15. Festival Dance Queer, divers, diskriminiert

Politik und Tanz bei Dance 2017: Etliche Stücke hinterfragen überkommene Geschlechterrollen und ideologische Zuordnungen. Ohne offensiv anzuklagen, beziehen sie Stellung für das Bunte und Uneindeutige

Von Sabine Leucht

Sie sind bunt. Doch, abseits der aus Nationalflaggen- und Fahrradtrikotstoffen genähten Kostüme, knallt ihre Buntheit nicht ins Auge. Was aber knallt, ist die Energie, die sie in die Muffathalle bringen, wo Richard Siegal mit seinem neugegründeten "Ballet of Difference" probt. Und auch der Zaungast spürt sofort, was die elf blutjungen bis (nach Ballettmaßstäben) gestandenen Tänzer mit ihren fliegenden Rastazöpfen, (halb)rasierten Häuptern, muskelbepackten und sehnigen Körpern gemeinsam haben: Selbstbewusstsein, ein immenses Ausdrucksvermögen - und technische Brillanz. "Excellence", wie Siegal selbst sagt: "Sie sind so gut; sie entzücken mich Tag für Tag."

Mit dem New Yorker Cedar Lake Contemporary Ballet hat der optionsgeförderte amerikanische Tänzer und Choreograf, der seit 2015 als Künstler in Residenz im Muffatwerk arbeitet, das Stück "My Generation" entwickelt, das nun überarbeitet unter dem Namen "Pop HD" Teil eines dreiteiligen Abends ist, der irritierenderweise seinerseits "My Generation" heißt.

Schillernde Persönlichkeiten wie der androgyne Matthew Min Rich und Ebony Williams, die bereits in Werken von Hofesh Shechter und Sidi Larbi Cherkaoui, aber auch mit Rihanna und Beyoncé getanzt haben, kommen aus dem Cedar Lake Contemporary Ballet, das 2015 aufgelöst wurde. Sie sind nun dabei, wenn unterschiedliche Traditionen, Temperamente und Geschlechterstereotypen eingebracht und hinterfragt werden. Zudem geht es in einer von zwei Uraufführungen des Abends, der an diesem Donnerstag, 11. Mai, um 21 Uhr in der Muffathalle das Festival als Weltpremiere eröffnet, um den zu 35 Jahre Haft verurteilten Whistleblower Bradley Manning. Dieser unterzog sich im Gefängnis einer Hormontherapie und wird, noch von Barack Obama zum Schluss seiner Präsidentschaft begnadigt, am 17. Mai als Chelsea Manning vorzeitig aus der Haft entlassen werden.

Siegals auf Geschlechteridentitäten und den Ballett-Kanon gleichermaßen ausgreifendes Credo, dass alles andere als die Vielfalt nicht mehr zeitgemäß sei, passt bestens zu Dance, das heuer laut Festivalleiterin Nina Hümpel zwar keinen politischen Schwerpunkt hat, aber "erstaunlich viele Arbeiten mit politisch relevanten Themen und wenig l'art pour l'art" zeigt. Für hohe Kunst plus politisch-sozialkritisches Engagement stehen außer Siegal auch die "Altmeister" und Dance-Stammgäste Wim Vandekeybus, VA Wölfl - oder die Israelis Emanuel Gat und Sharon Eyal. Auch Trajal Harrell kennt man schon in München (und man wird ihm 2018 in einer Koproduktion mit den Kammerspielen wiederbegegnen). 2015 präsentierte er bei Dance sein mit dem Bessie-Award ausgezeichnetes Stück "Antigone Sr. Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church". Das auf Kampnagel in Hamburg entstandene "Caen Amour" des auch in der Welt der bildenden Kunst hochgejubelten Exzentrikers spielt um ein überdimensionales Puppenhaus herum. Wer sich also bereits vor zwei Jahren von Harrell und seinen Co-Performern zum Mithüpfen in den Zuschauerreihen animieren ließ, kann nun hinter den Kulissen der Verwandlung via Klamottenwechsel beiwohnen. Dafür ist der Amerikaner ebenso Experte wie für das Spiel mit Exotismen und Gender-Stereotypen. "Antigone" ist inszeniertes Voguing - halb Laufsteg-Tanz in Highheels, halb Lifestyle queerer Subkulturen. "Caen Amour" ist die Reanimation des Hoochie Coochie, einer amerikanischen Variante des Bauchtanzes mit 150 Jahren Geschichte. Weshalb Harrells aktuelles Projekt auch vom Tanzfonds Erbe gefördert wurde.

Hierzulande (noch) kaum bekannt sind die beiden Youngster Yang Zhen und Daina Ashbee, die in ihren Arbeiten beide den Umgang ihrer Heimatländer mit Minderheiten thematisieren. Ashbee hat sich im übertragenen Sinne an den Straßenrand des "Highway of Tears" gesetzt, wie die Autobahn Nr. 16 in British Columbia genannt wird. Dort verschwanden in den vergangenen Jahrzehnten Tausende indigene Frauen und Kinder. Die junge Choreografin mit holländischen und indianischen Wurzeln thematisiert in "Unrelated" (2014) rassistisch motivierte Gewalt und die Mechanismen von Exklusion. Sie hofft darauf, mit ihrer "bewusst dunklen" Arbeit "die Zwänge zu zerstören, die meinen Körper und mein Selbstbild verformt haben, damit ein Neuanfang möglich wird".

Wie die Arbeit der Mittzwanzigerin aus Montreal ist auch die des etwa gleichaltrigen Yang Zhen irgendwo zwischen Tanz und Theater angesiedelt. Bei Zhen kommen noch Video und Gesang hinzu. Auch was die Disziplinen betrifft, geht es hier also bunt zu. In seiner Trilogie "Revolution Game" hat er das Lebensgefühl des modernen Chinas im Visier. Teil eins, das Zwei-Frauen-Stück "Just Go Forward", hat Nina Hümpel 2015 nach München geladen und damit Zhens Europadebüt ermöglicht. Teil drei, "Minorities", wird nun bei Dance uraufgeführt und tourt danach durch Deutschland, Japan, Taiwan und "vielleicht Frankreich", so der Choreograf. Singen und tanzen sieht man darin unter anderen eine Tibeterin, eine Mongolin und auch eine Uigurin, die der größten turksprachigen, stark verfolgten Ethnie in China angehört. "Ich denke nicht, dass es in China einen politischen Künstler gibt", sagt Zhen, der sich auch selbst das politische Label nicht anheften mag. Er räumt jedoch ein, dass die "große performative Kraft" des Tanzes ihrerseits oft von Seiten der Politik instrumentalisiert werde.

Wer sich aber nicht dienstbar machen will - so könnte man diesen Gedanken fortspinnen -, und sich überhaupt herauszieht aus den affirmativen und klassischen Rollenvorstellungen und Identitäten, die das Geschäft bedienen, kann damit vielleicht besonders gut Neuland erkunden. Tanz also als perfekte Ausdrucksform für alles Hybride, Uneindeutige und Wandlungsbereite, das sich plakativen politischen Statements entzieht? Let's dance!