150. Geburtstag von Stefan George Der Dichter als Verbrecher

  • Heute vor 150 Jahren wurde der Autor Stefan George geboren.
  • Die Neugier auf Enthüllungen über den "Meister" und seine "Jünger" ist heute längst größer als die auf sein Werk.
  • Allerdings: Wer schaut, was sich unter dem Label das "geheime Deutschland" verbirgt, entdeckt viele, sehr verschiedene Individuen, für die George Teil ihrer Bildungsgeschichte war.
Von Jens Bisky

Der hohe Ton, die herrscherlichen Gesten, die gewaltige Wirkung in der Geistesgeschichte, die Ausrichtung der Freundeskreise auf ihn, den "Meister", all das gehört zu Stefan George - und verdeckt, wie schwach die Position war, von der aus er agierte. Er hatte seine Sache auf wenig gestellt, auf sein lyrisches Handwerk und das Charisma seines Ich. Im Grunde war mit ihm kein Staat zu machen, versteht man unter "Staat" ein halbwegs stabiles politisches Gebilde. Er führte das exzentrische Leben eines Außenseiters, ungesichert, ohne Brotberuf, ohne festen Wohnsitz, viel auf Reisen. George war einer der besten Bahnkunden seiner Zeit.

"Ich bin der Erste", sagte er im Alter, "der unbürgerlich gelebt hat, das würde genügen, selbst wenn ich keinen einzigen Vers geschrieben hätte." Er hat, zum Glück, einige verfasst, ein schmales Werk, an dem um 1900 kaum einer vorbeikam. Ohne ihn ist die expressionistische Lyrik eines Georg Heym oder Gottfried Benn kaum zu denken. Selbst Brecht, der dessen Gedichten später prätentiöse Leere vorwarf, bekannte 1913 im Tagebuch: "Ich bekehre mich zu Stefan George."

Der größte Antipode des "Meisters", Rudolf Borchardt, der glaubte, mit ihm um die Seele der deutschen Jugend zu kämpfen, hielt in einer wütenden Polemik fest: "Ich war der Ansicht und bin es immer noch, dass die von George aufgestellte Stil- und Kunstform eine Zucht ist, durch die gegangen werden muss, und dass man es büßt, sich ihr entzogen zu haben." Zucht: Das meinte eine Dichtung, die nicht breit und faselnd, nicht epigonal oder auf Inhalte, Botschaften aus war.

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Es galt der Kunst um der Kunst willen, der Form: "Ich wollte sie aus kühlem eisen / Und wie ein glatter fester streif. Doch war im Schacht auf allen gleisen. So kein Metall zum gusse reif". Der junge George wusste nicht, in welcher Sprache er schreiben sollte. Er schuf sich seine, eine erneuerte Dichtersprache, und er fand sie auch, indem er viele Gedichte aus Charles Baudelaires "Fleurs du mal" übersetzte, dem Grundbuch moderner Lyrik. Darin fand er ein Motiv, dem er treu blieb, den Dichter als Verworfenen, als Verbrecher, der die Wahrheit über die bürgerliche Gesellschaft ausspricht. George hat sie nicht hier und da kritisiert, auf "Fehlentwicklungen", "Defizite" aufmerksam gemacht. Er hat sie im Ganzen verdammt und verworfen: die Massen, die Geschäfte und die Geschäftigkeit, die großen Städte und die Presse, die Zerstreuung, den Fortschritt. Da schien ihm nichts zu retten, nichts zu bessern.

Die urbanen Milieus waren begeistert. Seinen öffentlichen Durchbruch verdankte George, der zuvor seine "Blätter für die Kunst" allein "geladenen Lesern" vorbehielt, ähnlichen Mechanismen wie der Naturalismus, den er verabscheute, oder der Impressionismus. Gegenüber vom Theater des Westens, in der Berliner Kantstraße, las er 1897 in der Wohnung von Reinhard und Sabine Lepsius. Dort verkehrten Akademiker wie der Soziologe Georg Simmel, der Germanist Richard M. Meyer, auch Lou Andreas-Salomé. "Der ganze Kopf, die magern, nervösen Hände erinnern sonderbar an den jungen Liszt", hieß es im Bericht der Vossischen Zeitung, die beklagte, sein "rheinischer Accent" störe hin und wieder. Er eroberte die literarische Öffentlichkeit, aber es war ihm misslungen, Hugo von Hofmannsthal für eine gemeinsame "heilsame Diktatur" über das deutsche Schrifttum zu gewinnen.