50. Filmfestspiele Karlovy Vary Unorthodox und charmant

In den Neunzigerjahren versuchten windige Geschäftemacher, das Festival zu Gunsten einer Konkurrenzveranstaltung in der tschechischen Hauptstadt Prag ins Abseits zu stellen. Gestützt durch ihre Seilschaften in der Politik gelang es ihnen, die FIAPF dazu zu bringen, Karlsbad den jahrzehntelangen Anspruch auf den A-Status zu entreißen und stattdessen einem neuen Prager Festival die höchste Kategorie zuzusprechen.

Die zwei Prager Festivaljahrgänge 1995 und 1996 endeten allerdings jeweils im finanziellen Chaos. Die Organisatoren hatten übersehen, dass es neben der Profitgier auch einer fachlichen Expertise bedarf, um ein großes Filmfestival zu organisieren.

Diesen Widrigkeiten setzten die Karlsbader Festivalmacher über Jahrzehnte den ausgeprägten Willen entgegen, ihren Besuchern trotz all ihrer Handikaps etwas Besonderes zu bieten. Dafür mussten sie die Dinge oft anders anpacken als ihre Kollegen in Cannes oder Venedig, doch ihre unkonventionelle Herangehensweise hatte ihren eigenen Charme.

In den Sechzigerjahren schaffte es Karlsbad etwa, seinem hinter dem Eisernen Vorhang abgeschotteten Publikum die tonangebenden Filmemacher des Westens in Nebenreihen oder auf seinem Filmmarkt zu präsentieren. Der Argwohn der Machthaber ließ sich durch das Argument aushebeln, dass sich Filmexperten der sozialistischen Welt so teure Westreisen ersparten. Die war schließlich mit raren Devisen zu bezahlen.

All die großen Namen des damaligen Kinos waren damit etwa in den Sechzigerjahren in Karlsbad vertreten: François Truffaut zeigte hier 1964 das Untreue-Drama "Die süße Haut", das der legendäre amerikanische Filmkritiker Roger Ebert später als "unheimlich hellseherisch" bezeichnen sollte, weil es den Sexskandal Dominique Strauß-Kahns vorzeichnete. Im selben Jahr war auch Elia Kazans episches Drama "Die Unbezwingbaren" zu sehen, das Kazan einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Elia Kazan (rechts) im Gespräch mit dem späteren Oscar-Preisträger Richard Attenborough (links) bei den Filmfestspielen in Karlsbad im Jahr 1964.

(Foto: imago stock&people)

1968 präsentierte Richard Brooks hier seine berühmte Adaption von Truman Capotes Bestseller "Kaltblütig", über die Roger Ebert damals schrieb, sie sei eine perfekte Kopie der grausamen Realität dieses vierfachen Mordes an einer Familie.

Ein Coup gelang den Organisatoren durch die geheime Vorführung von David Leans Drama "Doktor Schiwago", das in der Sowjetunion und in der Tschechoslowakei auf dem Index stand. "Wir drängten uns im Vorführraum wie die Sardinen und trauten uns nicht, auch nur einen Mucks zu machen", erinnert sich die Schauspielerin Marie Grofová.

Der junge Ken Loach wurde in Karlsbad sogar entdeckt. Sein Spielfilmdebüt "Geküsst und geschlagen" gewann 1968 den Spezialpreis der Jury und mit "Kes" holte er 1970 den Kristallglobus, den Hauptpreis des Festivals.

Ein alter Bekannter in Karlsbad: Der britische Filmemacher Ken Loach als Gast des böhmischen Festivals im Jahr 1992.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)