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15. goEast-Festival in Wiesbaden:Fingerzeig für die Ukraine

Szene aus "Obicni Ljudi" ("Ganz normale Menschen") von Vladimir Perišić.

Ein ganz normaler Tag im Leben eines Soldaten: In dem goEast-Beitrag "Obicni Ljudi" ("Ganz normale Menschen") macht der Serbe Vladimir Perišić den psychischen Missbrauch von jungen Männern im Krieg anschaulich.

(Foto: goEast-Festival)

Im Krieg verliert jeder: Das 15. goEast-Festival in Wiesbaden zeigt auf, dass militärische Siege bei den Zerfallskriegen im Kaukasus und auf dem Balkan langfristig nichts wert waren. Für die Kriegsparteien in der Ukraine könnte die Erkenntnis hilfreich sein.

In der Ukraine herrscht seit vergangenem Jahr Krieg, und der Westen rätselt noch immer, wie er mit dieser neuen Konfliktsituation umgehen soll. Wie schwierig eine politische Lösung der Auseinandersetzung sein wird, machte in diesem Jahr auch das goEast-Festival für den ost- und mitteleuropäischen Film in Wiesbaden bei seiner 15. Ausgabe erschreckend deutlich.

Ein einfaches Beispiel reichte, um aufzuzeigen, dass die Entwicklung in der Ukraine nicht etwa einen Strategieschwenk des Kremls bedeutet, sondern vielmehr einem alterprobten Muster der russischen Politik folgt. Ein "eingefrorener Konflikt", wie er im Donbass günstigstenfalls ausverhandelt werden kann, ist in anderen Regionen Osteuropas seit Jahrzehnten bittere Realität. Warum also sollten sich die Dinge in der Ukraine schnell beruhigen?

Beiden Konfliktparteien in der Ukraine wäre etwa ein Gespräch mit dem früheren abchasischen Sportminister Rafael Schlaterowitsch Ampar zu empfehlen, den die zwei polnischen Regisseure Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski in den Mittelpunkt ihrer mehrfach prämierten Dokumentation "Domino Effekt" stellen, um die bizarre Situation in der "Republik Abchasien" zu illustrieren: "Früher war ich zuversichtlich, dass wir eines Tages ein stolzes und freies Land sein werden, in dem man gut leben kann", sagt Ampar an einer Stelle des Films.

Rafael Ampar mit seiner Frau Natascha in "Domino Effekt" von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski.

(Foto: goEast-Festival)

Doch diese Zuversicht ist einem Pessimismus Ampars gewichen, die einen der Film mit mit den Händen greifen lässt: 1993 kämpfte er für die Unabhängigkeit Abchasiens von Georgien, den die Abchasier mit ähnlich verdeckter Militärhilfe aus Moskau für sich entschieden, wie sie der Kreml nun auch den Separatisten in der Ukraine gewährt.

Doch zur Blüte eines "Monacos am Schwarzen Meer", wie es sich die Bewohner des subtropischen Schwarzmeer-Idylls erträumt hatten, reifte der Ministaat in den zwei Jahrzehnten seither nie heran. Von kaum einem Land der Welt anerkannt, ist Abchasien zu einem Ort der Perspektiv- und Trostlosigkeit heruntergekommen - wirtschaftlich am Boden und und in totaler Abhängigkeit von Russland, das die kleine Republik als bloßen Spielball begreift, um seinen Einfluss in der Region geltend zu machen.

Unfähig zur Vergebung

Den Krieg gewonnen, den Frieden verloren - das vernichtende Fazit, das Niewiera und Rosołowski im Falle Abchasiens ziehen, ließe sich allerdings durchaus verallgemeinern. Denn dass im Krieg alle verlieren, zeigte goEast in diesem Jahr anhand zahlreicher weiterer Exempel auf, die sich in Osteuropa seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 in Fülle studieren lassen - ob im Donbass, im Kaukasus oder auf dem Balkan.

In dem kroatischen Wettbewerbs-Spielfilm "Kosac" ("Der Sensenman") skizziert Regisseur Zvonimir Juric etwa eine verhärmte Nachkriegs-Gesellschaft, die in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation zur Vergebung nicht mehr in der Lage ist. In langen wortlosen Einstellungen macht der Film das Totschweigen für sein Publikum unmittelbar erfahrbar, setzt aber etwas zu sehr darauf, dass es seine "Botschaft ohne Worte" versteht.

Die Sprachlosigkeit ist es auch, die die junge kroatische Regisseurin Tiha Gudac zu ihrer sehr persönlichen und berührenden Doku "Goli" ("Nackte Insel") veranlasste, die darlegt, wie die willkürliche Inhaftierung des Großvaters auf einer Strafinsel in Titos Jugoslawien eine ganze Familie noch Jahrzehnte danach derangiert.

Eines Tages verschwand der Großvater spurlos. Vier Jahre später tauchte er wieder auf - schwer krank und traumatisiert. Szene aus "Nackte Insel" von Tiha Gudac.

(Foto: goEast-Festival)

Der Großvater sprach nach seiner Freilassung aus Angst vor Repressionen nicht über seine Torturen auf der "Nackten Insel", die Mutter hinterfragte das Geschehene nicht, weil sie davor zurückschreckte, an den wunden Punkten zu rühren - so ergeben sich Verstümmelungen der Psyche über Jahrzehnte hinweg, die in diesem Fall noch nicht einmal auf einen bewaffneten Konflikt zurückgehen: Tito richtete seine Straflager wegen einer Paranoia ein, die der "Kalte Krieg" im blockfreien Jugoslawien heraufbeschwor.