Weltklimakonferenz:Was in Glasgow nicht besprochen wurde

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Wie viel bringt ein Gipfeltreffen, wenn keine entscheidenden Maßnahmen gegen den Klimawandel beschlossen werden? Auch wenn Themen wie Militärkosten und Abholzung herausfallen, ist das kein leeres Gerede, so ein SZ-Leser.

Weltklimakonferenz: Aktivisten demonstrieren am Rande der COP26-Klimakonferenz in Glasgow.

Aktivisten demonstrieren am Rande der COP26-Klimakonferenz in Glasgow.

(Foto: Alastair Grant/dpa)

Zu "Auf der grünen Wolke" vom 5. November, zu "Bäume retten fürs Klima" und "Kampf den Kettensägen", beide vom 3. November, und zu "Richtersache?" vom 30./31. Oktober/1. November:

Kein leeres Gerede

Mit großen Konferenzen ist es nicht anders als mit alltäglichen Meetings. Wenn man kein gemeinsames Interesse an der Lösung eines Problems hat, dann hilft es auch nichts, dass man sich trifft. Für China ist es im Moment wichtiger, den Status einer Weltmacht zu festigen, als anderen Mächten beim Umweltschutz entgegenzukommen. Für die USA ist das wichtigste Anliegen, überhaupt eine Weltmacht zu bleiben. In nicht allzu ferner Zeit werden beide erkennen, dass koordinierte CO₂-Reduzierung im gemeinsamen Interesse liegt.

Und dann wird es eine Einigung geben, die im Hinterzimmer vorbereitet und im großen Rahmen, vielleicht auf einer Konferenz, verkündet wird. Und all die Konferenzen, die es vorher gab, werden nur ein Vorspiel, wenn auch kein überflüssiges, gewesen sein. Leeres Gerede, so will SZ-Autor Nils Minkmar uns sagen, könnte man sich sparen. Das glaube ich nicht. Wenn auch selten Taten so schnell auf Worte folgen, wie diese suggerieren wollen, schaffen Worte doch Erwartungen, die als eine eigene Realität im Raum stehen. Man kann sich an ihnen vorbeidrücken, man kann sie ziemlich lange ignorieren, aber man kann sie nicht mehr aus der Welt schaffen, ohne ihnen irgendwelche Taten folgen zu lassen. Das ist die bescheidene Chance, auf die wir unsere Hoffnungen setzen müssen.

Axel Lehmann, München

Entwaldung schreitet fort

Es ist einfach unglaublich! Noch zehn Jahre weiter Entwaldung wie bisher? Wir haben Jahrzehnte der Diskussion über die Zerstörung der Wälder hinter uns. Wir haben die Konzepte des Millennium Reports von 2005 und des Ökosystemservices, mit dem wir unter anderem den Wert von Primärwäldern illustrieren. Wir haben die Berichte der letzten Jahre über die Entwicklung der Biodiversität seit der Industrialisierung und wir haben die ökologischen Modelle bezüglich der regulativen Rolle von Primärwäldern für das Klima. Diese Aspekte wurden von den Entscheidungsträgern anscheinend nicht berücksichtigt.

Wir beobachten im Verlauf des letzten Jahrzehnts eine zunehmende Zerstörung von Primärwäldern durch Einschlag und Feuer. Die Vernichtung der Wälder beschleunigt die Degradation zusätzlich. Diese Beobachtungen bilden die Grundlage für die Erkenntnis von möglichen Kipppunkten, dauerhafter Änderung der Vegetation und Störung des Wasserhaushalts mit Desertifikationseffekten in den an die Tropen angrenzenden Regionen. Effekte, die seit mehreren Jahrzehnten diskutiert werden und die sich mittlerweile mit Beobachtungen belegen lassen.

Während sehr renommierte Kollegen aktuell darüber veröffentlichen, gibt es auf der anderen Seite keinen wissenschaftlichen Beleg, dass ein Weiter-so mit der Entwaldung für die nächsten zehn Jahre sicher ohne Auswirkung bliebe und ökonomisch vertretbar sei. Dabei wollen wir über die Tatsache gar nicht reden, dass der Vorschlag, ab 2030 keinen Primärwald mehr zu roden, bereits vor einigen Jahren formuliert wurde. Und trotzdem kam es zu neuen Rekorden der Waldvernichtung. Von welchen Gremien lassen sich die Entscheidungsträger hier beraten? Es sieht einfach immer noch so aus, als ob das Problem nicht verstanden worden wäre. Das Risiko, dass wir auf die Wälder nicht verzichten können, ist zu groß, um es zu ignorieren. Wir brauchen Schutz der verbliebenen Primärwälder jetzt sofort. Bäume auf verlorenen Flächen pflanzen, ist nicht dasselbe.

Prof. Dr. Harald Meimberg, Wien/Österr. (Institut für Integrative Naturschutzforschung, Universität für Bodenkultur, Wien)

Armee als Umweltsünder

Vermutlich wird auf der Weltklimakonferenz in Glasgow nicht über die größten Umweltverschmutzer verhandelt, die Armeen. Das Militär wurde seinerzeit als Klimakiller bewusst aus dem Kyoto-Protokoll und aus anderen UN-Klimadokumenten, einschließlich der Charta von Paris, ausgeklammert - auf Druck der USA und der Nato-Staaten. Fast unbeachtet von der Öffentlichkeit führt sich das Militär als einer der schlimmsten Umweltsünder auf. Krieg und Militär gehören zu den größten Verbrauchern von Energie und anderen Ressourcen und setzen erhebliche Umweltschadstoffe frei. 1981 Milliarden US-Dollar: So viel Geld investierten Länder weltweit im vergangenen Jahr in ihre Armeen. Mit einem Bruchteil dieser Militärausgaben könnten Windräder, Sonnenkollektoren und Geothermie-Anlagen gebaut werden, Häuser wärmegedämmt werden, in den reichen und armen Ländern. Während des Golfkriegs von 1991 zeigten die Öl-Brände in Kuwait und die Freisetzung von Öl im Persischen Golf die Folgen einer Politik der verbrannten Erde. Heute hungern Millionen von Menschen. Viele davon stehen am Rande einer Hungersnot. Auch mit einem Bruchteil der weltweiten Militärausgaben wäre es möglich allen Menschen genügend Nahrung und sauberes Trinkwasser zu verschaffen, sie medizinisch zu betreuen und es allen Kindern zu ermöglichen, eine Schule zu besuchen.

Heinrich Frei, Zürich/Schweiz

Verfassungswidrig

Der Politikwissenschaftler Peter Graf von Kielmansegg greift die Gegebenheiten zum Verfassungsgerichtsurteil, das das Klimaschutzgesetz von 2019 für verfassungswidrig erklärte, verständlich mit Pro und Kontra auf. Doch seine Interpretationen scheinen einem linear kausalen Verständnis zu folgen. Systemische Zusammenhänge scheint er zu ignorieren. Der zeitliche Kontext wird beim "deutscher Klimagasausstoß von nur zwei Prozent"-Mantra völlig vernachlässigt. Absicht oder Unwissenheit?

Wenn wir seit der Industrialisierung weltweit an vierter Stelle der hauptsächlich europäischen Verschmutzer standen und die Gase seitdem Jahrzehnte ihre Wirkung entfalten, ist heute das Handeln nach dem Motto "Klimaschulden sind Ehrenschulden" verpflichtend. Der andere Mechanismus, der systemisch wirkt, ist der Vorbildcharakter: Unser Handeln kann weit über Ländergrenzen hinausgehen. Das deutsche Wort Energiewende wurde in China in den Sprachgebrauch übernommen, da wir für China ein Vorbild im Ausbau der erneuerbaren Energien darstellten.

Wenn der Autor von einem Rausch der Zielüberbietung spricht, erscheint es respektlos gegenüber Menschen, die in anderen Ländern wegen der Klimakrise von Hitze oder Meeresspiegelanstieg massiv bedroht sind. Uninformiert wirkt er, wenn er das Wissen für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen in Zweifel zieht. Sehr viele Klimaschutzorganisationen und wissenschaftliche Institute haben längst Maßnahmenkataloge erarbeitet und an entscheidungsbefugte Politiker und Politikerinnen weitergeleitet. Die Erhöhung der Preise auf klimaschädliche Treibhausgase samt einer Pro-Kopf-Rückerstattung wird zum Beispiel als fundamentaler Mechanismus angesehen, klimafreundliches Verhalten zu fördern und gleichzeitig soziale Belange zu berücksichtigen.

Annette Schulze, Weilheim

Keine "Grüne Wolke"

Die EU wäre gut beraten, Schwellen- und Entwicklungsländer mit proklamatorischen Forderungen nicht zu verprellen, sondern zu unterstützen, erfolgreiche Projekte zum Klima- und Umweltschutz aus Afrika oder Asien auf eine breitere Basis zu stellen. In Europa erfolgreiche Sparmaßnahmen wie Stecker-Solarmodule oder die Umstellung auf LED können empfohlen und unterstützt werden. Die EU sehe ich nicht auf einer "grünen Wolke", wenn es der Atom-Lobby gelingt, Atomkraftwerke als "grüne Technologie" einzustufen, neue zu errichten und dafür hohe Fördergelder zu erhalten. Entsorgung, Gesundheitsrisiko, Weitergabe spaltbaren Materials und Terrorismusgefahr werden selbstverständlich der Allgemeinheit aufgebürdet. Die deutsche Politik ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um für die nachhaltige Förderung regenerativer Energien in der EU zu kämpfen.

Rolf Sintram, Lübeck

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