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100. Geburtstag von Astrid Lingren:"Pippi war mir peinlich"

"Dann legte sich plötzlich ihre Hand auf meine...": Deutsche Schriftsteller schreiben über ihre Beziehung zu Astrid Lingren - und über ihr Verhältnis zu Pippi.

Paul Maar, Peter Härtling, Alexa Hennig von Lange und Burkhard Spinnen

Ein Mädchenbuch!

100. Geburtstag von Astrid Lingren; AFP

Der Schriftsteller Paul Maar über Pippi: "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das Buch zu kaufen, selbst wenn ich das Geld gehabt hätte"

(Foto: Foto: dpa)

Von Paul Maar

Astrid Lindgrens Bücher sind lange an mir vorbeigegangen. Ich erinnere mich, dass ich "Pippi Langstrumpf" zum ersten Mal im Schaufenster einer Schweinfurter Buchhandlung sah. Das muss um das Jahr 1950 gewesen sein. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das Buch zu kaufen, selbst wenn ich das Geld gehabt hätte. Erstens war dem damals Dreizehnjährigen klar: "Das ist ein Mädchenbuch." Außerdem gefiel mir die auf dem Titelbild dargestellt Pippi überhaupt nicht, mit ihrer birnenförmigen Gesichtsform und der aufgebogenen Nase.

Die nachfolgenden Bücher von Astrid Lindgren wie "Kalle Blomquist" hätten mir besser zugesagt. Aber es dauerte einige Jahre, bis auch die Schweinfurter Buchhändler die Qualität von Lindgrens Büchern entdeckt hatten und ihnen einen Platz im Schaufenster zuwiesen. Da war ich aber schon bei Hemingway, Faulkner und Chandler angekommen und blickte mit leichter Verachtung auf diese "Literatur für die Kleinen".

So hatte ich, als ich Astrid Lindgren bei einem Treffen im Oetinger-Verlag persönlich kennenlernte, noch nie ein Buch von ihr gelesen. (Was ich ihr dezent verschwieg.) Ich war so beeindruckt von Astrids Charme, ihrem Humor und ihrer Ausstrahlung, dass ich mir - zu Hause angekommen - sofort einen kleinen Stapel ihrer Bücher anschaffte und endlich die längst fällige Lindgren-Lektüre nachholte.

Wie schade, dass ich mir als Kind diesen Bücherschatz entgehen ließ.

Im nächsten Abschnitt: Peter Härtling erzählt, warum Astrid Lindgren ihn bedauert hat.

"Pippi war mir peinlich"

Die leichte Hand

100. Geburtstag von Astrid Lingren

Der Schriftsteller Peter Härtling: "Ihre Hand war leicht wie der Punkt am Schluss dieses Satzes."

(Foto: Foto: dpa)

Von Peter Härtling

Ihre Stimme, kräftig und tenoral gefärbt, reichte, um Pippi aus dem Takatukaland nach Hause zu rufen. Wir traten gemeinsam in der Berliner Akademie der Künste auf, und zu meiner Überraschung änderte sich ihre Stimme. Ich hörte nicht mehr die allmächtige Schöpferin Pippis, sondern eine alte Frau, die das Kind in sich ruft. - Sie las am Abend für Erwachsene, und ich, der jüngere Kollege, sollte sie einführen.

Ich lese, was ihr nicht kennt, sagte sie, nichts von Pippi und Kalle. Sie las aus ihrem Erinnerungsbuch "Das entschwundene Land", erzählte von ihren Eltern, zitierte alte Liebesbriefe, führte sich und ihre Zuhörer in ihre Kinderheimat. Als wir dann nebeneinander an einem Tisch saßen, um unsere Bücher zu signieren, legte sich plötzlich ihre Hand auf meine: Das alles hast du nicht gehabt, sagte sie leise, und ihre Hand war leicht wie der Punkt am Schluss dieses Satzes.

Ich dachte an den Stein aus ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Eine Mutter, die ihren Sohn bestrafen wollte, schickte ihn wütend in den Garten, eine Rute zu suchen. Er kam mit einem Stein zurück. Mit dem konnte und wollte sie ihn nicht bestrafen. Beschämt umarmte sie ihn. Sie legte "den Stein auf ein Bord in der Küche, dort blieb er liegen, erinnerte an das Versprechen das sie sich selber gegeben hatte: NIEMALS GEWALT."

Im dritten Abschnitt: Alexa Henning von Lange schreibt, wozu Astrid Lindgrens Geschichten ermutigen

"Pippi war mir peinlich"

100. Geburtstag von Astrid Lingren

Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange: "Sobald mein Vater zwischen seinen Händen das Buch zuklappte, kam es mir so vor, als hätte er mich in eine Kiste gesperrt"

(Foto: Foto: dpa)

Tröstlicher Kosmos

Von Alexa Hennig von Lange

Es war wohl mein fünfter Geburtstag, an dem ich mein erstes Lindgren-Bilderbuch von meinen Eltern geschenkt bekam: "Na, klar, Lotta kann Rad fahren". Nach dem Frühstück saß ich neben meinem Vater auf dem Sofa, und er las mir mit kindlich verstellter Stimme daraus vor: "Mir ist es komisch", sagt Lotta. "Ich kann so viel." Fast war es so, als läse er mir meine eigenen Gedanken vor.

Das, was die kleine Lotta mit den roten Haaren da an Beobachtungen und Einsichten von sich gab, entsprach genau meiner Sicht auf die Verhältnisse. Sie reichte mir ihre kleine, weiße Hand, zog mich hinein in ihren lichten Tag. Plötzlich spazierten wir gemeinsam die sonnige Krachmacherstraße hinauf und hinunter, wir hörten die Vögel über uns in den Zweigen zwitschern und den Wind in den Baumkronen rauschen. Wir grüßten freundlich über die Hecken der Nachbargärten und plauderten mit dem netten Schornsteinfeger. Mit einem Mal spürte ich eine, mir bis dahin unbekannte, innere Weite.

Eine seltene Begabung

An diesem Vormittag verschwammen Lotta und ich zu einem Mädchen, als sei ich sie oder sie ich. Doch sobald mein Vater zwischen seinen Händen das Buch zuklappte, kam es mir so vor, als hätte er mich in eine Kiste gesperrt. Ich wollte zurück zu mir, zu Lotta. In der Krachmacherstraße war alles gut. Hier konnte man Kind sein, ohne sich in sich abgeschlossen zu fühlen. Und genau in diesem Vermögen, unaufwendig und ohne phantastisches Beiwerk, einen tröstlichen Kosmos zu schaffen, liegt für mich die schriftstellerische Kraft Astrid Lindgrens. Sie verfügte über die seltene Begabung, die Sicht eines Kindes auf sich selbst und die es umgebende Wirklichkeit derart anschaulich, ja, spürbar zu beschreiben, dass ihre Bücher für viele von uns zur zweiten Heimat wurden und bis heute geblieben sind.

Besonders bemerkenswert waren und sind für mich allerdings jene Geschichten, wie "Mio, mein Mio", die Märchen "Sonnenau" oder "Allerliebste Schwester" - in denen die kindlichen Protagonisten einer ihnen feindlich gesinnten Umgebung ausgesetzt sind, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Kinder, die ihre Souveränität und Autonomie nicht verlieren

Astrid Lindgren allerdings besaß den Mut, darauf hinzuweisen, dass der Ausweg eines jeden Menschen in sich selbst zu finden ist. Der von den Kindern herbeigesehnte Tod setzt die Seele frei - sie entkommen der Ungerechtigkeit, der Einsamkeit und Kälte, dafür aber werden sie mit Wärme und Zugehörigkeit belohnt. Das Bild der Pforte, die ins blühende Paradies führt, findet sich in einigen ihrer Geschichten wieder. Sie symbolisiert den Zugang zu jenem Ort, an dem die Würde des Menschen, - vor allem eines jeden Kindes - , tatsächlich unantastbar bleibt.

Für die Schriftstellerin stand offenbar fest: Das eigene menschliche Dasein zu beenden, ist fraglos gesünder als jegliche Form der Demütigung zu erdulden. Nicht einmal in der gröbsten Not verlieren die handelnden Mädchen und Jungen ihre Souveränität und Autonomie. Ihre Entscheidungen sind von Hoffnung und Klarheit getragen. Jeder, der Astrid Lindgrens Geschichten vorgelesen bekommt oder selber liest, wird sich ermutigt fühlen, in sich den eigenen unauslöschlichen Wert zu spüren.

Auf der letzten Seite: Burkhard Spinnen über die "Generation Pippi"

"Pippi war mir peinlich"

100. Geburtstag von Astrid Lingren

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen: "Ohne Pippi gäbe es auch mein bislang einziges Kinderbuch nicht"

(Foto: Foto: dpa)

Pippi war mir peinlich

Von Burkhard Spinnen

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann muss ich sagen: Pippi war mir peinlich. Nicht die Pippi aus dem Buch - um die hatte ich als einer, der sich seinen Lesestoff selbst aussuchte, instinktiv einen großen Bogen gemacht. Aber die Filme, die musste ich sehen, die waren 1968ff, im Zeitalter der zwei Programme im Fernsehen ein Hauptereignis, bei dem man einfach dabei sein musste.

"Pippi war mir peinlich"

Zudem war ich ja Angehöriger der "Generation Pippi". Die Filmfiguren waren, als sie erschienen, genau in meinem Alter; infolgedessen fühlte ich mich gemeint. Und wollte doch so gar nicht gemeint sein! Nichts wäre mir damals unangenehmer gewesen, als eine Pippi in der Nachbarschaft zu haben und von ihr zu Abenteuern gezwungen zu werden, die mir, ich sagte es schon, allesamt und inklusive der Abenteurerin ausgesprochen peinlich waren.

Warum eigentlich? Aus Sorge, durch gehäufte Verstöße gegen die bürgerlichen Konventionen die Wertschätzung der Erziehungsberechtigten zu verlieren? Aufgrund einer Abneigung gegen Affen und Pferde? Wegen null Bock auf Phantasie? Oder etwa aus Angst vor starken Frauen?Ja. Und warum auch nicht? Ich weiß, Pippi ist längst "Kult". Pippi ist süß, kreativ, wertvoll und absolut korrekt. Aber wäre sie denn wirklich eine so approbierte Figur der Weltliteratur geworden, wenn sie keinen Widerstand hervorgerufen, wenn sie keine Ängste an- und Unerträglichkeiten ausgesprochen hätte?

Aus der Reserve locken

Ich denke: nein. Groß und bedeutend wird man nicht, indem man es immer schon ist, und erst recht nicht, indem man sich dazu erklärt. Groß wird man, weil man an Widerständen wächst. Und deshalb stehe ich zu meiner damaligen Pippiphobie. Die Kleine hat mich ganz schön angemacht, so einzigartig kongenial, wie Inger Nilsson sie verkörperte. Und ich stand da, pardon, ich saß da vor der Glotze und war noch uncooler als Tommi und Annika zusammen.

Genau das aber war der Sinn. Ich denke nicht, dass "Pippi Langstrumpf" geschrieben wurde, damit rothaarige sowie selbst- und querdenkende Mädchen zwischen acht und zwölf ein prima Alter Ego bekommen. Nein, "Pippi" wurde für die Annikas und Tommis dieser Welt geschrieben, (also für mich), um sie aus der Reserve zu locken. Nicht Pippi war mir peinlich, sondern ich mir selbst.

Es hat mehr als 20 Jahre gedauert, bis ich das begriffen habe. Als unsere Söhne ins Vorlesealter kamen, einigten sich meine Frau und ich darauf, bei der Auswahl der Lektüre unseren eigenen Geschmack mal außen vor zu lassen und stattdessen konsequent den Kanon herunterzulesen. So kam mir Pippi wieder ins Haus, diesmal im (natürlich peinlichen) blauen Pappband.

Besser hätten wir uns nicht wiedertreffen können, Pippi und ich

Das heißt: als Text. Vorlesend arbeitete ich mich durch den Reisberg meiner Filmerinnerung zurück zum Ursprung der Figur aus Sprache - flankiert von meinen mal feixenden, mal andächtig lauschenden Söhnen. Heute weiß ich: Besser hätten wir uns nicht wiedertreffen können, Pippi und ich. Seitdem ist sie bei mir geblieben, auch als Erinnerung an eine Peinlichkeit, die entsteht, wenn Wesentliches berührt wird.

Ohne Pippi gäbe es auch mein bislang einziges Kinderbuch "Belgische Riesen" nicht. Dort heißt sie Fridz und transportiert meine spät gewonnene Überzeugung, dass ihre Stärke (wie jede Stärke) von einer Schwäche rührt, von einer Enttäuschung oder einer Verletzung. Und zudem meine Überzeugung, dass etwas nur dann wirklich zum Lachen ist, wenn man eigentlich davor weglaufen möchte.

© SZ vom 14.11.2007/sma
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