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150. Jubiläum:Ein Kartengruß an die Ansichtskarte

Historische Ansichtskarte aus München, Ende des 19. Jahrhunderts. Das Motiv zeigt eine Straßenszene vor dem damals "Königlichen Hofbräuhaus".

(Foto: imago stock&people)

Liebe Postkarte, Du bist die Mutter aller Whatsapp-Grüße und Tweets. Wir bleiben Dir treu!

Von Christine Dössel

Liebe Postkarte,

an diesem Donnerstag vor 150 Jahren, am 16. Juli 1870, ist zum ersten Mal ein Exemplar von Dir in Deutschland postalisch verschickt worden - von dem Drucker und Buchhändler August Schwartz aus Oldenburg. Er versandte das Papier nach Magdeburg. Dein Urahn war eine Karte mit einer Holzschnittvignette, die Ansichtsseite nicht vollständig bedruckt, wie später üblich, sondern nur versehen mit einem Artilleriebildchen, aber immerhin: Den zuvor kursierenden "Correspondenzkarten" zur rein schriftlichen Kommunikation war damit ein entscheidendes Motiv hinzugefügt worden. Man darf also gratulieren. Ohne Ansicht wäre aus Dir nie eine Ansichtskarte geworden!

Beeindruckend, was für eine Karriere Du seitdem hingelegt hast und welch historische Relevanz Dir eignet, als Feldpost-Kriegsgewinnlerin ebenso wie als Begleitprodukt des Massentourismus und Gegenstand der Philokartie. Wer hätte das gedacht von so einem Winzling von Druckerzeugnis, noch dazu einem so schamlos unverhüllten, offen lesbar für alle. Diese "unanständige Form der Mitteilung" wurde anfangs noch inkriminiert, dabei bist Du, wie wir heute wissen, die Mutter aller Whatsapp-Grüße, Tweets und Instagram-Storys.

Dass die elektronischen Medien mit ihrer superschnellen Bild-Text-Übermittlung Dir den Garaus zu machen drohen, ist bitter. Aber wisse, liebe Postkarte, es gibt uns noch, den kleinen Kreis Deiner treuen Anhänger. Menschen, die ganze Urlaubstage mit dem umständlichen analogen Akt des Postkartenkaufens, -schreibens, -adressierens und -aufgebens verbringen und sich auch von dem Hürdenlauf zur Beschaffung von Briefmarken nicht abschrecken lassen. Die schon Züge verpasst haben, weil sie vor Abreise schnell noch einen Briefkasten finden mussten. Die dennoch das Kartenschreiben als heiligen Akt der Freundschaftspflege von unterwegs zelebrieren. Und stets über den Rand hinaus schreiben. Weil nie reicht der Platz ... In diesem Sinne herzliche Grüße!

© SZ vom 16.07.2020

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