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Weitere Leserbriefe:Die HVA-Unterlagen waren schon weitergereicht

Der ehemalige DDR-Innenminister meldet sich zu Wort zu einer Seite Drei über die gescheiterte Amnestie für Auslandsspione. Und: Wie man Kinder zum Lesen und zu Eigenverantwortung erzieht.

Sturm auf Stasi-Zentrale

Das verwüstete ehemalige Amt für Nationale Sicherheit der DDR im Stadtteil Lichtenberg im Osten von Berlin. Es wurde am 15. Januar 1990 von aufgebrachten Bürgern gestürmt.

(Foto: dpa)

Warum keine Stasi-Amnestie kam

Zu "Unter Deutschen", Seite Drei vom 15. Januar: Dass es letztendlich nicht zu dem klugen Schritt der Amnestie gekommen ist, hat viele Ursachen, mit denen sich Georg Mascolo in dem Artikel auseinandergesetzt hat. Eine wesentliche Ursache, die nicht oder nicht ausreichend dargestellt ist, ist der Umstand, dass die Unterlagen der HVA bereits an befreundete sozialistische Geheimdienste übergeben waren. Dies lag nicht in der Verantwortung des Generaloberst a. D. Werner Grossmann, sondern in der Verantwortung des allerletzten Chefs der sich auflösenden Hauptverwaltung Aufklärung, Oberst Bernd Fischer.

Die eigentlichen Ursachen, die uns bewogen haben, auf diesen eigentümlichen Vorschlag einzugehen, waren jedoch andere. Ich war damals Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Innenministers der sich auf die Einheit zubewegenden Deutschen Demokratischen Republik. Wir hatten im Wesentlichen eine "Appellamnestie" im Auge. Ein derartiges Verfahren hätte vorausgesetzt, dass man die Ergebnisse von 40 Jahren rein dienstlicher Tätigkeit gegeneinander in der Zeit des Kalten Krieges auf den Tisch hätte legen müsste. Dies hätte zu eigentümlichen Erkenntnissen geführt: Erstens hätte die Öffentlichkeit davon wohl Kenntnis erhalten, bei welchen altdeutschen Bundespolitikern, Industriellen, einflussreichen Journalisten oder anderen "der Löffel zu kurz war, als man mit dem Teufel gegessen hat". Zweitens: Große Teile des nachrichtendienstlichen Aktenmaterials vagabundierten; das heißt, es stünde den Behörden, die im Fall einer Amnestie nachrichtendienstliche Tätigkeiten zu bewerten hätten, wohl nur auszugsweise oder gar nicht zur Verfügung.

Jetzt hoffen wir alle, dass auch auf den Dingen, die man damals nicht wissen wollte, ein schwerer Betondeckel liegt, der nicht brüchig ist - oder ist er brüchig?

Dr. Peter-Michael Diestel, Zislow, Plau/See

Gemeinsam Lesen lernen

Zu "Das Lustprinzip" vom 11./12. Januar: Es wäre schon viel erreicht, hätte jede Grundschule eine Dependance der örtlichen Stadtbibliothek, die einmal pro Woche geöffnet hätte. An unserer Grundschule hatten wir einen Fahrplan, welche Klasse wann im Wechsel für eine Stunde schmökern konnte. Kinder mit Defiziten bei der Lesetechnik sowie bei der Sinnentnahme erhielten gezielte Unterstützung. Das größte Erlebnis waren Lesenächte, die mit einem Lesevortrag der Lehrkraft begannen und mit Taschenlampen im Schlafsack auf Isomatten im Klassenraum endeten. Am Morgen - immer ein Samstag - wurde zusammen gefrühstückt.

Hans Heitmann,ehem. Grundschullehrer, Bremen

Zu Eigenverantwortung erziehen

Zu "Hilfe ist nötig" vom 13. Dezember: In Ihrem Kommentar beklagt Edeltraut Rattenhuber die wachsende Armut in Deutschland. Einige Seiten später titelt die SZ: "Die Abgehängten von Morgen", es geht um die hohe Zahl an Jugendlichen ohne Schulabschluss. Hier sehe ich einen eindeutigen Zusammenhang. Nach weiter steigenden Sozialausgaben zu rufen, ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz.

In unserer sozialen Demokratie wird das Leitbild des mündigen, eigenverantwortlichen Bürgers mehr und mehr verdrängt. Es wird offenbar immer selbstverständlicher, für das Scheitern des Einzelnen die Gesellschaft und den Staat verantwortlich zu machen und sich dann von der Gemeinschaft alimentieren zu lassen. Diese weitverbreitete Einstellung führt langsam zur Entmündigung des Bürgers.

Statt die Abhängigkeit vom Sozialstaat als selbstverständlich zu betrachten, sollte man die Eigenverantwortlichkeit des Bürgers fördern und fordern; das fängt in der Schule an, um wachsender Armut zu begegnen. Allein die Herkunft aus einfachen sozialen Verhältnissen ist kein Grund für ein Abgleiten in die Armut. Geben wir Schülern Leistungskraft und die nötige Motivation zur Eigenverantwortung, um das Leben zu meistern. Das ist der erfolgversprechendere Weg aus der Armut.

Wolfgang E. Schaefer, Altleiningen

© SZ vom 21.01.2020
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