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Corona-Berichterstattung:Wenn Wissenschaft plötzlich überlebenswichtig wird

Im neuen Corona-Testzentrum am KËÜlner Hauptbahnhof kËÜnnen sich Reisende aus Risikogebieten innerhalb von 72 Stunden nac

Corona-Routine: Am Testzentrum am Kölner Hauptbahnhof können sich Reisende aus Risikogebieten testen lassen.

(Foto: Christoph Hardt/imago images; Collage SZ)

Es gibt Momente, in denen bestimmt Wissenschaftsjournalismus plötzlich den Alltag der Redaktion und der Leser. So war das bei der Atomkatastrophe von Fukushima. Und so ist es jetzt in der Corona-Pandemie.

Von Patrick Illinger

Am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte der Mathematiker und Soziologe Vilfredo Pareto ein Prinzip, das als "80-20-Regel" Berühmtheit erlangte. Pareto hatte herausgefunden, dass es in vielen Bereichen der Gesellschaft Ungleichgewichte gibt. So stellte er fest, dass die reichsten 20 Prozent der Grundbesitzer in Italien 80 Prozent des Bodens besaßen. Die 80-20-Regel ist seither auf viele andere Themen übertragen worden. Beim Erlernen einer neuen Fähigkeit, einer Sprache zum Beispiel, braucht man angeblich 80 Prozent des Aufwands, um die letzten 20 Prozent auf dem Weg zur Perfektion zu meistern.

Ich missbrauche die 80-20-Regel gelegentlich, um zu erklären, wie sich Wissenschaftsjournalismus von anderen Themengebieten unterscheidet: Im Politik-, Wirtschafts- oder Sportressort basieren 80 Prozent der Berichterstattung auf aktuellen Ereignissen: einem Auftritt der Kanzlerin, einer Firmenpleite oder einem Fußball-Länderspiel. Im Wissenschaftsjournalismus ist es andersherum. An vier von fünf Tagen, ohne die Zahlen allzu genau zu nehmen, besteht freie Wahl: Sind neue Erkenntnisse über Ameisen interessanter als ein Millisekunden-Pulsar? In der Themenkonferenz der SZ-Wissenschaftsredaktion geht es dann hin und her, Kollegen aus anderen Ressorts halten uns gerne mal für die Wohngemeinschaft in der Serie "The Big Bang Theory". Die für Klimawandel zuständige Kollegin findet die neuen CO₂-Werte wichtiger als den fragwürdigen Krebstest, über den der Medizinkollege berichten will. Selbstredend gibt es auch im wissenschaftsjournalistischen Alltag "Muss-Themen", aber eben seltener als in anderen Ressorts. Das kann eine geglückte Marslandung sein, das Fossil einer ausgestorbenen Menschenart oder die Entdeckung von Gravitationswellen im All. An solchen Tagen verdrängt Wissenschaft die anderen Ressorts von der SZ-Homepage und der Titelseite der gedruckten Zeitung.

Und manchmal passiert etwas, das in keine 80-20-Regel passt. Eine Singularität, würden Mathematiker sagen, ein schwarzer Schwan die Ökonomen. Die Rede ist von Fukushima. Oder Corona.

Plötzlich sind Erkenntnisse der Wissenschaft nicht mehr nur interessant, lehrreich oder erstaunlich, sondern überlebenswichtig. Informationen über Radioaktivität oder gefährliche Viren sind lebenswichtig. Sie bestimmen das Handeln ganzer Gesellschaften. Ich erinnere mich gut an den Morgen des 11. März 2011. Die Fernsehbilder aus der japanischen Region um Sendai konnte man mit einem Apokalypse-Film von Roland Emmerich verwechseln. Eine Mischung aus Schockstarre und Entfremdung machte sich in der gesamten Redaktion breit, während unvorstellbare Wassermassen auf Japans Ostküste trafen und sich unerbittlich durch Häfen, Straßen und Ortschaften ins Hinterland frästen.

Plattentektonik, erklärt an einem Schokoriegel

Quer durch die Ressorts diskutierten die Kolleginnen und Kollegen, wie mit dieser einzigartigen Situation umzugehen sei. Erst kurz vor Mittag rief mich der Chefredakteur in sein Zimmer. Er sprach ein paar Sätze, die man als verbales Schulterklopfen verstand, wenn man ihn lange genug kannte, und drückte mir einen Duplo-Riegel in die Hand. "Schreiben Sie einfach, was Ihnen durch den Kopf geht." Irgendwann in den folgenden vier Stunden verzehrte ich die Süßigkeit, während ich mit einem Gefühl aufkeimender Panik gegen den Redaktionsschluss anschrieb. Immerhin inspirierte mich der Schokoriegel zum Einstieg in den Text, der anschließend auf der Seite Drei der SZ erschien: "Es sind 8,3 Zentimeter. Das ist nur die Breite einer Hand. Der Durchmesser einer Teetasse. Oder die Länge eines Schokoriegels. 8,3 Zentimeter. So weit schiebt sich der gewaltige Meeresboden des Pazifischen Ozeans jedes Jahr unter die westlich an ihn grenzende Erdplatte, auf der Japan liegt."

Ich erzählte von der Plattentektonik am Meeresgrund, ließ meinem Staunen über die Naturgewalten freien Lauf und bewunderte die Haltung der Japaner, die inmitten der Katastrophe geordnete Schlangen vor den verbliebenen Telefonzellen bildeten, um herauszufinden, ob ihre Liebsten noch lebten.

Noch am gleichen Abend geriet das Kernkraftwerk Fukushima außer Kontrolle, ein wochenlanges Drama nahm seinen Lauf. Mehrere Kolleginnen und Kollegen des Wissenschaftsressorts schrieben Tag und Nacht über den ruinierten Reaktor, über die Radioaktivität, von der man noch nicht wusste, wie weit sie sich über den Globus verteilen würde. Das Interesse der Leserschaft, die Verschwiegenheit des Kraftwerkbetreibers, das Schaudern über eine mögliche Kernschmelze sorgten für einen wissenschaftsjournalistischen Ausnahmezustand. Zu jener Zeit war, was für ein Zufall, eine Volontärin im Ressort, die Physik studiert hatte und Japanisch sprach. Zum 1. September hat die Volontärin von damals, Marlene Weiß, die Leitung des Wissenschaftsressorts der SZ übernommen.

Neun Jahre nach Fukushima ist nun erneut eine Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen, bei der das Wissenschaftsressort mehr denn je gefragt ist. Anders als in Japan begann es nicht mit einem Knall. Es gab keinen Tsunami, der die unvorstellbare Anzahl von 25 000 Menschen tötete, und keine Explosion, die das Dach eines Kernreaktors vor den Augen der Weltöffentlichkeit wegsprengte.

Das Drama von 2020 begann nahezu unbemerkt, schleichend, mit einem über Wochen anhaltenden Crescendo. Die erste Meldung der Süddeutschen Zeitung über ein rätselhaftes Virus im chinesischen Wuhan stand am 4. Januar 2020 im Politikteil und war nur wenige Zeilen lang. Erst im März bewegte sich Deutschland, zunächst freiwillig, dann behördlich verordnet in den Ausnahmezustand.

Anders als 2011, damals war die Katastrophe offensichtlich, mussten wir Wissenschaftsjournalisten oft auf die Bedrohung hinweisen, die Gefahrenlage erläutern, angemessen deutlich, möglichst ohne Panik zu verbreiten. Als bei einer unserer täglichen Redaktionskonferenzen Ende Februar ein Kollege des Wirtschaftsressorts empört ankündigte, dass die Mailänder Modemesse womöglich abgesagt werde, platzte es aus mir heraus: "Wenn es so weitergeht, dürfte eine abgesagte Modemesse unser geringstes Problem sein."

Auf der Basis bruchstückhafter Informationen nach bestem Wissen (und, ja, Gewissen) zu berichten und zu kommentieren, ist wissenschaftsjournalistischer Alltag - und im Fall einer Pandemie besonders wichtig. Auch weil, anders als die Öffentlichkeit oft vermutet, die Wissenschaft selbst keine endgültigen Antworten geben kann. Welchen Schutz bieten Masken? Die Studienlage änderte sich in den ersten Wochen der Pandemie. Wann genau können Schulen wieder geöffnet werden? Dazu gibt es vielleicht Evidenz, Daten, und die Einschätzung erfahrener Virologen, aber keine unumstößlichen Wahrheiten. In einer solchen Situation gilt es vor allem, blanken Unsinn von einer seriösen Studie zu unterscheiden, Spekulationen nicht ins Kraut schießen zu lassen und möglichst jene Experten zu befragen, die nicht aus Geltungssucht oder dank ihrer Fernsehtauglichkeit, sondern aufgrund ihrer Kompetenz Stellung nehmen.

Im Wust an Scheininformationen profitierte die SZ von der Expertise ihrer Redakteurinnen und Redakteure

Was einen seriösen Wissenschaftler ausmacht, ist neben der ausgewiesenen Fachkenntnis (ein akademischer Titel alleine reicht nicht) das bedächtige Abwägen der oft noch unvollständigen Fakten, das Hinweisen auf Ungewissheit, das Trennen von Gesichertem und Unsicherem. In diese Lücken der Erkenntnislage stoßen leider allerlei Pseudo-Experten und verbreiten in den einschlägigen Kanälen der Digital-Sozialwelt ungeheuerlichen, teils jedoch glaubhaft klingenden Unsinn. Das Spektrum reicht von spekulativem Geraune zu abstrusen Verschwörungstheorien. Das Coronavirus sei gar nicht neu, hieß es (was es sehr wohl ist), oder nur Menschen mit Vorerkrankungen seien gefährdet (was nachweislich falsch ist). In diesem Wust an Scheininformationen profitierte die SZ von Anfang an von der Erfahrung der Wissenschaftsredakteurinnen und -redakteure, von denen zwei Medizin studiert haben, drei Biochemie, eine Biologie sowie eine Public Health. Hinzu kommen Dutzende Kolleginnen und Kollegen aus digitalen Abteilungen, die hervorragende Podcasts, Longreads und interaktive Grafiken produzieren. Hilfreich ist auch, dass das Datenjournalismus-Team der SZ von einem Mathematiker koordiniert wird.

Es ist keine einfache Aufgabe, auch weil die Massenpsychologie mitunter gegen die Wahrheitsfindung arbeitet: Menschen mögen keine schlechten Nachrichten, und niemand verharrt gerne im Daueralarm. Beides sind im Grunde sympathische Eigenschaften, natürliche Mittel gegen Trübsal und Angst. Doch bietet es auch den Nährboden für Populisten, die aus der Luft gegriffene Heilsbotschaften verkünden. Realitätsflucht ist jedoch kein Mittel gegen Gefahren, und gegen ein Virus schon gar nicht. Während diese Zeilen geschrieben werden, ist noch unklar, inwieweit eine allzu fröhliche Rückkehr zum gewohnten Alltag ein Aufflammen der Pandemie begünstigen wird.

Doch zurück zum 80-20-Alltag, in dem auch Wissenschaftsjournalisten am liebsten das tun, was Journalisten gerne tun: Faszinierendes erleben und darüber berichten. Offenheit für Neues, für bizarre Orte, ja sogar ein kalkuliertes Maß an Gefahr gehören dazu. Unvergessen bleibt mir ein Besuch auf dem Gelände des Kernkraftwerks von Tschernobyl, wo es - kein Witz - noch heute eine Kantine gibt, in der Kellnerinnen mit bunten Schürzen wie zu Sowjetzeiten Hühnchen und Karotten auf Resopaltischen servieren. Oder der Besuch einer Kleinstadt in der Provinz Sichuan, wo ich bei Tsingtao-Bier und gegrillten Kröten mit chinesischen Physikern über ein geplantes unterirdisches Elementarteilchenlabor diskutierte. Nachhaltig beeindruckt hat mich ein Ausflug nach Transsilvanien, wo ich mit Fossiliensammlern Überreste ausgestorbener Flugsaurier ausgrub. In diesen Situationen möchte man manchmal die Zeit anhalten, dem journalistischen Termindruck entfliehen und einige Wochen lang auf Knochensuche gehen.

Dabei gilt auch für Wissenschaftsjournalisten der Satz des berühmten Kollegen Hanns Joachim Friedrichs: Dabei sein, aber nie dazugehören. Was in der Politik die Macht ist und in der Wirtschaft das Geld, ist in der Wissenschaft das Renommee (und die Fördermittel). Die Jagd danach kann sogar angesehene Forscher korrumpieren, dann werden Daten geschönt, mitunter knallhart gefälscht, aus Fachkreisen werden Seilschaften. Je genauer man als Journalist hinsieht, desto mehr entdeckt man solche Schattenseiten im Wissenschaftssystem. Dann mutiert der Wissenschaftsjournalist zum Detektiv, zum Investigativjournalisten. Man wälzt Akten, trifft Informanten, prüft Studien und sammelt Beweise. Wenn sich ein hoch angesehener Forscher schließlich als Scharlatan entpuppt, ist das Erschrecken in der Wissenschaft groß. Zu gerne hätte man das schlechte Licht vermieden, das die Enthüllung auf den betrügerischen Kollegen und sein Fachgebiet wirft. Dem Wissenschaftsjournalisten, den die Fachwelt mitunter als willfähriges Sprachrohr der Wissenschaft ansieht (was vor einigen Jahrzehnten stimmen mochte), schlägt plötzlich Feindseligkeit entgegen. Doch damit müssen Journalisten leben. Das meint der Satz von Hanns Joachim Friedrichs.

Ein guter Wissenschaftsjournalist sollte nicht jedem Wissenschaftler alles glauben und bedenkenlos jeder Studie vertrauen. Dafür gibt es zu viele schlechte, geschönte oder wertlose Studien - und mitunter von Eitelkeit statt Erkenntnisdrang getriebene Forscher. Gerne wird in der Wissenschaft - ein Phänomen der neuen Medienwelt - maßlos übertrieben: Plötzlich fliegt ein Elementarteilchen mit Überlichtgeschwindigkeit (es war ein Wackelkontakt in der Elektronik), oder ein fossiles Urzeit-Äffchen wird sensationsheischend als Vorfahr des Menschen verkauft, war aber allenfalls eine Großgroßgroßtante von Homo sapiens. Fast täglich werden neue Heilmittel gegen Alzheimer oder Krebs angekündigt, die bei genauem Hinsehen nur an Mäusen einen Effekt zeigen. In vielen Fällen muss der Wissenschaftsjournalist die vermeintliche Sensation entzaubern oder in den angemessenen Rahmen spannen - mitunter übrigens zum Bedauern der Kolleginnen und Kollegen der Nachrichtenredaktion. Die Kollegen haben es groß berichtet? Das darf nicht unser einziger Maßstab sein.

All das schmälert nicht das grundsätzliche Vertrauen des Wissenschaftsjournalisten in die Kraft der von Kant und Popper begründeten Prinzipien guter Wissenschaft und letztlich der Aufklärung. Wir Menschen sollten Entscheidungen auf Empirie und Vernunft gründen, nicht auf Bauchgefühl, Gerüchte oder Verschwörungstheorien - das gilt in Ausnahmesituationen ebenso wie im Alltag. Und für Wissenschaftsjournalisten in besonderem Maß.

© SZ

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