50. Filmfestspiele Karlovy Vary Keine Berührungsängste

Die Tradition, den Stand der Filmkunst abzubilden, hat Karlsbad bis heute beibehalten. Während es sich Cannes, Venedig und Berlin aus Prestigegründen niemals leisten würden, Filme zu zeigen, die woanders erfolgreich waren, pfeift Karlsbad auf solche Berührungsängste.

Und so war auch in diesem Jahr wohl nirgendwo eine bessere Zusammenfassung der drei Großfestivals geboten, angereichert mit Beiträgen, die bei anderen wichtigen Veranstaltungen der Branche aufgefallen sind, etwa Stéphane Brizés stilles und doch so anrührendes Sozialstaatsdrama "The Measure of a Man" ("La loi du marché") oder Dalibor Matanićs "The High Sun" ("Zvizdan") - eine wunderbare Montage von drei Geschichten über die Liebe in einer Welt des Hasses. Es gebe kein Festival, das einen besseren Überblick biete, hieß es auch in diesem Jahr in Filmkreisen immer wieder.

Bis heute zahlt Karlsbad allerdings auch einen Preis für die jahrzehntelange Isolation. Die Reputation, die die Festivalmacher trotz aller Bemühungen aufbauen konnten, reicht nicht aus, um in jedem Jahr einen Wettbewerb mit gleichbleibend hoher Qualität hinzubekommen.

Denn ein A-Festival muss mit Filmen bestückt sein, die mindestens ihre internationale Premiere feiern. Doch die Filmemacher drängen auf die Großfestivals und das Weltkino gibt nicht in jedem Jahr ausreichend viele neue Filme auf Cannes-, Venedig- oder Berlinale-Niveau her.

Und ausgerechnet beim 50. Anniversarium erwischte das Festival mal wieder einen schwächeren Jahrgang. Noch im Vorjahr hatten die Organisatoren einen überraschend starken Wettbewerb hingelegt, doch diesen Erfolg konnten sie im Jubiläumsjahr nicht wiederholen.

Hauptpreis für US-Sozialdrama

Immerhin gab es unter etlichen schwächeren Beiträgen, zu denen leider auch die heimische Tragikomödie "The Snake Brothers" ("Kobry a uzovky") des mittelböhmischen Regisseurs Jan Prusinovský zählte, einige solide Arbeiten zu sehen.

Visar Morinas Flüchtlingsdrama "Babai", das schon beim Filmfest München positiv aufgefallen war, zählte dazu - ebenso wie Daniel Denciks Historienfilm "Goldküste" ("Guldkysten"), der die wahre Begebenheit des jungen dänischen Adligen Wulff Joseph Wulff erzählt, der im Dänisch-Guinea des frühen 19. Jahrhunderts Partei ergreift für die Eingeborenen und sich dadurch die eigenen Landsleute zum Feind macht. Denn die Kolonialherren können in ihrer Menschenverachtung keinen Idealisten gebrauchen.

Den Hauptpreis des Festivals, den mit 25 000 Dollar (22 230 Euro) dotierten Kristallglobus, gestand die Jury unter dem amerikanischen Produzenten Tim League berechtigerweise dem US-Sozialdrama "Bob and the Trees" von Diego Ongaro zu.

Sprungbrett in die erste Liga

Es geht um den unerbittlichen Existenzkampf, den die amerikanische Gesellschaft ihren Bürgern nicht nur in den Großstadt-Ghettos aufzwingt, sondern auch da, wo niemand so genau hinsieht: zum Beispiel in der Abgeschiedenheit des ländlichen Neuenglands.

Der gebürtige Franzose Diego Ongaro war in der Branche bisher kein großer Name - außer einer Handvoll Kurzfilme hatte er vor "Bob and the Trees" nicht vorzuweisen. Doch das galt mehr oder weniger auch für Baltasar Kormákur, als er 2007 den Kristallglobus gewann. Inzwischen ist der Isländer in der ersten Liga angekommen - in diesen Tagen wurde bekannt, dass sein Drama "Everest" in diesem Jahr die Filmfestspiele von Venedig eröffnen wird.

Als Underdog ist Karlsbad stets für Überraschungen gut.

Die Delegation des Filmes "Bob and the Trees" bei der Preisverleihung der 50. Internationalen Filmfestspiele von Karlsbad 2015. Regisseur Diego Ongaro (rechts) hält die Dankesrede.

(Foto: David W Cerny; Film Servis Festival Karlovy Vary)