9/11-Denkmal am "Ground Zero" Problematischer Präzedenzfall

Ganz leicht ist es nicht, sich in der wüsten Landschaft aus Baumaterial, Leitungen, Brücken und Stahlträgern und inmitten von Lärm und Geschrei vorzustellen, wie diese beiden Becken wirken werden, wenn Ground Zero endlich zur Ruhe kommt. Doch wenn irgend etwas dem Baustellenchaos und später dem Betrieb der Stadt standhalten kann, dann Arads Denkmal. Dass man sich dabei ertappt, die weite Leere, die Aufgeräumtheit dieser beiden leeren Kästen als angenehm zu empfinden; dass man erst dann das Beklemmende des in die Tiefe verschwindenden Wassers bemerkt und an die Opfer denkt, von denen viele hier ohne Spuren verschwanden wie jetzt das Wasser, spricht für den Entwurf. Genau wie Peter Eisenmann mit seinem Berliner Holocaustdenkmal vermied Arad Unverbindlichkeit ebenso wie Überrumpelung durch Zwangspathos.

Erst wenn man unmittelbar an der Mauer steht, die jedes der beiden Becken umfasst, fällt einem das Bronzeband auf, aus dem die Namen der Opfer gefräst sind. Eine für alle Beteiligten akzeptable Form für deren Auflistung zu finden, kostete Arad ein Jahr. Viele der Opferfamilien wollten nicht nur Namen sehen, sondern auch Alter, Beruf und Arbeitgeber, als sollten mit den Menschen auch deren Karrieren gewürdigt werden. Die Feuerwehr wiederum bestand darauf, dass die Namen der selbstlos in den Tod gegangenen Kollegen nicht mit denen der einfach so gestorbenen Zivilisten vermischt würden.

Zwar sind die Namen nun in neun Gruppen sortiert, die Passagiere der vier Flugzeuge, die Toten aus den Türmen und aus dem Pentagon, die Opfer des Attentats von 1993 und die "first responders" von Feuerwehr und Rettungsdiensten. Innerhalb dieser Gruppen jedoch lenkt kein Dienstgrad, kein Titel von der "irreduziblen Idee der Person" ab, die mit dem Namen am klarsten ausgedrückt sei, so Arad. Statt in alphabetischer Folge gereiht zu werden, sind sie jetzt nach einem organischen System geordnet, das auf 1200 Wünsche der Angehörigen zurückgeht. Kollegen und Freunde, Nachbarn und Familien stehen zusammen.

Arads Grundidee wurde realisiert, doch sein ursprünglicher Entwurf war weitaus ambitionierter. Er hatte vorgeschlagen, die Becken mit einer Art unterirdischem Kreuzgang zu umgeben, von dem aus man durch den Vorhang des herabfallenden Wassers in das Becken sehen sollte. Statt an der Oberfläche sollten die Namen auf den Seitenwänden stehen.

Die andere Änderung betrifft die Gestaltung des Parks: In Arads Entwurf sind die Becken von einer modernistischen Steinwüste umgeben. Der Landschaftsarchitekt Peter Walker, den ihm das Planungskomitee aufzwang, arrangierte 400 Eichen darin und löste erst damit Arads Anspruch ein, dass sich in seinem Park trauernde Angehörige ebenso willkommen fühlen sollen wie Angestellte in der Mittagspause. Beide Korrekturen haben dem Projekt nur gutgetan.

Doch obwohl die Gedenkstätte nun weniger theatralisch und weniger streng ausfiel, obwohl sie weit entfernt ist vom patriotischen Kitsch der ersten Jahre, bleibt ein Rest von Unbehagen, wenn man am Rand dieser Designer-Leere steht. Es ist nicht so sehr die Glätte von Arads Minimalismus, die ihm in New York schon den Vorwurf einträgt, sein Denkmal diene vor allem der Wertsteigerung der benachbarten Immobilien - auch wenn Arads Zierbecken eine Kulisse für ein Bademoden-Shooting abgäben. Es ist auch nicht der subtile Retro-Appeal von Arads Modernismus. Es ist auch nicht die Tatsache, dass das Nichts hier gleich zweimal gerahmt wird. Im Gegenteil: Die Doppelung hebt das trostlose metaphysische Szenario - es geht in den Schacht, nicht in den Himmel - zumindest teilweise auf.

Nein, es ist die schiere Größe, die befremdet. Einerseits lässt sich keine einleuchtendere Lösung denken, als das Denkmal in den Löchern anzusiedeln, die die zerstörten Gebäude hinterlassen haben. Doch in Zeiten, da das Gedenken an die Vergangenheit immer mehr von dem Platz verschlingt, der für die Zukunft gebraucht würde, schafft man damit einen problematischen Präzedenzfall.

Das 9/11-Memorial steht für einen grassierenden Maximalismus im Gedenkbetrieb, der für die Darstellung des Vergangenen den Maßstab von eins zu eins zum einzig zulässigen ausruft. Während das Washingtoner Vietnam-Memorial von 1962 die 59.000 Gefallenen mit einer schlichten 75 Meter langen Mauer ehrte, ist jedes der beiden Becken auf Ground Zero 60 mal 60 Meter groß. Und während die Berliner Holocaust-Gedenkstätte 15 Millionen Euro kostete, verschlang Arads Memorial erstaunliche 700 Millionen Dollar.

Neustart am Ground Zero

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