Süddeutsche Zeitung

"1001 Nights Apart" im Kino:"Ich könnte jeden Moment sterben"

Lesezeit: 3 min

Tanz ist in Iran verboten - trotzdem will eine Underground-Gruppe diese Kunst am Leben erhalten. Der Dokumentarfilm "1001 Nights Apart" erzählt ihre Geschichte.

Von Sofia Glasl

Auf dem Weg ins Kino tanzt eine junge Frau mit den Passanten in den Straßen Teherans, ohne dass die es merken. Sie geht hinter ihnen, scheint ihnen einen Arm umzulegen, tänzelt um sie herum, rollt sich ab, um ihnen auszuweichen und wieder im Strom der Fußgänger zu verschwinden. Vor der Ruine des Kinos Laleh im ehemaligen Vergnügungsviertel bleibt sie stehen. "Ich liebe diesen Ort, denn früher wurde hier getanzt", sagt sie. Der alte Hausmeister steht nervös an der Seite, als sie durch den Zuschauerraum geht. Die Farbe ist von den Wänden abgeblättert, die Stuhlreihen fehlen und es liegt allerlei Unrat herum. Doch die Bühne steht noch und sie wagt ein paar Schritte darauf. Es komme regelmäßig jemand zur Kontrolle, sagt der Mann entschuldigend, daher wäre es ihm wohler, wenn sie bald wieder gehen könnte.

Die Guerilla-Tänzerin weiß selbst, dass ihr Besuch ein Risiko ist, denn Tanz ist in Iran seit der Islamischen Revolution 1979 strafbar. Das bis dahin international beachtete Iranische Staatsballett musste sich auflösen, die Ensemblemitglieder gingen ins Exil, um ihren Beruf weiter ausüben zu können. Die Dokumentarfilmerin Sarvnaz Alambeigi ist auf seltene Videoaufnahmen einer ihrer Inszenierungen gestoßen: "Tausendundeine Nacht". Sie will versuchen, die früheren Stars mit dem heutigen Underground-Ensemble zusammenzubringen, zu dem die Tänzerin gehört.

"Auch wenn ich noch zehn Mal geboren werde, würde ich mich für kein anderes Leben entscheiden."

Alambeigi beobachtet die neun Tänzerinnen und Tänzer beim Erarbeiten von Choreografien in einem Keller-Studio. Darin geht es um Unterdrückung, Frauenrechte und die Suche nach einer eigenen Ausdrucksmöglichkeit. Sie erhält Einblicke in ihr Leben abseits der Gesellschaft und des Verständnisses der konservativen Familien. Sie fragt nach ihrem Antrieb und letztlich wird Scheherazade aus dem alten Stück zur Metapher ihrer Untergrundkunst: Wie die persische Geschichtenerzählerin ihren Tod jeden Tag mit einem Cliffhanger verlängert, wollen sie den Tanz am Leben erhalten, indem sie ihn gegen das Vergessen fortschreiben und nun ihre Geschichten vor laufender Kamera erzählen. Dass sie sich und ihre Familien einem Risiko aussetzen, ist ihnen bewusst. "Ich werde nächstes Jahr 30 und könnte jeden Moment sterben. Aber auch wenn ich noch zehn Mal geboren werde, würde ich mich für kein anderes Leben entscheiden", sagt eine von ihnen unter Tränen. Oft lachen und weinen sie in ihren Tänzen gleichzeitig. Sie wissen um die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens.

Womit die jungen Leute ihren Lebensunterhalt verdienen, blendet Alambeigi bewusst aus. Der Tanz ist ihre Berufung und wäre er nicht verboten, auch ihr Beruf. Solche Leerstellen machen "1001 Nights Apart" zu einer beklemmenden Reflexion über den Überlebenswillen von Kunst in einem Land, das jeglichen Widerspruch von Kritikern kurzerhand bestraft, um zu verhindern, dass sich Allianzen bilden. Dass die Filmemacher Jafar Panahi, Mohammad Rasoulof und Mostafa Al-Ahmad kürzlich erneut verhaftet wurden, weil sie sich gegen Polizeigewalt aussprachen, ist eines der wenigen Beispiele, die international Aufmerksamkeit bekommen, weil die drei sich immer wieder gegen Berufsverbote gestemmt haben. Sie sind natürlich nicht die Einzigen.

Die alten Mitglieder des Staatsballetts zögern daher, in ein Land zurückzukehren, das nicht mehr ihres ist, weil es den Tanz vergessen hat. Nur einer von ihnen erklärt sich bereit, die iranische Truppe nach Rotterdam an das Theater einzuladen, an dem er arbeitet - organisatorisch nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, denn Visa sind schwer zu bekommen.

Er wisse nicht, ob er den Jungen etwas beibringen könne, sagt ein anderer am Telefon, sein Tanz-Vokabular sei ja ein vollkommen anderes. Er äußert damit eine Befürchtung, die in allen Gesprächen im Raum steht: Die junge Generation hat Sorge, trotz all ihrer Anstrengung nicht mehr verstanden und deshalb vergessen zu werden. "Ich wusste nicht einmal, was Ballett ist", sagt die Guerilla-Tänzerin einmal, als sie von ihrer Kindheit erzählt. Damals tanzte sie nur für sich, doch erst im Austausch mit einem Gegenüber wird Kunst zur Kommunikation. "Wollen Sie mit mir tanzen?", fragt sie dann den Hausmeister im Kino. "Ich wüsste nicht wie", antwortet der Alte verlegen und macht ihr dann doch alle Bewegungen nach. Er lächelt breit. Ihre beschwingte Entschlossenheit ist bemerkenswert und lässt kurz hoffen, dass auch hier Einzelne eine Veränderung herbeiführen können.

1001 Nights Apart, Deutschland/Iran/USA 2021 - Buch und Regie: Sarvnaz Alambeigi. Mit: Ideh Abootalebi, Sina Saberi, Mitra ZiaeiKia, Soroush Kariminejad, Faezeh Rokhfirooz, Aidin Irankhah, Kourosh Mohamadi, Donya Rohani, Mostafa Shabkhan, Sanaz Raeisi. Real Fiktion Filmverleih, 80 Minuten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5625363
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/dbs
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.