bedeckt München 20°

100 Tage Elbphilharmonie:Eineinhalb Stunden lang geradezu körperlich attackiert

Kent Nagano erzählt von Plácido Domingo. Dieser suche sich auf der Bühne immer die Stelle, von der seine Stimme am besten klinge. Nagano und seine Musiker suchten in Hamburg ebenfalls nach einem "hot spot". Die übliche Sitzordnung wurde verändert. Jetzt sitzen sie auf weniger Podien und näher an der Rückwand. So entstehen mehr Reflexionen, der Klang wird wärmer und homogener. Vor allem aber spielen sie nun deutlich anders als in anderen Sälen. Die ersten Geigen müssen die Wärme in der Tiefe bewusst produzieren, der fehlende Nachhall wird durch Tonverlängerungen ausgeglichen, dem Zerfall der Phrasen durch ein übertriebenes "Aneinanderkleben" der Töne begegnet. Allein die ersten drei Takte des langsamen Satzes haben sie eine halbe Stunde lang geprobt. Ein dermaßen überzogenes Spiel dürfte an anderen Orten artifiziell wirken, in Hamburg ist es notwendig.

In allen Sälen erfahren: Kent Nagano.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Doch obwohl Nagano und sein Orchester nach diesen Vorbereitungen im Konzert ein sehr viel besseres und genaueres Klangergebnis liefern, als es Thomas Hengelbrock und seiner Truppe am Vortag mit Beethovens Siebter gelingt, wirkt Bruckners Achte dennoch wie ein akustischer Frontalangriff. Der Hörer wird eineinhalb Stunden lang geradezu körperlich attackiert, von klar strukturierten, aber allzu heftigen Tonkaskaden. Der Klang des Saals, der eigentlich der Musik dienen sollte, setzt sich gegen die Musik durch. Kent Nagano und sein Orchester werden noch viel arbeiten müssen, bis sie die Akustik dieses Raums in den Griff bekommt.

Die große und mit herrlichen Klangfarben ausgestattete Klais-Orgel klingt in diesem Raum vollends nackt, bloß und kalt. Im langen Nachhall einer Kirche hätten Iveta Apkalna und Christian Schmitt mit ihrem Poulenc-, Bach- und Messiaen-Spiel Staunen erregt. In der Elbphilharmonie aber wird jede Nuance und jede Ungenauigkeit vergrößert, die Fortissimo-Akkorde reißen unvermittelt ab und die Stücke zersplittern in unverbundene Klangatolle. Da sehnt sich der geplagte Hörer plötzlich nach einer Nachhallanlage wie in der Berliner Lindenoper.

Nun hängt alle Akustik zuerst - das lehrt die Reise durch Europas Konzertsäle und das bestätigt auch Karlheinz Müller - von der architektonischen Form ab. Ein quaderförmiger Saal mit Podium vorn, ansteigendem Parkett und ein bisschen Balkon ist akustisch leichter in den Griff zu bekommen als die wie ein Vulkankrater unregelmäßig aufsteigende Elbphilharmonie, in der das Podium beinahe in der Mitte und in den umlaufenden Rängen untergebracht ist. Für Säle der ersten Art hat sich das abschätzige Wort "Schuhschachtel" eingebürgert. Die anderen Räume werden nicht ganz zutreffend als Weinberg-Säle gepriesen, obwohl sie eher einer Arena oder einem Zirkus ähneln. Längst schon kann kein Architekt mehr einen prestigeträchtigen Wettbewerb mit einer "Schuhschachtel" gewinnen. Damit ist es seit Hans Scharouns Berliner Philharmonie vorbei, die 1963 die Ära der Konzertarenen begründete und anfangs als "Circus Karajani" verspottet wurde.

In solchen Arenen sitzt kein Hörer übermäßig weit weg von den Musikern. Wenn die Saalwände aber sehr steil sind, sagt Karlheinz Müller, würden oft die Hörer benachteiligt, die nicht in Schallrichtung der Musiker sitzen. Zudem könne sich der direkte Schall aufgrund der engen Bauweise nicht richtig mit dem durch Reflexionen entstehenden Raumklang vermischen. Außerdem seien die Reflexionsflächen bevorzugt auf die Musiker gerichtet, damit diese sich gut hörten. Und bedingt durch die enge Bestuhlung gebe es oft zu wenig Flächen, die für die nötigen Reflexionen und den Nachhall sorgen könnten. In Hamburg gibt es nur wenige solcher Reflexionsflächen. Das erkennt selbst ein Laie, wenn er die Elbphilharmonie mit Paris, Kopenhagen, Katowice, München, Berlin oder Luzern vergleicht - Säle, die alle wärmer, ausgeglichener und nachhallender klingen.

Bei Konzertsälen wird heute pro Zuhörer mit etwa zehn Kubikmeter Raumvolumen gerechnet. Übersteigen Säle ein Raumvolumen von 20 000 Kubikmetern, kann der Klang die Luftmassen nicht mehr angemessen bewegen. Gerade die hohen Töne werden dann, wie es in Hamburg geschieht, körperlos matt. Bei vielen Neubauten wird diese Höchstmarke überschritten. Während der Musikvereinssaal mit 16 000 Kubikmeter auskommt, weist der Münchner Gasteig 24 000 und die Pariser Philharmonie sogar 38 000 Kubikmeter auf. Ein Luftbefeuchter sei dann das Einzige, was noch helfen könne, sagt Karlheinz Müller. Denn Feuchtigkeit dringe wie ein Schmiermittel zwischen die den Klang übertragenden Luftatome. Sie würden dadurch beweglicher.

Das analytische Klangbild moderner Säle ähnelt dem Schriftbild einer Partitur. Deren Klarheit ist für Laien verblüffend, doch die Zusammenhänge erschließen sich nur dem Kenner. Zumal auch die für die westliche Kunstmusik so wichtigen Faktoren wie Wärme, Geheimnis, Mystik, Vision, Lockung in solch einem Klangbild keinen rechten Platz haben. In Hamburg fällt es deutlich auf, wie sehr sie fehlen. In abgeschwächter Form nimmt man den Mangel aber auch in den Toyota-Sälen von Kopenhagen und Katowice wahr. Und er ist auch in Paris zu erkennen, wo Toyota anfangs an den Planungen beteiligt war, dann aber von der Firma Marshall Day abgelöst wurde.

Jean Nouvels Pariser Philharmonie ist als Bau so spektakulär wie die Elbphilharmonie. Der Saal ist ebenfalls einladend hell, aber zugleich so verwinkelt, dass der Hörer ständig über den Sinn der sich willkürlich dahin schlängelnden Formen nachdenkt und darüber fast das Hören vergisst. Auch hier klingen hohe Streichertöne dürr, die Bläser satt. Beim Konzert von Mikko Franck mit seinen Radio-France-Philharmonikern fehlt es im "Zarathustra" von Richard Strauss an den ganz großen Klangentladungen, während das intime Adagietto aus Gustav Mahlers Fünfter wie ein Traum vorüberschwebt. Der Klang erinnert an Hamburg, ist aber ausgeglichener. Und ein Meisterdirigent wie Mikko Franck kann immer wieder die Akustik vergessen und grandios Musik machen.

Hamburg

Elbphilharmonie hat ihre "weiße Haut"

In Katowice dagegen ist der Saal schuhschachtelig regelmäßig, dunkel und von Respekt heischender Größe. Die unheimliche Atmosphäre grundiert als Irritation das Hörerlebnis. Wie in Hamburg und Paris sind Klarheit und Genauigkeit oberstes Gebot, zarte und leise Passagen gelingen Mariss Jansons und seinen BR-Sinfonikern hinreißend. Jansons gibt sich in dem ihm neuen Saal mit einer Anspielprobe zufrieden. Kurz nur setzt er sich ins Parkett. Dann beginnt das Konzert.

Das Muster bleibt, nach wie vor, Hans Scharouns Berliner Philharmonie

Besser als die Säle in Hamburg, Paris und Katowice klingt der dänische Rundfunksaal in Kopenhagen. Denn der von außen unspektakuläre Kubusbau enthält einen nicht allzu steilen und zudem nur mäßig unregelmäßigen Arenenbau aus hellem Holz. Fabio Luisi hat deshalb keinerlei Probleme, Gustav Mahlers Siebte Sinfonie detailreich und lebendig aufzufächern.

Nach all diesen Erfahrungen ist Berlins Philharmonie dann eine Wohltat. Der nur mäßig ansteigende Arenensaal ist intimer als die Pariser Philharmonie, die Unregelmäßigkeiten sind nur bei genauem Hinschauen zu bemerken und stören nie das Hören. Dabei hat Simon Rattle mit der Oper "Le Grand Macabre" von György Ligeti keineswegs ein dezentes oder feinsinniges Stück angesetzt. Schon die von Hupen gespielte Ouvertüre ist vor allem Lärm. Nicht auszudenken, wie das in Hamburg klänge. Der von dem seinerzeit führenden Münchner Akustiker Lothar Cremer betreute Scharoun-Saal moderiert die schrägsten Detonationen, integriert sie zu einem stimmigen Ganzen.

Nach kleineren Anpassungen hat sich die im Vergleich zum Musikvereinssaal direktere und klarere Akustik in Berlin als das moderne, bis heute Maßstäbe setzende Klangideal durchgesetzt. Yasuhisa Toyota aber will offenbar ein ganz neues Akustik-Modell entwickeln, das zudem eine sehr viel radikalere Umstellung der Hör- und Musiziergewohnheiten erfordert als einst die Berliner Philharmonie. Die spannend Frage ist jetzt, ob er damit Erfolg haben wird oder ob die Hamburger Philharmonie als Akustikdebakel in die Geschichte eingehen wird.

Gasteig Eine halbe Milliarde für den Gasteig - dabei ist seine große Zeit längst vorbei

Kultur

Eine halbe Milliarde für den Gasteig - dabei ist seine große Zeit längst vorbei

München sollte lieber Geld in die kulturelle Entwicklung der Stadtviertel investieren.   Kommentar von Karl Forster