14. goEast-Festival 2014 Widersprüche in der Peripherie

Wohin man blickt nur Röhren, Schornsteine und Plattenbauten. Und doch sind das nicht die einzigen Relikte des Menschen in der wilden sibirischen Natur in Natalia Meshchaninovas Drama "Fabrik der Hoffnung".

(Foto: Festival)

Wie zivilisiert ist Russland? Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise legt das Kino-Festival goEast in Wiesbaden Belege für Barbarei im Putin-Reich vor. Und zeichnet gleichzeitig ein Bild des Landes, das reicher, bunter und moderner ist, als es der Diskurs im Westen suggeriert.

Von Paul Katzenberger

Wer gehört zur Mitte Europas und wer zur östlichen Peripherie, das scheint die Grundsatz-Frage zu sein, um die im derzeitigen Konflikt in der Ukraine gerungen wird. Dem goEast-Filmfestival in Wiesbaden gab dieses aktuelle Kernproblem in diesem Jahr eine besonders passende und politisch brisante Programmatik, legte diese Filmschau doch schon immer auf die Unterscheidung zwischen der Mitte und dem Osten des Kontinents Wert, allein schon in der langen Version ihres Namens. Und tatsächlich vermittelte das "Festival des mittel- und osteuropäischen Films" bei seiner 14. Austragung ein Gefühl dafür, worin denn dieser Unterschied zwischen Mittel- und Osteuropa bestehen könnte.

Und das ist viel widersprüchlicher als es die westliche Sicht in ihrer platten Form erscheinen lässt, die da lautet: Die Mitte ist der Reichtum und die Zivilisation, der Osten ist die Armut und die Rückständigkeit. So, oder so ähnlich, wird es sogar im Osten Europas häufig gesehen.

Doch wie ist es wirklich? Das lässt sich gerade an den Schnittstellen Europas erkennen, etwa in Ungarn. Mit seiner geografischen Lage aber auch mit seiner Vergangenheit als Teil des Habsburgerreiches ist der EU-Staat eindeutig als mitteleuropäisches Land zu begreifen, das nichtsdestotrotz in den vergangenen Jahren mit einigen Entwicklungen auffiel, die im Westen als typisch "osteuropäisch" wahrgenommen werden: Beschneidung der Pressefreiheit und von Bürgerrechten, ein autokratisch auftretender Regierungschef sowie die fehlende Toleranz gegenüber Minderheiten wie etwa den Roma.

Und doch können nicht alle Bemühungen umsonst gewesen sein, Ungarn zu einer Demokratie und zu einem Rechtsstaat zu formen. Das zumindest legte bei goEast die Dokumentation "Urteil in Ungarn" von Eszter Hajdú nahe. In ihrem Film begleitete die Regisseurin das Gerichtsverfahren gegen vier rechtsradikale Angeklagte, die in den Jahren 2008 und 2009 sechs Roma aus rein rassistischen Motiven heraus ermordet haben sollen.

Der Fall erregte in Ungarn ähnlich große Aufmerksamkeit wie der NSU-Prozess hierzulande und weist auch ansonsten einige Parallelen auf. Anders als in Deutschland sind in Ungarn Filmaufnahmen in Gerichtsprozessen gestattet, was es Hajdú ermöglichte, das gesamte Verfahren in seiner zweieinhalbjährigen Dauer in ihrer Doku zu verdichten - eine Mammutaufgabe.

Doch es hat sich gelohnt, diese Herausforderung anzunehmen: Zu sehen bekommt der Zuschauer zwar sehr harte Kost, die ihm in Form der kaltblütig kalkulierenden Angeklagten und der häufig am Rande des Nervenzusammenbruchs stehenden Opfer-Angehörigen einiges über die tief sitzenden Ressentiments gegenüber Roma in Ungarn erzählt. Doch der Zuschauer bekommt eben auch den sehr klaren Eindruck, dass hier der Richter und seine Beisitzer trotz aller Zumutungen bis zuletzt um das Recht ringen, und das Verfahren stets penibel korrekt abläuft. Die Polizisten, denen erhebliche Unterlassungen bei der Verfolgung der Täter vorgeworfen wurden, watscht der Richter verbal in einer Weise ab, die jeden Verdacht im Keim erstickt, hier könne die Staatsräson nur eine Sekunde lang über das Recht gestellt werden.

Zu Tätern gemacht

Wie ein Schock wirkte in Wiesbaden im Kontrast dazu die Doku "Zelims Bekenntnis" von Natalia Mikhaylova, die von der Odysee eines jungen Muslims durch verschiedene Polizeistationen und Arrestzellen in Inguschetien berichtet, einer jener in Terrorangst gefangenen russischen Kaukasusrepubliken. Nur weil der Zwanzigjährige zur falschen Zeit am falschen Ort war, folterten ihn die inguschetischen und russischen Behörden fast zu Tode.

Allein Zelims sachliche Auflistung dessen, was ihm angetan wurde, ist kaum zu ertragen. Doch noch erschütternder ist für den Zuschauer die schleichende Erkenntnis, dass es hier gar nicht so sehr um die russische Version eines Kriegs gegen den Terror geht, bei der fataler Weise ein Unschuldiger ins Netz der Polizei geriet. Sondern, dass Zelims Geschichte einen ganz normalen Vorgang im korrupten System der russischen Strafverfolgung darstellt. Hier werden Unschuldige systematisch mit erpressten Geständnissen zu Tätern gemacht, damit Beamte geklärte Fälle vorweisen und sich einen Bonus verdienen können. In den Kaukasusrepubliken sei dieses System besonders stark ausgeprägt, sagte Mikayhlova in Wiesbaden, doch "die Polizei foltert in ganz Russland".