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10 Jahre "Freundeskreis":Trau keinem Hip-Hopper über 30!

Mitten in der Kontroverse um die Hassausbrüche junger Rapper meldet sich der "Freundeskreis" zurück: Mit Gutmenschen-Hip-Hop für Eltern.

Jonathan Fischer

Es kann ein Fluch sein, zu den sogenannten Guten gerechnet zu werden. Vor allem wenn die Bösen nicht nur den zynischen Witz auf ihrer Seite haben, sondern zudem die eigene moralische Indifferenz als einzig wahre Haltung verkaufen. Aber war Hip-Hop nicht mal mehr als Tabubruch und Kraftmeierei? "MCs, wie viel Zeit lassen wir noch verrinnen", fragt Max Herre vom Hip-Hop-Kollektiv Freundeskreis, "nur weil wir pc-Sein irgendwie nicht stylish finden?" Zwei Zeilen aus "Prinzip Hoffnung", einem von zwei neuen Tracks, die die deutschen Rap-Veteranen für ihre Best-Of-Kollektion "FK 10" aufgenommen haben. Sieben Jahre sind seit dem letzten ordentlichen Freundeskreis-Album "En Directo" vergangen. Acht Jahre seit man mit "Esperanto" dreisprachig aus einer globalisierten Welt berichtete, in "der drei von vier am Existenzminimum leben".

Politisieren im Freundeskreis.

(Foto: Foto: ddp)

Und wer es nicht miterlebt hat, wie das Stuttgarter Trio damals melodische Soul- und Reggae-Samples mit kritischen Texten zu einer schlüssigen Lebenshaltung kombinierte, der Musikindustrie die Stirn bot und dennoch eine Breitenwirkung jenseits des Baseball-Käppi-Ghettos entwickelten, mag es kaum noch glauben: "Kein Mensch ist mehr wert als sein Mehrwert". Konnte man mit solchen Zeilen Hip-Hop-Furore machen? Am Ende gar - politisch korrekt rappen?

Nachdem Max Herre einst von der Bravo als "Jesus von Benztown" betitelt wurde, verweigerte er jahrelang der Teeniepresse Interviews. Bis heute wehrt er sich gegen das Etikett "Politband", beharrt er darauf, in erster Linie Musiker zu sein, der eben auch mal Stellung bezieht: "War nie euer Jesus, euer Petrus oder Genius/sondern einfach nur ein Rapper mit Ethos". Doch längst hat sich der Wind gedreht, und bläst all jenen ins Gesicht, die noch vor zehn Jahren mit gerappten Solidaritätsbotschaften die Charts anführten. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Jan Delay dominiert im deutschen Sprechgesang heute der "Ghetto"-Kult. In einer Zeit, in der Fler, Sido, Bushido um den Titel des "härtesten Mackers" konkurrieren, sich Rapper gerne Hengzt oder Orgasmus nennen, und selbst Freiburger Reihenhaussprösslinge den Berliner Plattenbau-Asozialen simulieren, muss die Wiederauferstehung von Freundeskreis wie ein Anachronismus wirken.

Man gehe nur für eine Zehnjahres-Jubiläums-Tour noch mal zusammen auf die Bühne, beteuern Max Herre, DJ Friction und Don Phillippe, die jeder für sich längst Solokarrieren betreiben. Das dazugehörige Album mit bibeldickem Booklet zur Bandgeschichte aber ist mehr als ein Souvenir. Erinnert an einen fast vergessenen Gegenentwurf. Und fordert den heutigen Hip-Hop heraus: Moralisch, musikalisch und intellektuell.

Wenn der Stuttgarter Rap-Stern nun noch einmal aufleuchtet, dann geht es Freundeskreis wohl kaum ums Geld. Sondern um das Wiederaufladen der alten Batterie und einer Lust am Gemeinschaftserlebnis, wie sie immer noch von den Anfängen des Hip-Hop herstrahlt. Das Video zur neuen Single "FK 10" zeigt eine gutgelaunte Blockparty. Man feiert sich und seine Freunde, ohne dass der Beat die Lebenswirklichkeit der Akteure ausschließen müsste. "Hip-Hop für Eltern" könnte man spotten. Schließlich dürfen die Kinder von Max Herre und Sängerin Joy Denalane selbst am Schluss in den Track hineinquasseln.

Doch das ist wohl weniger gelebtes Gutmenschentum als die bewusste Antithese zum ewig pubertierenden Jugendlichen, den der Mainstream-Rap propagiert: "Wer will nicht an seine Kinder glauben?" fragt Herre im "Prinzip Hoffnung". Und zeigt eine Perspektive für all diejenigen auf, die Hip-Hop nicht mit dem 30. Lebensjahr ad acta legen wollen.

Der Frontmann und Songwriter des Freundeskreises zieht dabei die Parallelen zum US-Hip-Hop. Erinnert an die komplexe Musik von NAS und Lauryn Hill. Und stellt fest, dass auch in Deutschland die "Eminem-isierung" dem Rap viel von der einstigen Vielfalt genommen habe. White Trash sei der Sound der Stunde, eine vollkommene Enttabuisierung der Sprache die Folge. "Viele definieren sich nur noch darüber, wer es wie weit unter die Gürtellinie schafft." Das wird besonders im Frauenbild des deutschen Rap deutlich: Für Bushido & Co gibt es da eigentlich nur die Wahl zwischen Engeln und Huren. Wenn Max Herre, Don Phillippe und DJ Friction über Frauen schrieben, dann stand ihnen wie auf ihrem großen Hit "A.N.N.A." stets ein Mensch vor Augen, der es wert war, die eigene Verletzlichkeit einzugestehen. In diese Lücke sind heute die Schlagersänger eingesprungen. Der deutsche HipHop aber leidet nicht nur wegen den CD-Brennern unter rapide sinkenden Verkaufszahlen - er hat sich parallel zu den eigenen Texten ins Ghetto befördert.

"Der nächste wirklich große deutsche Rapper", glaubt Max Herre deswegen, "wird Straßenhärte und positive Inhalte verbinden". So gibt die Zehn-Jahres-Tournee des Stuttgarter Freundeskreises letztlich all jenen ihre Stimme zurück, die all zu lange schwiegen. Sich von ihrer einstigen Hip-Hop-Liebe enttäuscht abwendeten und der Übermacht der Zyniker das Feld überließen. Deren Gift gibt es geschenkt. Doch wenn man wie die Freundeskreis-Rapper nicht nur in die Opposition gehen will, sondern etwa im "Prinzip Hoffnung" ein von Pop-Rebellen wie Bob Marley und Curtis Mayfield inspirierten Gegenentwurf zeichnet, dann beweist das nicht nur den Mut, das Gespött über die angebliche eigene Naivität in Kauf zu nehmen. Sondern auch Seele - Soul.

21.7. Stuttgart, 17.8. Übersee am Chiemsee, 18.8. Aschaffenburg, 1.9. Berlin.

© SZ vom 16.7.2007
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