16. Poesiefestival Berlin Nah am Eklat

Der chinesischen Lyrik war beim 16. Berliner Poesiefestival ein Schwerpunkt gewidmet: Er war geprägt vom Aufeinandertreffen der Exilanten und der in China lebenden und publizierenden Autoren.

Von Hans-Peter Kunisch

Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiabo befindet sich seit 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" in Haft. Die Schriftstellerin Gao Yu, Mitarbeiterin der Deutschen Welle, berichtete in einem in Hongkong erscheinenden Magazin über ein internes Papier der Kommunistischen Partei Chinas, das für kompromissloses Unterbinden abweichender Meinungen plädierte. In diesem April wurde sie wegen "Geheimnisverrats" zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Ein schmutziges Geheimnis, ein verräterisches Urteil. China ist nicht nur ein umworbener Wirtschaftspartner, sondern immer noch autoritär regiert, undemokratisch, die Meinungsfähigkeit ist eingeschränkt. Wie schreibt man in einem solchen Land?

Wie explosiv diese Frage ist, konnte man beim 16. Berliner Poesiefestival spüren, das in der Akademie der Künste einen kleinen, aber reichhaltigen China-Schwerpunkt präsentierte. Bei einem Podiumsgespräch, das den weltbekannten Exilautor Liao Yiwu ("Fräulein Hallo und der Bauernkaiser"), der Jahre in Foltergefängnissen verbracht hat und nach seiner Flucht in Berlin lebt, mit offiziell zumindest tolerierten Schriftstellern zusammenbrachte.

Kurz vor Ende der Diskussion sorgte Liao Yiwu für einen Eklat. Er verließ das Podium. Er habe den Eindruck, er sei bei dieser Diskussion unerwünscht. Die Moderatorin habe ihm zu selten das Wort erteilt. Die in China lebenden Lyriker seien offensichtlich interessanter. Die Moderatorin war überfordert, Liao Yiwu provoziert. Ming Di, die als Autorin und Übersetzerin zwischen Los Angeles und Beijing pendelt, hatte die einseitige westliche Wahrnehmung von Exil-Schriftstellern kritisiert ("was haben sie seit 1989 getan?") und plakativ annonciert: "Wir sind hier, um Ihnen die neue Literatur aus China zu bringen." Hatte sie Liao Yiwu in diesem Moment vergessen? In ihrer wichtigen Lyriksammlung "New Cathay. Contemporary Chinese Poetry" (Tupelo Press, North Adams 2013) ist er vertreten, sein Schicksal und seine politische Haltung kommen in der Anthologie klar zum Ausdruck.

Bei Dao, der in Hongkong lebt und nicht in Berlin war, aber als Bezugspunkt eine wichtige Rolle spielte, ist ein anderer Fall. Er gilt der nachfolgenden Generation als Hauptvertreter jener "misty poetry", die sie bekämpfen. Liao Yiwu, der sich im Gefängnis von der "nebligen" hermetischen Lyrik verabschiedet hat, warf ein, Bei Dao sei zu kompromissbereit gegenüber dem Regime. Zang Di wiederum, Jahrgang 1964, derzeit einer der einflussreichsten Lyriker in China und zugleich Universitätsprofessor in seiner Geburtsstadt Beijing, kritisierte Bei Dao in ganz anderer Perspektive. Für ihn ist er vor allem der Vertreter einer überkommenen lyrischen Sprache.

Auch Ming Di zitierte Joseph Brodsky: Die Sprache der Exildichter sei "alt". Sie passe oft nicht mehr zu dem, was im Heimatland geschehe. Nun hat Brodsky das als Exildichter gesagt. Als Argument gegen verfolgte Schriftsteller ist es zumindest zweifelhaft. Man hatte öfter den Eindruck, in China sei eine der deutschen Nachkriegssituation verwandte Diskussion im Gang. Es gibt Leute, die "weitermachen" möchten, und die im Ausland gelobten Exildichter stören dabei.

Beim Podiumsgespräch unter dem Motto "Wie nicht sprechen. Poesie und Subversion in China" sagte Ming Di, sie denke bei "Subversion" nicht an den Staat, sondern an "Subversion gegen mich selbst, gegen die Sprache". Für Jiang Tao, 1970 geboren und Herausgeber der Zeitschrift New Poetry Criticism, ist ein Literat "einer, der schreibt", mehr könne er dazu nicht sagen. Das ist eine heute auch im Westen gern propagierte Haltung. Doch wie passt sie zur Existenz in einer autoritären Gesellschaft? Für Liao Yiwu, der mit gutem Grund unversöhnlich bleibt, muss der bloße Lebensentwurf von feinfühligen akademischen Dichtern wie Zang Di eine Provokation sein.

Aber in China lebende Schriftsteller generell als systemkonform zu diffamieren, trifft die Sache auch nicht. Jiang Tao, 1970 geboren, der interessanteste der jüngeren Autoren, erzählte, dass er in seiner Literaturzeitschrift eine Ausgabe mit Gedichten des Wanderarbeiter-Dichters Xu Lizhi vorbereite, der sich, vierundzwanzigjährig, am 30. September 2014 aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen beim Elektronik-Hersteller Foxconn in Shenzen (Südchina) das Leben genommen hat.

Auch die abendlichen Lesungen zeigten, wie vielschichtig die Lyrikszene in China ist. Die Spannweite reicht vom formbewussten Experiment in der Nachfolge von T.S. Eliot, alltagssprachlichen Naturgedichten, die John Ashbery und eigene Traditionen verarbeiten, bis hin zu den rhythmischen Langgedichten Jing Taos, die, sprachlich wild-überschäumend, einen individualistischen, aber zugleich sozial präzisen Blick auf die Welt werfen. Den Abschluss machte Liao Yiwu mit einer musikalisch-lyrischen Performance seines großartigen Protest-Gedichts "Massacre".