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Zukunft der Kirche:Viele Zweifel,  wenig Bewegung

Das zähe Ringen um kleinste Änderungen in der katholischen Kirche ist für viele Leser unverständlich. Die Entschädigung für Missbrauchsopfer sei unbefriedigend. Ein Schreiber mahnt zur Beständigkeit gegen den Zeitgeist.

Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Welchen Weg wird die katholische Kirche gehen? Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz beim Eröffnungsgottesdienst in Fulda im September.

(Foto: dpa)

Zu "Hölle und Himmel" vom 2./3./4. Oktober, "Bischöfe einig bei Entschädigungen" und "Gesteigerte Anerkennung" vom 25. September:

Die Unfähigkeit zu lernen

Hunderttausende verlassen jährlich die katholische Kirche. Die bleibenden aktiven Laien verlangen seit Jahrzehnten Reformen. Der mit viel Publicity eingeleitete synodale Weg hat Hoffnungen geweckt. Bisher hat die Kirchenleitung wenig unternommen, die Gläubigen zu ermutigen, auf die gestellten Probleme zur Machtfrage, zum Zölibat, zur Sexualität zu reagieren. Offensichtlich scheuen sich die Bischöfe, eine breite Befragung der Gläubigen durchzuführen. Angesichts des Niedergangs des kirchlichen Lebens in Westeuropa lohnt es sich, auf eine vitale katholische Kirche mit einem zahlreich verheirateten Klerus in der Westukraine, auf die griechisch-katholische Kirche mit byzantinischem Gewand und päpstlicher Jurisdiktion zu blicken.

Stalin hatte versucht, diese Kirche dem Patriarchat Moskau anzugliedern. Ihr entschlossener friedlicher Widerstand wurde mit Deportationen, Zwangsarbeit, Kerker und Erschießungen beantwortet. Die Treue zum Papst, der mehrheitlich verheirateten Priester und ihrer Familien konnte durch keinen Terror gebrochen werden. In einem Brief an den im Untergrund gewählten Metropoliten Wolodymyr Sternjuk lobt Johannes Paul II. ihre Standfestigkeit, fügt allerdings hinzu, "das Ideal des unverheirateten Priesters darf durch nichts verdunkelt werden". Sternjuks Vater war als Priester eine spirituelle Orientierung für Laien und Klerus. Was muss ein verheirateter Priester, der wegen seiner Treue zu Rom zehn Jahre Zwangsarbeit hinter sich hat, fühlen, wenn er vom Papst gesagt bekommt, er hat das Ideal eines Priesters verfehlt?! Diese antisexuelle (oder sexuelle) Fixierung kann wahrscheinlich nur durch eine lange Therapie geheilt werden. Warum will die Westkirche nicht von der bewährten katholischen Ostkirche, der griechisch-katholischen Kirche lernen? Ist es westliche Überheblichkeit, die uns hindert?

Prof. Dr. theol. Adolf Hampel, Hungen

In Sippenhaft für den Klerus

Die seit Langem und zu Recht geführte Debatte um sexuelle Übergriffe durch Priester und Ordensleute in der katholischen Kirche meint die Bischofskonferenz nun mit Geldzahlungen an die Opfer beenden zu können. Dabei wird nicht von Entschädigungen, sondern einer finanziellen Kompensation erlittenen Leids in Höhe von bis zu 50 000 Euro gesprochen. Seit Jahren verfolge ich als Katholik sprachlos dieses verzweifelte Aufarbeiten krimineller Missbrauchstaten durch Angehörige des Klerus, die häufig von vorgesetzten Stellen gedeckt oder verschwiegen wurden.

Pädophilie und der Missbrauch Schutzbefohlener eignen sich nicht, um mit dem Kirchenrecht aufgearbeitet zu werden. Hier ist mit aller Härte staatsanwaltschaftlich zu ermitteln und in öffentlichen Gerichtsverfahren zu urteilen! Die katholische Amtskirche mit dieser Art der Vergangenheitsbewältigung, dem starren Festhalten am Zölibat, den patriarchalen Strukturen, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse machen, der Sprachlosigkeit in Corona-Zeiten, den heillos verkrusteten Strukturen in Rom und dem Umgang mit kritischen Menschen in aktiven Kirchengemeinden wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Das Ansinnen der Bischofskonferenz, eine "finanzielle Kompensation" an Missbrauchsopfer aus Kirchensteuern oder dem Vermögen der Bistümer zu bezahlen, empfinde ich aber als skandalös. Für mich fühlt sich das an, als würde ich als Steuerzahler zum unfreiwilligen Komplizen der Täter gemacht. Die Opfer müssen entschädigt werden, aber doch nicht so! Nach meiner Rechtsauffassung ist der Täter verantwortlich zu machen und nicht die Kirchengemeinschaft in "Sippenhaft" zu nehmen. Der verpflichtende Einzug der Kirchensteuer durch den Staat sollte vor diesem Hintergrund dringend überdacht werden.

Dr. Konrad Renner, Schondorf/Ammersee

Unwürdige Entschädigung

Dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen keine punktuelle Schädigung ist, sondern ein lebenslanges Leiden nach sich zieht, sollte auch den katholischen Bischöfen bekannt sein. Ein Leiden, das bei vielen betroffenen Opfern eine normale Lebensführung und Berufsausübung unmöglich macht. Um dies ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, insbesondere der Sexualstraftäter zu rücken, hätten die katholischen Bischöfe auf ihrer Herbstvollversammlung Gelegenheit gehabt. Diese Chance haben sie verpasst. "Großzügig" verkündete Bischof Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, mit bis zu 50 000 Euro Anerkennungsleistung orientiere man sich am oberen Bereich von Leistungen staatlicher Gerichte in vergleichbaren Fällen. Für die aus der Bahn geworfenen Opfer ist eine solche Abfindung eine erneute Kränkung und Demütigung. Für solch Schwergeschädigte wäre eine monatliche Unterstützung bis zu ihrem Lebensende unbedingt angesagt.

Dipl.-Heilpäd. Antonius Rabung, München

Katastrophen lassen zweifeln

Kirchenaustritte vor allem auf Missbrauchsskandale oder Kirchensteuern zurückzuführen, scheint mir zu kurz gegriffen. Der entscheidende Grund für einen Kirchenaustritt ist, dass die Menschen immer mehr erkennen, dass die Glaubensgebäude der Kirchen auf Sand gebaut sind. Warum sollte man an einen Gott glauben, der allmächtig und lieb sein soll und zugleich unschuldige Menschen zu Hunderttausenden in den Tod schickt mittels Tsunamis, Erdbeben und Viruspandemien? Das Alte Testament ist voll von Gottes Aufforderungen, Frauen zu vergewaltigen, Kinder und Erwachsene zu opfern, Menschen zu berauben und zu foltern sowie ganze Völker zu ermorden. Warum sich der grausame Gott im Neuen Testament plötzlich zum "lieben Gott" gewandelt haben soll, können Menschen kaum verstehen.

Ernst-Günther Krause, Unterschleißheim

Vorsicht vor zu viel Reform

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob "Reformen" die Lösung der Probleme der katholischen Kirche sind. Denn einige Forderungen bedeuten auch eine Verwässerung von Glaubensgrundsätzen. Gerade die Erfahrungen der evangelischen Kirche, immer dem Zeitgeist zu folgen, lassen mich stark daran zweifeln, ob diese Strategie zum Erfolg führt. Auch hier gibt es zahlreiche Austritte, auch von Personen, denen die Kirche zu locker ist. Gewinner sind hier vor allem evangelikale Gemeinschaften.

Ich denke, dass es heute in unserer schnelllebigen Zeit auch eine Institution geben muss, die konstant zu ihren Werten steht. Sicher, die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern wird den Glauben nicht verwässern, aber es gibt durchaus auch Forderungen aus dem Lager der Reformer, die die Substanz des Glaubens beschädigen, wie etwa die Abschaffung der Sexualmoral. Daher sollte man meiner Meinung nach mit Reformen sehr vorsichtig sein.

Michael Oberseider, München

© SZ vom 08.10.2020
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