44. Molodist-Filmfestival in Kiew Auf den Beinen geblieben

Molodist-Generaldirektor Andrej Chalpachtschi mit Jury-Präsidentin Florence Darel bei der Abschluss-Gala.

(Foto: Volodymyr Shuvayev)

Die Organisatoren des Molodist-Filmfestivals in Kiew hatten 2014 mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen. Doch mit großer Beharrlichkeit sorgten sie dafür, dass von dem Festival dennoch ein Signal des Aufbruchs ausging.

Von Paul Katzenberger, Kiew

In Kiew gibt es einen neuen Verkaufsschlager: mit dem Stoffstreifen, circa 40 Zentimeter lang, in den blau-gelben Nationalfarben der Ukraine gehalten, kann nun jeder für umgerechnet 0,65 Euro im Knopfloch der Herbstjacke Flagge zeigen.

Mit den Bändeln erklären sich ihre Träger, die in diesen Tagen in Kiew häufiger anzutreffen sind, zu zweierlei: entweder zu einer patriotischen Einstellung oder aber zu einem Bekenntnis zu einer rechtsstaatlich und demokratisch verfassten Zivilgesellschaft, sicher oft beides. Denn dass sich eine patriotische Haltung - so lange sie gemäßigt bleibt - und die Sehnsucht nach mehr Rechtsstaat und zivilgesellschaftlicher Toleranz ergänzen können, das war beim 44. Molodist-Filmfestival in Kiew in diesem Jahr deutlich zu spüren.

Besonders deutlich kam das bei der Vorstellung von Victoria Trofimenkos Drama "Brüder. Die letzte Beichte" zum Ausdruck, das als Parabel für eine nationale Wiedergeburt verstanden werden kann.

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Der Film, der als ukrainischer Oscar-Kandidat im Gespräch war (nominiert wurde schließlich Oles Sanins "The Guide"), bediente bei seiner restlos ausverkauften ukrainischen Premiere patriotische Gefühle, indem er das kulturelle Erbe der Ukraine betonte. Doch er war auch ein Appell, die Ukraine gesellschaftlich zu modernisieren, etwa dadurch, dass auch Frauen die große Lösung in einem unauflöslich erscheinenden Konflikt bringen können.

Eine Chance dafür sieht Trofimenko ohne Zweifel in der Annäherung an den Westen. Das machte sie schon allein dadurch klar, dass sie für das Drehbuch den Roman "Hummelhonig" des schwedischen Erfolgsautors Torgny Lindgren adaptierte und die Handlung aus Nordschweden in die ukrainischen Karpaten verlegte.

Chance zur Teilnahme am westlichen Diskurs

Doch leider zeigte sich in diesem Jahr beim Molodist-Festival auch in erschreckender Deutlichkeit, wie weit der Weg zu einem freiheitlichen Werteverständnis für die Ukraine noch ist: Während der Vorstellung der französischen Transvestiten-Burleske "Les nuits d'été" ("Sommernächte") von Mario Fanfani warf ein Unbekannter eine Rauchbombe in den Zuschauerraum des traditionsreichen Kinos "Zhovten". Nachdem die Zuschauer verschreckt aus der Vorführung geflohen waren, brannte das Kino ab. Zu Schaden kam niemand, die Polizei fand später drei Brandherde.

"Les nuits d'été" lief in der Sektion "Sunny Bunny", die Filmen mit schwulen, lesbischen und Transgender-Inhalten vorbehalten ist. Mit ihr eröffneten die Festival-Programmierer unter Generaldirektor Andrej Chalpachtschi ihrem Publikum die Chance, auch in Kiew am westlichen Diskurs über sexuelle Normabweichung teilzunehmen. Wieviel Mut dazu in der Ukraine noch gehört, machte der Anschlag erschütternd deutlich.

Denn schnell war von einem homophoben Hintergrund der Tat die Rede. Chalpachtschi nannte als zweite Möglichkeit wirtschaftliche Interessen, die bei dem Anschlag eine Rolle gespielt haben könnten. Schließlich haben auf den zentral gelegenen Standort des 1931 gegründeten Kinos schon seit längerem Investoren ein Auge geworfen, um dort ein Shopping-Center zu bauen. Bürgermeister Vitali Klitschko, der noch am Tag der Tat an den Brandort eilte, versprach allerdings sofort, das historische Gebäude wieder aufbauen zu lassen.