Er ist angetrieben von der Vision, die von ihm so geliebte, tief in der amerikanischen Tradition verwurzelte schwarze Blues-Musik mit der weißen Moderne zu kreuzen.

Auf dem Weg von der Idee bis zur Umsetzung entstehen eine ganze Reihe umwerfender, verworfener Blues-Songs, auf denen andere Musiker ganze Karrieren aufgebaut hätten. Und es gibt auf "The Cutting Edge" schmerzhafte Momente der Orientierungslosigkeit, in denen sich andeutet, wie grandios Dylan auch hätte scheitern können, wenn er nicht dem Rat seines Produzenten Bob Johnston gefolgt wäre und die Sessions vom rastlosen New York ins ruhigere Nashville verlegt hätte. Das bedeutete nicht zuletzt einen Clash zwischen Dylan, dem zukunftssüchtigen, Amphetamine schnupfenden, rastlosen Hipster aus Manhattan, und den gewerkschaftlich organisierten, tiefenentspannten Studio-Cracks der Nashviller Country-Szene. Zwischen ihnen: ein Graben, der überwunden werden muss.

Die siebenstündige Odyssee von "The Cutting Edge" offenbart, wie zwischen dem Januar 1965 und Februar 1966 jene drei Alben langsam aber sicher ihre Form annahmen, die aus heutiger Sicht wie ein glatter Schnitt die Geschichte der amerikanischen Musik in ein Vorher und ein Nachher trennen.

Nur noch gleißende Gegenwart

Als das zwölfminütige, epische Liebeslied "Sad-Eyed Lady of the Lowlands" schließlich den Hörmarathon beendet, ist die Metamorphose vom politisch korrekten Kumpeltypen zum fraktalen, leuchtenden, nunmehr unerreichbaren Popstern endgültig vollzogen. Majestätisch und selbstverständlich klingt dieser Take. Zwischen den Hörer und den Sänger schieben sich Erschöpfung und eine schwer beschreibbare Form der Entfremdung - eine Entfremdung, die überhaupt erst einen freien, unverstellten Blick auf dieses Jahrhundertalbum "Blonde on Blonde" möglich macht.

Nach sieben Stunden "The Cutting Edge" nämlich erklingt "Blonde on Blonde", übrigens das erste Doppelalbum der Musikgeschichte, in seinem thin, wild mercury sound, in seiner schlaflosen, ätherischen Schwerelosigkeit so modern wie nie zuvor - ein Album, das wir meinten zu kennen, klingt mit einem Mal so überreizt und schwebend, als gäbe es kein Morgen mehr und keine Vergangenheit, sondern nur noch gleißende Gegenwart.

© SZ vom 23.11.2015/jobr
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