Wohnen:Die Kunst des Improvisierens

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Wohnen: Candle-Light-Dinner auf Karton: Auch ohne Tisch lässt es sich zu Hause gut aushalten, wenn man Ideen hat.

Candle-Light-Dinner auf Karton: Auch ohne Tisch lässt es sich zu Hause gut aushalten, wenn man Ideen hat.

(Foto: Lens/mauritius images/Alamy Stock Photos)

Tisch weg, Kühlschrank nach Monaten immer noch nicht geliefert. Da hilft nur eins: kreatives Chaos.

Von Oliver Herwig

Zum Glück hat er den Sommer durchgehalten. Während ein Hitzerekord den nächsten ablöste, schnurrte der marode Kühlschrank brav vor sich hin. Da war längst klar: Es muss eine neue Küche her. Im Mai hatte man die neue Kühl-Gefrier-Kombination bestellt. Ein Qualitätsteil. Made in Germany. Aber keine Chance, es in ein paar Tagen oder Wochen zu erhalten. Irgendwann hieß es, da würden noch Teile aus China fehlen. Der alte Kühlschrank war in Vorfreude auf den neuen schon ausgebaut, stand mitten in der Küche - und musste dann also doch wieder ran. Er surrte und rülpste und gluckerte wie eh und je. Nach wenigen Tagen entwickelte er sich nebenbei auch noch zu einer Art Zusatzablage.

Wohin mit den Tellern? Ach ja, auf den Kühlschrank. Dazu die Blumenvase, einige Wasserflaschen und alles, was nicht mehr in den brandneuen Apothekerauszug passte. Und das war gar nicht so wenig. Hatte man sich da etwa verkalkuliert? Wie praktisch, dass der alte Kühlschrank wenigstens zum Container taugte, obwohl er eigentlich nur ein Unterbaugerät war. Not macht eben erfinderisch, da werden aus Blumenkübeln plötzlich Türstopper - und die Flasche (wenn es gar nicht anders geht) mutiert halt zum Hammer.

Solch pragmatische Wendungen kommen immer wieder vor, die beiden Designtheoretiker Uta Brandes und Michael Erlhoff fanden dafür sogar einen schönen Begriff: NID - nichtintentionales Design. Das Kölner Paar untersuchte Gegenstände in neuen Kontexten, jene Dinge also, die bewusst "zweckentfremdet, missverstanden, ja missbraucht" wurden und dadurch "ein großes Potenzial an Innovation und vielfältigen neuen, anderen, multifunktionalen Nutzungsmöglichkeiten" erhielten. So weit die Theorie.

Ganze Kochshows drehen sich um den Zauber der genialen Eingebung unter Zeitdruck

Wie die Praxis aussieht, kennen alle, bei denen Kühlschrank und Magen schon mal gleichzeitig leer waren. Also: Auf zum Supermarkt oder Schnellimbiss des Vertrauens, wenn nicht wieder Lieferdienste antanzen sollen — oder eben die letzten Reste neu erfinden. Längst helfen dabei Blogs wie "Kochbar" oder "Chefkoch". Da gibt es schnelle Brownies aus wenigen Zutaten. Ganze Kochshows wie "Gekauft, gekocht, gewonnen" drehen sich um den Zauber der genialen Eingebung unter Zeitdruck und feiern die Kunst der Improvisation, deren Grundrezept etwa so klingen könnte: Vorwissen plus Zufallszutaten plus Wagemut, geteilt durch Zeit und Aufwand.

Selbst kreativ werden ist das Zeichen der Zeit. Was wird nicht alles improvisiert. Manche leben davon: Auf der Leinwand (als Drip-Art), am Theater (als Impro) und auf der Konzertbühne (auch wenn nicht alles, was spontan erfunden klingt, wirklich in diesem Augenblick entstand). Vielleicht hat das Spontane deshalb einen solch guten Ruf, dass wir es zunehmend auch im Alltag versuchen. Doch es bleiben Skeptiker: Improvisation allein führe freilich zu Schlampigkeit, nicht zu Spontanität, meinte etwa Anthony Hopkins. Lernen von Profis heißt also, dem glücklichen Moment etwas nachzuhelfen durch solide Vorarbeit. Planung statt Palaver. Strategie statt Wirdschonirgendwie. Schöner drückte das Vincent Klink aus: Um etwas aus dem Hut zu zaubern, meinte der Koch der Stuttgarter Wielandshöhe, müsse man vorher schon etwas hineingesteckt haben.

Wohnungen verändern sich mit jedem neuen Teil, jeder Reise, jedem Fundstück

Was heißt das nun für die Wohnung als Lebenswerk? Ist Einrichten die Kunst der Improvisation und damit gelebte Jamsession aus Outdoor-Stuhl und Lounge-Sessel vor Wandregal? Tatsache ist, dass Wohnungen nicht mehr aus Katalogen purzeln und sich immer mehr Zufallsbekanntschaften rund um den Esstisch einfinden: Stücke vom Flohmarkt, Wohnungsauflösungen oder von Freunden, die ihrerseits mit fremden Erbstücken nach Hause gingen. Gelungenes Crossover braucht aber einige Haltestangen: Grundfarben, die passen oder gute Kontraste abgeben, Muster, die sich wiederholen, oder einige wenige Klassiker, um die sich andere, nicht ganz so berühmte Stücke, scharen können. Wohnungen sind nicht mehr statisch, sie verändern sich mit jedem neuen Teil, jeder Reise und jedem Fundstück.

Improvisation als Seele des Augenblicks. Zufälle befördern die Welt, verlorene Handys oder Bahntickets machen aus Zufallsbekanntschaften Freundschaften fürs Leben. Einmal im Urlaub falsch abgebogen - und schon hat man sich in das Porzellangeschirr in diesem einen Laden verguckt. Wohnen und Einrichten hört nie auf, es gibt keinen Endzustand, sondern nur noch Etappen auf dem Weg zu etwas, von dem man - und das ist ja das Schöne - meistens selbst noch nicht weiß, wie es dann mal aussehen könnte.

Ach ja, am Montag kommt der neue Kühlschrank. Fast schade, dass dann auch die geniale Notablage abgeholt und fachgerecht entsorgt wird. Aber wahrscheinlich findet sich dafür bald wieder ein anderes Stück, das perfekt für etwas ganz anderes taugt als das, wofür es eigentlich entworfen wurde.

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Neue Fronten, neuer Kühlschrank, neuer Boden: Unser Autor ist gerade dabei, seine Küche zu renovieren - ohne den Verstand zu verlieren. Über viele kleine Entscheidungen und eine große.

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