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Windkraft:Warum die Energiewende stockt

Von Windrädern umzingelt fühlen sich manche Bürger und äußern sich skeptisch zur Windenergie. Leser haben für diese Sorgen mehr Verständnis als mancher Reporter. Fest steht: Eine Wende kann nur gelingen, wenn jeder etwas nachgibt.

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Zu "Wusch, wusch, wusch" vom 20. Januar sowie zu "Verrat einer Idee" und "Kritik am Windbürgergeld" vom 4./5./6. Januar:

Mehr Subvention als Nutzen

Der Zubau erneuerbarer Energiequellen in Deutschland ist an seinen geografischen, physikalischen, technologischen und vor allem ökonomischen Grenzen angelangt. Wer jetzt noch ein "Windbürgergeld" fordert, muss sich fragen lassen, woher denn dieses Geld kommen und was es bewirken soll. Der rechnerische Effekt der Reduktion von Treibhausgas-Emissionen durch jede neu zugebaute Windenergie- beziehungsweise Photovoltaik-Anlage wird sofort wieder nahezu zunichte gemacht durch nötige Maßnahmen zur Stabilisierung des öffentlichen Netzes.

Weil es keine Speicher gibt, muss ein Überschuss von Wind- und Sonnenstrom abgeregelt oder mit Zuzahlung von "Entsorgungskosten" exportiert werden. Daten und Fakten belegen dies: Im Jahr 2019 gab es 232 Stunden mit solchen "negativen Preisen" an der Leipziger Strombörse, das sind 74 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Bundesland Schleswig-Holstein ist ein einziger Windpark und etwa zur Hälfte von in Deutschland angeordneten Abregelungen von Windanlagen betroffen. Deren Betreiber müssen laut Gesetz trotzdem für die entgangenen Einkünfte für diesen Geisterstrom entschädigt werden. Im ersten Quartal 2019 waren dies im Mittel mehr als vier Millionen Euro täglich. Allein im Dezember waren die Subventionszahlungen für Wind- und Sonnenstrom um 1438 Millionen Euro höher als dessen Wert an der Strombörse. Will man die Reduktionsziele für CO₂ bis 2030 erreichen, müssen sofort alle bisherigen Konzepte der Energiewende auf den Prüfstand.

Prof. Sigismund Kobe, Dresden

Verunglimpfung der Gegner

In dem Artikel verunglimpft der Autor meines Erachtens die Windkraftgegner und verweigert sich einer sachlichen Diskussion. Da werden die Gegner Windkraft als Menschen bezeichnet, die Gruselmärchen verbreiten, die mit flötender Stimme auf Kinder einreden, die mit Altherren-Strickjäckchen bizarre Vorstellungen verbreiten. Mit keinem Wort geht der Autor auf die Argumente dieser, wie mir scheint, nicht verbohrt wirkenden Personen ein. Ihr Berichtsstil dürfte Frust und Ärger bei den Betroffenen bewirken und ein Gespräch eher behindern. Sie vertiefen leider die Kluft zwischen "denen da oben", die alles besser wissen, und dem sogenannten Volk. Schade - eine verpasste Chance.

Dr. Martin Klupp, Amberg

Es fehlen Stromtrassen

Der Strom aus der Steckdose? Wie soll Strom gewonnen werden, wenn man Atomkraftanlagen abschaltet, Windkraftanlagen vor der Haustüre nicht gewollt sind und eben auch Braunkohletageabbau von heute auf morgen geschlossen werden sollen!? Solaranlagen, Photovoltaik-Anlagen und Wasserkraft sind nicht flächendeckend! Also Frage an die Bürgerinnen und Bürger: Wenn Sie Handys, Notebooks, Fernseher, Waschmaschinen und Stereoanlagen bedienen wollen - woher kommt dann der Strom?

In Sachsen-Anhalt, wo auf Bundesboden die meisten Windparkanlagen stehen, wird Strom produziert. Leider können Bayern und Baden-Württemberg unseren Strom nicht erhalten. Weshalb wohl? Weil das Bundesland Thüringen weder Überlandleitungen noch unter der Erde die Stromtrasse will! Was bedeutet das für die Bürgerinnen und Bürger Bayerns wohl? 1000 Meter vom Haus entfernt einfach schlicht und ergreifend, Windkraftanlagen zuzulassen. Wir haben nur noch die Ost- und Nordseeparks für Windparkanlagen, die noch größer sind! Und der Strompreis soll billiger werden!

Verena-Ramona Volk, Stendal

Gewaltiger Eingriff in die Natur

Dem Autor von "Wusch, wusch ..." geht offenbar das Gespür dafür ab, was die Überbauung einer noch vergleichsweise wenig vorbelasteten, touristisch und ökologisch wertvollen Waldlandschaft mit bis zu 250 Meter hohen Windrädern für ein massiver Eingriff ist, wie stark die Suggestivwirkung sich drehender und blinkender Giganten selbst auf weite Entfernungen hin das Landschaftserlebnis zu überlagern vermag - von der Nahwirkung (auch auf Vögel, Fledermäuse und Insekten) ganz zu schweigen. Es scheint ihn auch nicht zu berühren, dass die noch intakten landschaftlichen Ressourcen im Zuge der Energiewende dramatisch rarer und daher immer kostbarer geworden sind. Was schert ihn der Umstand, dass der Schutz der Landschaft (neben Biotop- und Artenschutz) zu den gesetzlichen Aufgaben des staatlichen wie des privaten Naturschutzes gehört: "Die Landschaft ist in ihrer Vielfalt, Eigenart und Schönheit auch wegen ihrer Bedeutung als Erlebnis- und Erholungsraum des Menschen zu sichern", schreibt das Bundesnaturschutzgesetz vor, wie übrigens auch der Artikel 20 a Grundgesetz.

Ist es da ein Wunder, dass der Widerstand gegen die Windkraftpläne der Regierung weiter anwächst in gegenwärtig schon über eintausend Bürgerinitiativen? Dass die AfD mit Wonne auf diesen Zug aufspringt, ist den windkraftkritischen Natur- und Landschaftsschützern wahrlich nicht vorzuwerfen. Denn vor einem wachsenden Blackout-Risiko für die Stromversorgung nach dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle warnen ja nicht nur Rechtspopulisten, sondern auch die Bundesnetzagentur und die Rettungsdienste, nachdem adäquate Speichermöglichkeiten für den von Dunkelflauten bedrohten Flatterstrom längst nicht abzusehen sind. Weniger Süffisanz hätte dem Beitrag gutgetan.

Wolf Hockenjos, Donaueschingen

Wir gehören der Erde

Die Klimawende wird nur gelingen, wenn sich etwas an den Besitzverhältnissen unserer endlichen Ressourcen ändert. Wir gehören der Erde - und nicht umgekehrt.

Es gibt "common goods", und dazu zählt all das, was nicht vermehrbar ist wie Grund und Boden, Wasser, Luft, Saatgut und andere Ressourcen. Sie sind Gemeingut, und wo sie es nicht sind, sollten sie es wieder werden. Private Investoren und/ oder Hedgefonds dürfen sich nicht eine goldene Nase verdienen mit dem Bau von Wohnungen oder Windkraftanlagen.

Rekommunalisierung würde Dezentralisierung und Mitsprache vor Ort und damit unsere Demokratie und die Akzeptanz für die nötige Energiewende stärken und neue Fantasie und Kräfte freisetzen für Investitionen in Wind-, Solar- oder Bioenergie, denn die Gewinne daraus würden wiederum den Kommunen zugute kommen.

Christoph Störmer, Hamburg

© SZ vom 08.02.2020

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