WissenschaftsfreiheitZweifeln und glauben

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Sie steht im Fokus der Regierung von Donald Trump: die Havard-Universität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts.
Sie steht im Fokus der Regierung von Donald Trump: die Havard-Universität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts. Faith Ninivaggi/REUTERS

Populisten attackieren die Wissenschaft – nicht nur jenseits des Atlantiks, auch hier. Aber was genau ist das Wesen der Wissenschaft und wie schützt man sie? Ein Essay hat Leser der SZ zu weiteren Gedanken angeregt.

SZ bei Google bevorzugen

Essay „Erst stirbt die Wissenschaft, dann die Vernunft, schließlich der Mensch“ vom 20. Juni:

Big Data statt großer Theorie

Frau Berndt zitierte Richard Feynman, dass Religion eine Kultur des Glaubens ist, Wissenschaft eine Kultur des Anzweifelns. Dagegen hat der irische Dichter Oscar Wilde gemeint, dass Wissenschaft die Dokumentation toter Religionen sei. Wissenschaft und Religion sind eng verknüpft. Einsteins Meinung zu diesem Thema war: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.“

In einem provokanten Artikel in der Wired legt Chefredakteur Chris Anderson das Ende aller Theorie nahe. Große Datenbanken würden jede wissenschaftliche Theorie überflüssig machen. Warum soll man Hypothesen in menschlicher Sprache formulieren, wenn man doch rasch Billiarden von Datenmengen analysieren und sämtliche Cluster und Korrelationen erkennen kann?

Ian Pearson zum Beispiel, der die Firma Futurizon gegründet hat, meinte, dass KI-Funktionseinheiten bis 2020 zu Nobelpreisträgern werden. Die KI übertrifft schon jetzt den menschlichen Erfindungsreichtum. So wurde zum Beispiel die Proteinfaltung mit der Hilfe von KI-Algorithmen des Alphafolds von der Firma Deepmind gelöst. Google hat diese Firma 2014 übernommen. John Jumper, der Entwickler von Alphafold, erhielt 2021 den Wiley Prize in Biomedical Sciences, 2023 wurde ihm der Breakthrough Prize in Life Sciences zugesprochen. Und letztes Jahr haben Demis Hassabis und John Jumper den Chemie-Nobelpreis bekommen.

Igor Fodor, München

An Fakten glauben

Mit falschen Mitteln kann man einen richtigen Zweck nicht erreichen. Mit einfältigen Scheinalternativen wie der von Glauben oder Wissen kann man der Zerstörung der wissenschaftlichen Vernunft nicht entgegenwirken. Seltsam, dass der Autorin die Selbstwidersprüchlichkeit ihrer Alternative nicht auffällt. Muss man nicht an die – wie immer vorläufigen – Ergebnisse der Wissenschaft(en) glauben? Und muss man nicht vorher schon an das Vermögen der menschlichen Vernunft glauben, die Wirklichkeit erkennen zu können? Was ist das „Vertrauen in die Wissenschaft“, das die Autorin beschwört, anderes als die Einsicht, dass Wissen und Glauben aufeinander verweisen, aufeinander angewiesen sind?

Dass zum Beispiel der aktuelle Klimawandel menschengemacht ist, wie die Wissenschaften nahelegen, muss man eben glauben. Wäre, wie das Zitat von Richard Feynman behauptet, „Anzweifeln“ immer dem „Glauben“ vorzuziehen, hätten ausgerechnet die recht, die weiterhin alle wissenschaftlich beglaubigten Fakten anzweifeln, um sie leugnen zu können. (An)zweifeln kann man immer auch, um Fakten zu leugnen und ihren Konsequenzen ausweichen zu können. Man muss an die Realität glauben, an die Realität von Fakten wie von Erkenntnissen, um sich im Handeln danach zu richten. Dass dann auch die schlichte Alternative von Religion und (wissenschaftlicher) Vernunft naiv ist, sei nur nebenbei angemerkt.

Ohne den Glauben an die Fähigkeit menschlicher Vernunft, die Wahrheit zu erkennen, hätte sich in Europa womöglich die philosophische Skepsis durchsetzen können, die auf die Enthaltung von Wahrheitsbehauptungen zielt, um zwischen alternativen „Wahrheiten“ die Balance der Seelenruhe zu finden. In der Tat, wie die Autorin schreibt, man muss nicht nur an Fakten glauben, sondern auch an (hoffentlich wahre) Erzählungen. Aber nur eine Erzählung, die die komplexen Verhältnisse zwischen Glauben und Wissen begreift und ernst nimmt, ist glaub-würdig und wahrheits-fähig.

Pfarrer Dr. Klaus Wagner-Labitzke, Bad Aibling

Unis müssen sich wehren

Populisten gibt es nicht nur in Amerika, auch in Europa. Die Strategien sind überall gleich: die Demokratie auszuhöhlen, die Pressefreiheit einzuschränken, Grundrechte zu schleifen, das liberale Rechtssystem abzuschaffen, Richter nach Parteizugehörigkeit auszuwählen. Amerika und seine Universitäten müssen lernen, sich zu wehren gegen einen Präsidenten, der die Freiheit generell einschränken will. Die Demokratie ist ganz grundsätzlich in Amerika gefährdet.

Thomas Bartsch Hauschild, Hamburg

Tote Kunst

Sehr geehrte Frau Berndt, sehr geehrte Damen und Herren, Sie haben wunderbar dargelegt, weshalb Wissenschaft nicht sterben darf. Dabei scheinen mir auch die Parallelen zwischen dem hier behandelten Feld der Wissenschaft und dem der Kunst offenbar. Beide Domänen besitzen sowohl instrumentellen als auch intrinsischen Wert. Leider scheinen Sie die Kunst ja schon für tot zu erklären. Sonst kann ich mir nicht erklären, warum, ausgerechnet auch noch in der Kultursparte, ein KI-generiertes Bild gewählt wurde.

Clemens Brocke, Mainz

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