Wittenberger "Judensau":Umstrittene Verrenkungen für ein Hass-Relief

Lesezeit: 5 min

Gerichtsentscheidung zu antijüdischem Kirchenrelief im Mai

Höchstrichterlich erlaubt, dennoch umstritten: Judenfeindliches Relief an Wittenbergs Stadtkirche.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

SZ-Leserinnen und -Leser hätten sich weit überwiegend gewünscht, dass die antisemitische Darstellung freiwillig oder per Gerichtsbeschluss entfernt würde.

"Schandmal als Mahnmal" und Kommentar "In Stein gemeißelt" vom 15./16. Juni:

Von der Leerstelle zur Lehrstelle

"In Stein gemeißelt" ist ein wirklich treffender Titel. Es bleibt einfach unbegreiflich, wieso die Stadtkirche zu Wittenberg diese Chance eines wahrhaft reformatorischen Aktes ungenutzt lässt, indem sie bereits im Vorfeld einer juristischen Bewertung dieses Schandmal hätte entfernen lassen. Die Leerstelle könnte dann idealerweise als Lehrstelle genutzt werden, indem eine exakt dort platzierte Hinweistafel zusätzliche Aufsteller verzichtbar macht.

Antisemitismus ist auch nach mehr als 700 Jahren immer noch eine Bedrohung, die gerade heute unser gesellschaftlich liberales Fundament spürbar erschüttert und gefährdet. Was bewegt also die Verantwortlichen, an dieser in Stein gemeißelten Schmähung des Judentums festzuhalten und damit die gesellschaftlichen Anstrengungen zur Integration jüdischen Lebens als Teil deutscher Kultur zu konterkarieren?

Johan Schloemann hat diesen Widersinn in seinem ausgewogenen Kommentar sehr gut belegt. Allerdings missglückt sein Vergleich des Kirchenreliefs mit den Bauten der Nationalsozialisten, da er die Intention der Urheber ausblendet. Monumentale Nazi-Architektur dokumentiert einfach nur den Größenwahn einer Ideologie und kann daher auch heute noch "gefahrlos" im öffentlichen Raum als Mahnmal fungieren. Die "Judensau" diskriminiert, hetzt und spaltet auch heute noch gesellschaftliche Gruppen. Wir können uns das eigentlich nicht leisten.

Armin Salin, Bochum

In den Schmelzofen damit

Die Relief-Darstellung ist in übelster Weise vulgär und beleidigend. Hierzu kann es kaum zwei Meinungen geben. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wen die abgebildeten Personen repräsentieren. Da es sich um die jüdische Glaubensgemeinde handelt, ist es in Deutschland noch beschämender als ohnehin schon. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man sich der Anregung oder Aufforderung, dieses Relief zu entfernen, widersetzen kann. Warum gehen nicht einfach diejenigen, die das Hausrecht an diesem Gebäude haben, her, und entfernen das Relief, um es dorthin zu bringen, wo es hingehört: in den Schmelzofen. So einfach und naheliegend wäre es.

Prof. Dr.-Ing. Michael Zäh, Garching

Relief behalten - und erklären

Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs, dass die als Wittenberger "Judensau" bekannte Schmähplastik an der Stadtkirche bleiben darf, begrüße ich. Geschichte lässt sich doch nicht ausradieren. Auch verschwindet mit einer Entfernung dieser historischen Plastik nicht der gegenwärtige Antijudaismus und Antisemitismus. Tatsache ist, dass sich das christliche Europa schon immer gegen die Juden definierte, und ab dem 7. Jahrhundert grenzten kirchliche Konzilien die Juden konsequent aus. Insofern ist das aktuelle Behaupten einer jüdisch-christlichen Tradition Europas ein modernes Märchen.

Aber hauptsächlich kommt es darauf an, sich gegen den aktuellen Antisemitismus zu positionieren und unsere dunkle Vergangenheit auszuhalten. Deren Zeugnisse wie die Wittenberger "Judensau" müssen, wohlgemerkt, erhalten bleiben, aber mit eindeutigen, Distanzierung zum Ausdruck bringenden Erläuterungen versehen sein.

Siegfried Kowallek, Neuwied

Unverständliches Urteil

Ich kann Johan Schloemann bei seinen Ausführungen zum Relief an der Wittenberger Stadtkirche nur zustimmen. Bei allem Respekt vor dem Hohen Gericht: Dieses Urteil ist mir unverständlich. Es gibt in Wittenberg genügend musealen Raum, wo man das Schmäh-Relief in einem geeigneten Kontext ausstellen könnte. An einer Kirche, egal welcher Konfession, ist eine derartige Beleidigung des Judentums unangebracht, auch wenn eine "Erklärung" angefügt wurde.

Mich verwundert es allerdings, dass es erst einer Klage bedarf, damit das Thema in einer größeren Öffentlichkeit diskutiert wird. Wäre es nicht längst an der Zeit gewesen, dass die Gemeinde der Stadtkirche oder die Landeskirche hätten aktiv werden müssen, um das Relief zu entfernen? Keine christliche Gemeinde sollte antisemitische Darstellungen oder Texte in oder an Kirchen dulden.

Was Christian Stückl mit der Überarbeitung des Passionsspiel-Textes angepackt hat, könnte ein Impuls sein. Bei manch anderen Themen ist man jedenfalls viel sensibler: Ich erinnere an die Diskussion um das Gedicht "ciudad (avenidas)" von Eugen Gomringer, welches wohl ein gewisses Unbehagen bei den Studentinnen (eventuell auch Studenten) der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin hervorrief. Dort entbrannte ein öffentlicher Diskurs um einen schönen, aber eigentlich harmlosen Text. In Wittenberg (und anderen Orten) hingegen belässt man eine so heftige Beleidigung des Judentums an einer christlichen Kirche, und dieser Akt des Antisemitismus wird dann auch noch durch ein richterliches Urteil gerechtfertigt! Manchmal gerät man an die Grenzen des Verstehens.

Renate von Törne, Hof/Saale

"Judensau" muss weg

Für mich muss die "Judensau" aus mindestens zwei Gründen weg: Erstens, weil es eine Schmähung von Menschen jüdischen Glaubens ist, die in der heutigen Zeit gegen den jüdisch-christlichen Dialog massiv verstößt und auch gegen die Verfassung (Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte, Grundgesetz, Artikel 1). Zweitens aber auch, weil diese "Judensau" an einer christlichen Kirche nichts zu suchen hat, weil sie gegen den christlichen Glauben verstößt, gegen das Evangelium Jesu Christi. In einer christlichen Kirche darf es keine Symbole geben, die deutlich und klar das Evangelium mit Füßen treten, unabhängig davon, dass frühere Generationen da anscheinend kein Problem damit hatten.

Ich hoffe, dass einerseits der BGH ein entsprechendes Urteil fällen wird und dass zweitens die Kirchenleitungen "Buße tun" und auf ihrer bisherigen Weigerung nicht halsstarrig weiterhin beharren werden. Damit werden sie sonst zu Komplizen. Die kirchlichen Zeugnisse antijüdischer, menschenverachtender Haltung und Praxis gehören in ein Museum, und nicht in eine Kirche.

Axel Stark, Passau

Grauenhaft und obszön

Das Schmährelief als antidemokratische Manifestation kann durch Kontextualisierung nicht "reingewaschen" werden und gehört deshalb nicht in den öffentlichen Raum. Schmähungen und Beleidigungen verletzen die Würde des Menschen. Sich dagegen zu verwahren, ist alles andere als "Bilderstürmerei"; ganz im Gegenteil: Es ist ein Zeugnis dafür, dass die Werte der Demokratie verstanden wurden und gelebt werden.

Das BGH-Urteil zum Wittenberger Schmährelief überrascht dennoch kaum. Neben dem Exemplar an Luthers Predigerkirche sind - so Wikipedia - noch 35 weitere antisemitische Hassbotschaften des Hochmittelalters bekannt. Eine europäische Verbreitung wird oft unzutreffend apostrophiert, denn 33 dieser Darstellungen befinden sich im deutschen Sprachraum, sofern wir Colmar/Elsass und Metz/Lothringen einbeziehen. Jeweils ein Exemplar befindet sich noch in Belgien, Polen und Schweden. Von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen, kann von einem deutschen Phänomen gesprochen werden.

Die Sprengkraft des Antisemitismus führte im 20. Jahrhundert in die größte Katastrophe der Menschheit. Der Holocaust trägt eine deutsche Handschrift. Es ist nicht erstaunlich, dass international eine klare Sprache gesprochen wird: Das Relief in Wittenberg ist grauenhaft und obszön. Es facht den Antisemitismus an. Die Zurschaustellung sei blanker Rassismus, und so weiter. Die deutsche Diskussion ist hingegen schulmeisterlich, akademisch und verschroben: Es sei Erinnerungskultur und ein Stachel im Fleisch, so als sei jetzt Selbstgeißelung angebracht.

Es wird von wundersamer Wandlung gesprochen, wonach das böse Schmährelief sich in ein Mahnmal gewandelt habe mittels einer kaum verständlichen Bodenplatte aus DDR-Zeiten, die als dialektische Antithese verstanden werden soll. Weil viele diesen Weg nicht mitgehen konnten oder wollten, wurde noch mit einem "Schrägaufsteller" nachgebessert. Überlegt wurde auch schon, alle Objekte mit einer Lichterkette zu verbinden. Das ist kein absurdes Theater - es ist deutsche Realität!

So ist es vielleicht folgerichtig, dass die Unesco oder der Europäische Gerichtshof wohl das letzte Wort sprechen werden. Das umstrittene Schmährelief von der Fassade der Wittenberger Schlosskirche zu entfernen und in Yad Vashem auszustellen, würde auf jeden Fall die universelle Erinnerungskultur bereichern.

Lüder Stipulkowski, Dörverden

Falsches demokratisches Signal

Es ist unumwunden ein Skandal, wenn der Bundesgerichtshof in einer Zeit, in der Judenfeindlichkeit wieder beängstigend zunimmt, das antisemitische Relief an Luthers Kirche in Wittenberg erlaubt. In diesen Tagen muss immer wieder registriert werden, dass der Antisemitismus sich in deutlicher Weise in verschiedenen Formen darstellt, ja, geradezu fröhliche Urständ' feiert.

Judenhass zeigt sich ganz deutlich wieder überall in unserer Gesellschaft. Die dritte Gewalt, in diesem Fall der Bundesgerichtshof, muss sich daher die Frage gefallen lassen, wie ernst sie den antifaschistischen Charakter des Grundgesetzes überhaupt nimmt und inwieweit sie ihre politische Verantwortung für das Miteinander aller Religionen erkennt und wahrnimmt. Das Verhalten der Justiz ist in diesem Falle nicht nur fragwürdig und müsste alle demokratischen Juristinnen und Juristen auf den Plan rufen.

Manfred Kirsch, Neuwied

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