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Wikipedia:Licht und Schatten einer großartigen Idee

SZ-Leser schätzen die Online-Enzyklopädie, sehen aber die sinkende Zahl an Schreibern bei der deutschen Ausgabe als Risiko. Es fehlen die Anreize zur Mitarbeit - und auch Experten, schreibt einer.

SZ-Illustration: Stefan Dimitrov

Zu "Die Besserwisserei" und "Fachkräftemangel", Buch Zwei vom 5./6. Oktober:

Eine Kathedrale des Geistes

Wikipedia ist eine grandiose und utopische Idee, inspiriert vom Geist der Aufklärung. Dieser Feststellung der Autoren Janker und Urban kann nur zugestimmt werden. Je großartiger eine Idee, desto schmerzlicher wird eine Realität empfunden, die dem Ideal nicht genügen kann. In einer Zeit, in der sich Aktive über Facebook, Twitter und Instagram sichtbar machen und mit "Likes" belohnt werden, wirkt Wikipedia wie eine Kathedrale des Geistes, die aus der Mode gekommen ist.

Denn hier bleiben die Autoren anonym und ohne Belohnung. Sie arbeiten für das gesammelte Wissen, das Millionen Usern zugutekommt. Dass sich trotz der verlangten altruistischen Haltung in der deutschen Wikipedia noch 900 Aktive finden, die pro Monat mindestens 100 Textveränderungen vornehmen, ist ein kleines Wunder. Schade, dass ihre Zahl allmählich abnimmt. Die Autoren weisen auf Gefahren hin, die der Qualität von Wikipedia daraus auf längere Sicht erwachsen können.

Ähnlich verhält es sich mit der Demokratie. Auch dieser grandiosen Frucht der Aufklärung droht Schaden, weil sich immer weniger Menschen dazu bereitfinden, sich politisch zu engagieren, auch wenn es dafür keine Belohnung gibt und das Engagement sogar Ärger einbringen kann.

Dr. Hans-Joachim Schemel, München

Gelehrte und Experten fehlen

Im "Buch Zwei" zu Glanz und Elend von Wikipedia wird kritisch die fehlende Beteiligung von Fachgelehrten und Experten vermerkt. Das trifft den Kern der Sache. Zum Beispiel erscheint es unerwünscht, fehlerhafte und veraltete Artikel wie den zu dem berühmten Nationalökonomen und Soziologen Max Weber zu korrigieren.

Nur wenige Tage stand eine verbesserte und aktualisierte Fassung auf wissenschaftlicher Basis im Netz. Dann wurde alles auf die alte Version zurückgesetzt. Hundertfach wird der Artikel täglich angeklickt. Nicht nur in studentischen Hausarbeiten werden wir weiterhin Friedrich Naumann als "Nationalliberalen" finden, falsche Lebensdaten, Werk- und Zeitschriftentitel, Belege aus zweiter, dritter Hand statt aus Webers Schriften selbst.

Prof. Dr. Gangolf Hübinger, Frankfurt/Oder

Aufklärung für eine gute Sache

Der Titel ist herabwürdigend wie der Artikel selbst. Es werden "Emotionen" ausgebreitet. Wikipedia und manche Nachkommen davon sind das größte Geschenk an die Internetgemeinde und gehören eigentlich staatlich finanziert. Andererseits garantiert die Spendenfinanzierung und Freiwilligkeit der Autoren die Unabhängigkeit.

Eine Gegenüberstellung von Wikipedia mit sozialen Medien ist total fehl am Platz. Hier wird Wissen mit Fake News auf gleicher Stufe behandelt. Es geht in einer Enzyklopädie nicht um "psychologische Bedürfnisse" des Menschen, es geht um Fakten.

Es wird zu Recht behauptet, dass die Autoren nicht gewürdigt werden. Das ist aber gerade das Markenkennzeichen jeder Enzyklopädie, keine sollte die privaten Vorstellungen eines Autors wiedergeben. Zum Mitarbeiterschwund bei Wikipedia ist anzumerken: Je größer und umfassender ein Werk geworden ist, desto mehr werden extreme Spezialisten statt oder in Ergänzung zu hoch gebildeten Amateuren erforderlich, die Fehler, Missformulierungen, veralteten Aussagen korrigieren und neueste Erkenntnisse einfügen können. Das können, nach den Anfängen der Enzyklopädie, nurmehr spezielle Wissenschaftler, die aber nicht die Zeit haben, sich zu engagieren.

Von Staats wegen könnte man dem natürlich abhelfen, wenn Beiträge zu Wikipedia ein gewisses Gewicht im Vergleich zu wissenschaftlichen Publikationen bei der wissenschaftlichen Karriere bekommen würden. Das ist eine Dienstleistung an die Gesellschaft, die honoriert gehört. Es ist auch unfair, die Aktiven bei Wikipedia einfach als Clique zu bezeichnen. Die Leute investieren enorm viel Zeit zum Wohle der Gesellschaft. Es ist auch nicht überraschend, dass die englischsprachige Wikipedia viel besser als die deutsche ist. Die englische Community ist nun mal zahlenmäßig enorm viel größer als die deutschsprachige. Nimmt man Wikipedia in allen Sprachvarianten zur Kenntnis, dann ist es egal, ob es im deutschsprachigen sogenannte Cliquen und Influencer gibt.

Man ist auch nicht gezwungen, die zensierte "Wikipedia" von Baidu zu nutzen. Die Manipulation durch Firmen ist allerdings ein Problem. Da unterscheidet sich die Wikipedia-Nutzung nicht von der allgemeinen Internetnutzung, womit wir wieder mal bei der Schule wären. Der mündige Nutzer wird nicht so dumm sein, Artikel über Politiker, Waren, Geschäfte, Firmen usw., das heißt über Interessen, automatisch für zutreffend zu halten.

Es ist nicht Aufgabe der Wikipedia, "Wahrhaftigkeit" oder "Gerechtigkeit" zu gewährleisten. Wenn die Nutzer Wikipedia nur gedankenlos nutzen, dann ist dies das Problem der Nutzer und nicht von Wikipedia. Man könnte natürlich anmerken, dass es Aufgabe der Schule wäre, hier ein kritisches Bewusstsein zu schulen. Ich bin übrigens kein Aktiver, sondern dankbarer Nutzer.

Dr. Günther Schuller, Reichenberg

Informanten unfair behandelt

Mit dem Artikel "Fachkräftemangel" veröffentlichte die SZ in der Rekordzeit von nur vier Jahren nach Bekanntwerden der Sachverhalte einen brisanten Artikel zum Thema! Und die Recherchen dazu stammen zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Feder meines Mitstreiters und mir. Wir sollten uns an dieser Stelle geehrt fühlen. Jedoch hat es die SZ nicht versäumt, meinem Mitstreiter Dirk Pohlmann und mir, Markus Fiedler, eine Agenda und fehlende Objektivität vorzuwerfen. Zusätzlich insinuiert der Text, dass wir in ein "obskures" politisches Lager einzuordnen sind.

Vielleicht stellt der Autor, Herr Urban, auf meine Gewerkschaftsmitgliedschaft und auf Dirk Pohlmanns ehemalige Mitgliedschaft bei den Grünen ab. Auch dass wir beide die Sozialdemokraten Olof Palme und Egon Bahr für deren Annäherungspolitik an die damalige UdSSR regelmäßig lobend erwähnen, ist natürlich aus Sicht der SZ garantiert obskur! Denn wir veröffentlichen ja auch in Medien, die die deutschen Leitmedien (und damit auch die SZ) von transatlantischen und pro-US-amerikanischen Lobbyorganisationen unterwandert sehen. Und so eine Unterwanderung - ich bitte Sie -, die gibt es doch gar nicht!

Die Süddeutsche greift auf unsere Recherchen zurück und tritt uns gleichzeitig mit Anlauf in den Allerwertesten. Das ist natürlich ganz seriöser Journalismus, vollkommen ohne Agenda! Ebenso interessant ist, über was alles nicht geschrieben wurde. Nur so viel: Die Teile, in denen wir die Nato und die USA in den Wikipedia-Artikeln genau unter die Lupe nehmen, hat die SZ seltsamerweise konsequent überlesen.

Markus Fiedler, Rastede