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Österreich-Kolumne:Sehnsucht nach Normalität

Wiener Naschmarkt: Gastroomie - Meile verwaist, 26.02.2021 Gastronomie, Gastgewerbe, geschlossen, Wirtschaftskrise, Wir

Im Lockdown: die Ess-Meile am Wiener Naschmarkt.

(Foto: Leopold Nekula/imago)

Ein Besuch im Museum mit Text-Bild-Collagen einer Literaturnobelpreisträgerin, und eine gute und eine schlechte Nachricht für Frauen. Beobachtungen in Wien.

Von Cathrin Kahlweit

Ein alter Herr, der im Hauptberuf Freund und im Nebenberuf Arzt ist, hat mir traurig von der Seelenblindheit erzählt, die seine ebenfalls betagte Frau neuerdings quält. Im medizinischen Kontext ist das ein Phänomen, bei dem man etwas mit den Augen sieht, aber mit dem Verstand nicht zu erkennen vermag, was es ist. Er muss sich um sie kümmern, weil sie sieht, aber nicht mehr versteht. Doch es ist auch eine fast poetische Metapher für diese Zeit. In der nunmehr seit einem Jahr andauernden Pandemie habe ich zunehmend das Gefühl, selbst seelenblind zu werden: Ich erkenne Dinge, weiß aber nicht mehr, wofür sie da sind: Theatervorhänge, Bistrotische, Reisekataloge, lange Tafeln für viele, liebe Gäste.

Immerhin sind in Österreich die Museen wieder offen, weswegen ich diese Woche noch mal schnell Gerhard Richters Landschaften im Kunstforum Wien anschauen gegangen bin, bevor die Ausstellung vorbei ist, die seit ihrer Eröffnung Anfang Oktober ohnehin die längste Zeit wegen mehrerer Lockdowns geschlossen war. Nicht nur die Seelenblindheit nimmt ja zu, auch die Sehnsucht nach Normalität, weswegen man unbedingt Richter schauen muss, der das Pandemie-Gefühl vorweggenommen hat und über seine romantisierenden Gemälde sagt, sie seien "Kuckuckseier", Ausdruck eines Traums "von heiler Welt". Von wegen heile Welt. Lesen Sie hier mehr zur Ausstellung.

Im Untergeschoss des Kunstforums stieß ich auf Text-Bild-Collagen von der großen Schriftstellerin Herta Müller, kleine Gedichte in kleinen Rahmen, zusammengeschnipselt aus Zeitungs- und Magazinausschnitten. Und schon wieder entwickelt man diese Covid-19-Assoziationen, obwohl die in Rumänien geborene Literaturnobelpreisträgerin natürlich eine ganz andere, ihre ganz eigene Geschichte von Überwachung und Horror, Einsamkeit und Heimweh, Verlust und Trauer erzählt. Aber wenn da steht: "Meine Heimat ist ein Kleinstaat Zimmer Küche Bad direkt unter der Hauptstadt ist eine Teekanne versteckt" muss ich natürlich sofort an einen drohenden vierten Lockdown und Stunden, Tage, Wochen in der Wohnung denken, als gäbe es sonst kein anderes Thema mehr auf der Welt.

Was natürlich Unsinn ist. Vor dem Kunstforum an der Freyung hängt ein Plakat der Stadt Wien, das auf den 8. März hinweist: Internationaler Frauentag, "Frauen gestalten Zukunft", schicke Sache, mir wäre ja lieber, Frauen könnten auch schon mehr Gegenwart gestalten, aber bitte. Natürlich finden viele Veranstaltung wegen der Pandemie (sic!) nur virtuell statt. Es gibt einen aufmunternden Kinoabend zum Thema "We want Sex", ein offenbar thematisch zwingendes Webinar zum Thema "Frauen, Covid und Gesundheit" - und eine Rosa-Luxemburg-Geburtstagskonferenz. Die Sozialistin wurde am 5. März vor 150 Jahren geboren, im Januar 1919 ermordet und konnte in ihren Briefen aus der Haft seitenlang hingebungsvoll und selbstvergessen über die Natur, über Blaumeisen, Amseln, Silberpappeln und Kastanien schreiben, an die sie sich erinnerte, weil sie sich "in der ganzen Welt zuhause" fühlte, wo es "Wolken und Vögel und Menschentränen" gibt. Hach.

Bevor es aber zu elegisch und Covid-19-klaustrophob wird, schnell zurück zu den Frauen in Wien. Es gibt da nämlich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, dass aus dem Fachmagazin Der österreichische Journalist jetzt Österreichs Journalist:in geworden ist. Ich gebe zu, ich bin da voreingenommen, aber als Journalist:in freue ich mich auch über kleine Siege.

Weniger erfreulich ist die Geschichte, die dieser Tage in einem Wiener Gericht spielte. Eine Moderatorin hatte gegen einen bekannten Medienmacher geklagt, der sie entließ, nachdem sie sich wegen sexueller Belästigung beschwert hatte, nun klagt er wegen Unterlassung gegen sie. Offenbar gab es mehrere ähnliche Beschwerden, die meisten Frauen sollen aus dem Unternehmen ausgeschieden sein. Vor Gericht zeichneten Zeugen das Bild einer überehrgeizigen Karrierefrau. Vielleicht wollte sie ihre eigene Zukunft gestalten? Der Richterin gefielt das nicht, sie fragte die Moderatorin, warum sie nicht gekündigt habe, sie wisse doch, wie es in dem Unternehmen zugehe. Und als die Frau in Tränen ausbrach, weil sie um ihren Traum bangte, erfolgreich zu moderieren, sagte die Richterin: "Ich glaube, Sie träumen von warmen Eislutschern." Vielleicht sollte man Nationale Frauentage in der österreichischen Justiz einführen?

Was soll man sagen: Träumen Sie bitte von Eislutschern, gern auch von warmen, vom nahenden Frühling, von Kuckucks- und Ostereiern, von Reisen und Bistros, vom Flanieren über den Naschmarkt, von Amseln und Silberpappeln und vor allem: Pflegen Sie Ihre Seele. Und lesen Sie Herta Müller. Das hilft gegen jede Form der Blindheit - und gegen bestimmte Formen der Blödheit auch.

Diese Kolumne erscheint am 5. März 2021 auch im Österreich-Newsletter.

© SZ/mala
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