Weiterer Brief:Shit happens

Lesezeit: 2 min

Nicht wirklich appetitanregend ist der Anglizismus: Shitstorm. Vor allem wenn der Begriff inflationär verwendet wird. Dabei hat die deutsche Sprache doch so viele Alternativen

Shitstorm

Eine Internetverbindung, eine Neigung zum Schimpfen und eine Prise Gehässigkeit - das ist alles, was der moderne Hater (Hassende) braucht, um sein Herz zu wärmen.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Shit happens

"Nicht Fisch, doch Fleisch" vom 2./3. April:

Ein neuer Tag, ein neuer Shitstorm. Ein Scheißesturm, also. Eine eklige Angelegenheit, aber keine Seltenheit. In der deutschen Presse wird der Shitstorm sehr oft und mit Gusto erwähnt. In der SZ mindestens alle paar Tage, oft mehrmals am Tag (vier Mal am 24. März - gefühlter Rekord), und nun sogar bei der Diskussion eines Paellarezepts - sehr appetitanregend.

Die Affinität zum Shitstorm ist bei deutschen Journalisten unverhältnismäßig ausgeprägt. Zum Vergleich: Dieses Jahr gab es in der SZ bereits 52 Shitstorms, in der Zeit immerhin 32. Bei der New York Times sind es exakt null, bei der Washington Post ebenso. Im Englischen herrscht keinesfalls ein Shitstorm-Klima, sondern bestenfalls eine laue Pupsbrise. Als Angela Merkel den Ausdruck einmal in den Mund nahm, war das Erstaunen so groß, dass es der New York Times eine eigene Schlagzeile wert war.

Das Deutsche ist grundsätzlich immer dann am peinlichsten, wenn es versucht, englisch zu sein. Ob Shitstorms, Beamer, Bodybags oder Sizzlebrothers: durchweg erbärmlich, mit Assoziationen, von denen angehende Multilinguisten keinen blassen Schimmer haben. Was wäre denn so falsch an Bruzzelbrüdern? Oder wenn die Kacke ganz altbacken-deutsch am Dampfen ist?

Man fragt sich nun, wie es die Anglikaner schaffen, ohne Shitstorms auszukommen. Sie bemühen ganz unfäkal den simplen "scandal", oder wenn es etwas lieblicher sein darf das schöne "imbroglio". Dabei hat das Englische exzellente Fäkalsprache. Dem Shitstorm kommt da zweifellos der wunderbare Ausdruck "wenn die Scheiße auf den Ventilator trifft" ("when the shit hits the fan") am nächsten. Dann wäre da die Scheißeschau ("shitshow"), wenn etwas von vorne bis hinten nicht passt - derzeit sicher keine Mangelware. Oder der potente und im deutschen herrliche Scheißeschuss ("crapshoot"), wenn etwas eine wackelige Angelegenheit ist, also zum Beispiel die durchschnittliche Englischkompetenz im deutschen Sprachraum. Wenigstens der heiße Scheiß ("hot shit") hat sich bereits vor 20 Jahren korrekt eingedeutscht (danke, Deichkind). Es geht also. Daher meine Bitte an die schreibende Zunft: Wenn Sie das nächste Mal lässig zum Anglizismus greifen, bedenken Sie, was Sie da womöglich für einen Scheiß verfassen. Mein Magen wird es Ihnen danken.

Christian Kreibich, Berkeley, CA/USA

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