48. Internationales Filmfestival Karlovy Vary Triumph für das "neue Ungarn"

Zwei Brüder als Kinder im Krieg. Szene mit András Gyémánt und László Gyémánt aus dem Film "Le grand cahier" von János Szász.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Auch in Karlsbad war das in diesem Jahr zu erleben. Gespannt durfte man in diesem Jahr auf einige alte Bekannte wie Krzysztof Krauze und Joseph Madmony sein, die beide den hiesigen Wettbewerb schon einmal gewinnen konnten.

Mit ihren neuen Filmen überzeugten allerdings weder der Pole noch der Israeli. Bei seiner Weltpremiere bot Krauzes Biopic "Papusza" einerseits großartige Schwarz-Weiß-Bilder, dank der hervorragenden Kameraführung durch Krzysztof Pak und Wojciech Staron geriet jede Einstellung zu einem Meisterwerk aus Licht und Schatten.

Andererseits machte es die nicht-lineare Struktur der Filmbiografie von Bronislawa (Papusza) Wajs dem Zuschauer schwer, der polnischen Roma-Dichterin und -Sängerin auf ihrem Weg zu öffentlicher Anerkennung zu folgen.

Die Lebensgeschichte Papuszas spielt sich vor dem Hintergund zweier Weltkriege und der erzwungenen Sesshaftigkeit von Romas unter dem kommunistischen Regime ab, doch dieser Kontext geht im Film nahezu unter, ebenso wie die Figur Papuszas kaum entwickelt wird. Krauze, der bei "Papusza" gemeinsam mit seiner Frau Joanna Kos-Krauze Regie führte, weckt beim Zuschauer so kaum emotionale Anteilnahme für seine Protagonistin.

In "A place in heaven" macht sich Joseph Madmony an eine Geschichte biblischen Ausmaßes, doch er verhebt sich an der schieren Größe seines Unterfangens: Ein hochdekorierter israelischer General hat in seiner Jugend in einem Anflug von Hochmut seinen Platz im Himmel an einen Armeekoch für ein Omelette verkauft. 40 Jahre später liegt er im Sterben und sein strenggläubiger Sohn ist nun in einem Wettlauf mit der Zeit, um den Vertrag zu stornieren und so die Seele des Vaters zu retten.

Sex-, Alkohol- und Kokain-Orgien in Island

Madmony behandelt dabei so gewichtige Themen wie die Geschichte Israels, dem Verhältnis der Religion zur säkularen Gesellschaft und der Beziehung der Generationen zu einander, doch bei der Vielzahl von Allegorien und angerissenen Handlungssträngen bleiben seine Figuren zwangsläufig oberflächlich.

Der Regisseur vermeidet es am Ende, sich selbst zu positionieren, was völlig legitim ist. Doch sein Film packt den Zuschauer zu wenig, damit der sich die aufgeworfenen existenziellen Fragen selbst stellt.

Neugierig durfte man auch auf den risikobereiten und innovativen isländischen Regisseur Marteinn Thorsson sein, der nicht nur seine schwarze Komödie "XL" über einen alkoholkranken und sexsüchtigen Top-Politiker mitgebracht hatte, sondern auch Hauptdarsteller Olafur Darn Olafsson. Der hatte zuletzt in seiner Rolle in dem mysteriös-bedrückenden Schiffbruchdrama "The Deep" von Baltasar Kormákur (Karlsbad-Gewinner 2007) zu überzeugen gewusst.

Dass Olafsson an der Seite seines Regisseurs war, war nur konsequent, denn "XL" ist eine One-Man-Show mit einem hervorragenden Hauptdarsteller aber einem schwachen Drehbuch. Die grell und schnell inszenierte Sex-, Alkohol- und Kokain-Orgie wirkt spätestens nach einer halben Stunde schablonenhaft, während sich die Handlung immer wieder in Sackgassen manövriert.

Der Preis für den besten männlichen Hauptdarsteller, den Olafsson mit nach Reykjavik nehmen durfte und für den er sich bei der Preisverleihung mit einem gutturalen Schrei bedankte, war für diesen Kraftakt indes mehr als angezeigt.

Hauptpreis für Weltkriegs-Drama

Erneut keine Prämierung gelang Oskar Roehler mit seinem "Quellen des Lebens". Die knapp dreistündige Tour de Force durch die Geschichte der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger war bereits beim Deutschen Filmpreis durchgefallen, jetzt stand der Gewinner des Deutschen Filmpreises aus dem Jahr 2000 auch in Böhmen am Ende mit leeren Händen da.

Immerhin schien das autobiographische Familienepos über drei Generationen beim Publikum zu verfangen, führte "Quellen des Lebens" zwischendurch doch im Rennen um den Zuschauerpreis. Doch auch der ging schließlich an eine andere - an die tschechische Regisseurin Alice Nellis für ihre Komödie "Revival".

In Osteuropa blieb auch der Hauptpreis des Festivals: Den mit 25.000 US-Dollar dotierten Kristallglobus gestand die Jury unter Agnieszka Holland dem ungarischen Regisseur Janos Szasz für sein kathartisches Weltkriegs-Drama "Le grand cahier" zu.

Die Geschichte zweier Stadt-Jungen, die während des Zweiten Weltkrieges von ihrer Mutter aus Budapest bei der bösartigen Großmutter auf dem Land versteckt werden und dort zu Zeugen der Grausamkeit des Krieges werden, lebt von der Kameraführung des österreichischen Routiniers Christian Berger (Das weiße Band, Ludwig II). Der gekünstelte Tonfall des Films macht es aber schwierig, Empathie für die Brüder zu entwickeln.

Angst vor der Zensur

Szaszs Adaption des gleichnamigen Bestsellers "Le grand cahier" der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Agota Kristof hatte schon vor seiner Weltpremiere in Karlovy Vary besonders viel Neugierde der Beobachter auf sich gezogen. Denn während der mehrjährigen Produktionszeit des Films hatte Ungarns umstrittene Regierung unter Victor Orbán die staatliche Filmförderung des Landes vollkommen umgekrempelt, was bei den Filmschaffenden des Landes die Angst vor der Zensur heraufbeschworen und zu einem Erliegen der ungarischen Filmproduktion geführt hatte.

"Le grand cahier" war nun der erste Film, der von der neuen ungarischen Filmförderungsanstalt HNFF bezuschusst wurde. Dass das insgesamt vier Millionen Dollar teure Kriegsdrama überhaupt nach Karlsbad eingeladen wurde, war für HNFF-Chefin Agnes Havas bereits ein wichtiger Erfolg: "Ungarische Filme sind zurück im Markt", sagte sie dem Hollywood Reporter kurz vor der Premiere des Films. Nun dürfte die Genugtuung in Budapest umso größer ausfallen. Denn auch hier will das Geld für's Kino ja mindestens so gut wie in Ouagadougou angelegt sein.

Der Besuch des Karlsbader Festivals wurde teilweise vom Veranstalter unterstützt.