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100. Festspiele: Besuch in Bayreuth:"Man ist ja immer erst beleidigt"

Und die Sänger? Wie erleben sie die akustischen Besonderheiten des Bayreuther Hauses? Klaus Florian Vogt, Jahrgang 1970, kam vor vier Jahren erstmals nach Bayreuth. Damals leitete noch Wolfgang Wagner die Festspiele, und Tochter Katharina hatte gerade mit den Proben zu den "Meistersingern" begonnen. Da sprang der ursprünglich dafür vorgesehene Tenor ab. Wohl weil er sich nicht mit dem Konzept anfreunden wollte, das den Nürnberger Sängerkrieg in einen Malermeisterstreit verwandelte, und Beckmesser nicht als Nörgler, sondern als Avantgardisten hinstellte. Am fünften Probentag kam deshalb Klaus Florian Vogt.

Bayreuther Festspiele - Camilla Nylund

Die finnische Sopranistin Camilla Nylund ist die diesjährige "Tannhäuser"-Eilsabeth.

(Foto: dpa)

Man muss sich das so vorstellen wie seinen Auftritt als Lohengrin in Stefan Herheims Berliner Inszenierung vor zwei Jahren. Da schwebte der Held ganz in Weiß und an Puppenspielfäden aus dem Bühnenhimmel herab, mit schwanengeflügeltem Helm und Röckchen. Ein Retter, ein Erlöser. Was Vogt dann auch für Katharinas "Meistersinger" war.

Der Weltentrücktheit des Lohengrin, den er dieses Jahr erstmals in Bayreuth singt, entspricht Vogts unverkennbare Stimme: hell, klar, wie ein ferner Traum. Den Lohengrin singt er seit zehn Jahren, mit ihm hat er, wie er sagt, singen gelernt. In ein paar Jahren erst will er Schwereres angehen, Tristan oder Tannhäuser. Angst vor diesen Monsterpartien hat der Mann keine. Sein Tenor liegt relativ hoch und in der Übergangslage zwischen Brust- und Kopfregister, die vielen Sängern Schwierigkeiten macht, fühlt er sich recht wohl.

Zudem hat Vogts Stimme eine helle Tönung, die sich kaum mit den Streichern und Holzbläsern mischt. Deshalb strahlt sie selbst durch einen dicht lauten Orchesterklang hindurch. "Wenn man das weiß und wenn man sich selber hört, dann neigt man nicht so sehr dazu zu forcieren. Wenn man sich aber nicht selber hört, dann pusht man sich und das ist wahnsinnig gefährlich bei diesen langen Partien." In Bayreuth fühlt sich Vogt ausnehmend wohl: "Dieses Gefühl gibt es nur in diesem Raum. Wobei es für mich hier sogar etwas schwieriger ist, weil ich auf die Bühne einen sehr hohen streicherlastigen Orchesterklang geliefert bekomme. Das sind Frequenzen, in denen ich mich auch sehr gerne bewege. Da habe ich dann eher das Gefühl zu versinken, als wenn unter mir ein tiefer basslastiger Teppich liegt. Das macht das vom Klangbild her ein wenig gewöhnungsbedürftig."

Rausch und Ordnung

Weil die Blechbläser unter der Bühne sitzen, hört Vogt auf der Bühne kaum etwas von ihnen: "Deshalb bekommt man oft nicht das Metrum geliefert." Da muss einer also rhythmisch schon sehr sicher und partiturfirm sein. "Das Positive aber ist, dass es sich wunderschön singt und dass man immer weniger zu geben baucht, als man denkt."

Kein Wunder, dass diese akustischen Eigenheiten sich auch aufs Regiekonzept auswirken. "Der Raum ist für mich extrem wichtig, der Raum bestimmt die Spielweise", sagt Sebastian Baumgarten, Jahrgang 1969 und erstmals in Bayreuth. Er inszeniert den diesjährigen "Tannhäuser". Auch er staunt über Bayreuther Gepflogenheiten. Etwa darüber, dass man vor Probenbeginn die Bühne ausleuchtet. Das ist sonst nirgendwo so und dem engen Zeitplan geschuldet. "Man muss hier ein Planspiel machen. Dass hier alles durch Zufall genial gelingt oder durch Zufall eine totale Katastrophe wird, das kommt nicht vor." Obwohl ein Regisseur nur dreieinhalb Wochen Probenzeit hat.

Warum aber funktioniert das am Ende dann doch? "Alle Kollegen," sagt Baumgarten, "beschreiben dieses seltsame Wunder hier, dass man wegen der Fokussierung auf das Material, auf Wagner, in den dreieinhalb Wochen eine Grundlage schaffen kann. Mit den Solisten und auch mit dem Chor, der szenisch sehr gut ist. Auch bei Änderungen. Wo sonst drei oder vier Ansagen nötig sind, funktioniert es hier ad hoc."

Zudem erfordere der Raum aufgrund seiner Höhe und Größe eine Spielweise, die eigentlich kein feines psychologisches Kammerspiel zuließe. "Man müsste hier eigentlich zwei Inszenierungen machen. Ab Reihe 19 funktioniert nur noch Bildertheater - weil die Figuren so weit weg sind, dass man kaum noch etwas sieht. Und für die erste bis achte Reihe kann man extrem gut Kammertheater spielen." Die Lösung dieses Dilemmas wäre eine Projektion auf eine Großleinwand über der Bühne. Aber an solche technische Neuerungen ist in Bayreuth nicht zu denken.

Als Christoph Schlingensief hier 2004 den "Parsifal" machte, musste für teures Geld eine bis dato nicht vorhandene Drehbühne gekauft werden. Und übertitelt wird bis heute nicht. Der Geist des Gründers und Saalarchitekten ist eben noch immer übermächtig.

Um einen fürs Publikum stimmigen Gesamtklang zu produzieren, müssen die Sänger, wenn sie an der Rampe stehen, ein bisschen nach dem Orchester einsetzen, wenn sie weiter hinten stehen, müssen sie zusammen mit dem Orchester einsetzen. Deshalb gibt es für den Chor Extradirigenten an den Bühnenseiten. Diese spezielle Akustik erzwingt denn auch gewisse szenische Lösungen. "Das Inszenieren des Chors in Bayreuth ist nicht nur eine Aufgabe des Regisseurs," sagt Baumgarten, "sondern auch die des Chordirektors. Man ist immer erst beleidigt, dass einem das als Regisseur aus der Hand genommen wird. Ich war es auch. Aber er kennt halt das Haus wirklich gut, und die Klangwirkungen, die er herstellen will, funktionieren dann eben auch nur so. Da muss man dann irgendwann auch mal klein beigeben." Den Chordirektor machen lassen und dann schauen, was dann noch szenisch geht: eine harte Nuss für einen die Allmacht gewohnten Regisseur.

Aber Baumgarten ist niemand, der mit einem fixen Konzept in die Proben geht. Sondern sich im Vorfeld vor allem mit der Frage beschäftigt, was der zentrale Aspekt eines Stücks sei. Was aber ist das Wesentliche im "Tannhäuser"?

Skepsis schwingt mit bei Baumgarten, allzu oft hat er seine Grundidee schon erläutert: "Der Widerspruch zwischen dem apollinischen Leben in Ordnung, Regression, Traum, Arbeit Struktur, Gemeinschaft - und auf der anderen Seite dem Leben im Dionysischen, im Stofftrieblichen, sich selbst Auflösenden. Dieser dauernd währende Prozess ist Lebensbedingung - das ist meine Behauptung. Aber es gibt da nicht These-Antithese-Synthese, sondern nur These-Antithese, und man muss die Homöostase zwischen beidem herstellen. Also das Gleichgewicht des Widerspruchs, der permanent läuft. Das schafft man natürlich nicht, nie im Leben. Also hat man Phasen, wo man dem Rauschhaften zugeneigt ist, und dann wieder Phasen, in denen man zu regressiv wird und nur noch in Strukturen und Ordnung denkt."

Das ist fabelhaft abstrakt ausgedrückt und erklärt nicht ansatzweise, was der Alkoholator damit zu tun haben könnte. Aber mittlerweile hat ihn auch die Männersängercrew auf der Bühne entdeckt und macht sich ohne alles Grübeln begeistert an ihn heran.