61. Filmfestival in Cannes König im Irrenhaus

Zur Eröffnung des Filmfestivals läuft in Cannes die Verfilmung von José Saramagos "Stadt der Blinden". Der Film legt mit Triumphgeheul los und geht dann leise unter.

Von Susan Vahabzadeh

Pünktlich zum Festivalauftakt ist, allen Prognosen zum Trotz, die Sonne aufgegangen über Cannes - das hebt die Stimmung, und bei neun von zehn Eröffnungsfilmen ist man für atmosphärische Auflockerung von oben durchaus dankbar.

Ein Königreich in Cannes

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Auch diesmal macht sich auf der Leinwand gleich zum Einstieg Angst und Verderben breit. Fernando Meirelles wurde vor sechs Jahren mit "City of God" zum Heilsbringer des lateinamerikanischen, wenn nicht des Weltkinos erklärt. Und hat sich nun ein wahrhaftiges Großprojekt aufgebürdet. Eine Geschichte, in der die Menschen nicht sehen können - nicht gerade ein naheliegendes Thema für ein visuelles Medium.

Aber in den Wettbewerb, dazu noch in die ehrwürdige Cannes-Eröffnungszeremonie hat er es also nun geschafft - wenn auch die verhaltene Reaktion bei der ersten Vorführung nicht gerade auf einhellige Begeisterung hindeutet.

Warum man sich in Cannes ungewöhnlich spät entschlossen hat, "Die Stadt der Blinden" zum Eröffnungsfilm zu machen, das offenbart der Roman, der Meirelles' Film zugrunde liegt - eine Geschichte vom Hunger und von der Gier. Das weiße Übel wird die Krankheit in José Saramagos Roman, auf dem der Film basiert, genannt, denn wer sie hat, sieht plötzlich nichts als das Licht.

Die Blindenseuche erzeugt nationales Chaos, wer nicht sehen kann, wird interniert. Und keiner, der jemanden verloren hat, kann ihn wiederfinden.

Auch der Augenarzt, der den ersten Blinden untersucht hat, geht in Quarantäne - aber nicht allein. Sie könne nicht mit, wird seiner Frau erklärt, und sie sagt darauf: Sie müssen mich mitnehmen, denn ich bin soeben erblindet ...

Allein aus Liebe

Mark Ruffalo und Julianne Moore spielen dieses Paar, und vor allem für Moore ist das ein ziemlich harter Job. Sie kann in Wirklichkeit sehen, ist allein aus Liebe mitgegangen. Meirelles lässt seine Szenen immer wieder ins Weiß fallen, die Bilder dazwischen sind in ein gleißendes Licht getaucht.

Ein parabelhafter Roman, in dem die Menschen keine Namen haben, nur Merkmale - der Arzt, die Frau des Arztes, die Frau mit der dunklen Brille, der erste Blinde.

Meirelles unterstreicht die globale Gültigkeit noch, macht die Figuren noch mehr zu Stellvertretern einer ganzen Welt, indem er die Besetzung international gestaltet - der erste Blinde ist Japaner, der Mann mit der Augenklappe ein Schwarzer, der Bösewicht ein Mexikaner: Gael García Bernal, der sich zum König erklärt im Irrenhaus.

Genau dahin werden die Blinden verfrachtet, eine leerstehende psychiatrische Anstalt, die Armee stellt Kisten mit Essen in den Hof und schießt auf jeden, der sich dem Tor nähert, als gebe es ein Entrinnen.

Drinnen werden die Infizierten sich selbst überlassen, das ist ungebremster Sozialdarwinismus, und bald gibt es keine Bewacher mehr, weil alle blind sind.

Es geht hier nur ums Essen, das, was man braucht, um bis zum nächsten Tag zu kommen - dass sich das ganze Gebäude schnell in eine Kloake verwandelt, bringt einen langsamen Tod.

Julianne Moore, die Frau des Arztes, muss mit gnadenloser Härte versuchen, ein bisschen Menschlichkeit durchzusetzen in dieser Hölle, wo sie doch die weichste von allen ist. Eine Seelenverwandte von "Che" Guevara, der in einigen Tagen im Film von Steven Soderbergh versuchen wird, die Herrschaft im Verteilungskrieg unter den Menschen an sich zu reißen.

Julianne Moore spielt das großartig, als ob es ihr zufiele, vielleicht weil in ihrem Gesicht von vornherein Sanftheit und Härte zusammenfinden.

Sie ist die eigentlich zentrale Figur, muss ihr Augenlicht verleugnen, damit sie an der heinzelmännchenhaften Fürsorge für die anderen nicht zerbricht. Und sie muss alle politischen Implikationen tragen, die Saramago dieser Geschichte mitgegeben hat.

Wann immer, zu der Erkenntnis gelangt sie irgendwann, man sich selbst mehr nimmt, als man braucht, nimmt man es einem anderen weg. Dass dieser Roman nun auf die Leinwand kommt zu einem Zeitpunkt, da die UN eine Welternährungskrise befürchten, es überall in der Welt Hungerunruhen gibt und eine Biosprit-Debatte - das hat Saramago nicht wissen können, als er den Roman 1995, drei Jahre bevor er den Literaturnobelpreis bekam, veröffentlichte. Aber vielleicht ist er einfach ein Sehender.

Schlechter Gag

Im Kino wirken Parabeln allerdings oft leblos, vielleicht weil das von Personen lebt und nicht von Stellvertretern, von der Fülle der Details und nicht vom Minimalismus der Allgemeingültigkeit.

Meirelles hat die Geschichte dann auch noch so beschleunigt, dass sie vieles verschleudert, die Bedeutung des Hungers beispielsweise - ein enttäuschender Auftakt. Und in manchen Momenten hat man den Eindruck, dass der Film selbst die Fühllosigkeit an den Tag legt, die er geißelt.

Welcher Teufel beispielsweise mag Meirelles geritten haben, als er beschloss, eine große Massenvergewaltigungsszene mit einer Musik zu unterlegen, die spielerisch den Rhythmus der Geräuschkulisse aufnimmt? Ein ganz schlechter Gag für eine Geschichte, in der alles darauf hinausläuft, dass nur der Zusammenhalt die Menschheit retten kann, Gerechtigkeitssinn, Solidarität, Fürsorge.

Wer sich zum König aufschwingt, ist nur König für einen Tag. Fast wie bei einem Film, der mit großem Triumphgeheul loslegt und dann leise untergeht.

Preisverleihung in Cannes 2007

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