KriegsdienstWenn die Pflicht ruft

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Kritik an der Wehrpflicht: ein Graffito an einer Hauswand in Berlin.
Kritik an der Wehrpflicht: ein Graffito an einer Hauswand in Berlin. dpa

Schülerinnen und Schüler rufen zu Protesten gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf. Einige SZ-Leser stellen sich an ihre Seite, andere halten scharf dagegen.

„‚Wir wurden nicht gefragt'“ vom 9. Dezember:

Mehr staatspolitische Klugheit

Glauben die jungen Demonstrierenden wirklich, durch Verweigerung von Musterung und Wehrdienst Krieg zu verhüten, den Frieden für Deutschland sicherer zu machen? Den Jungen mag man diese (wehr)politische Kurzsichtigkeit aufgrund ihrer erst kurzen Welterfahrung ja noch nachsehen, doch von Älteren insbesondere in Parteien und Gewerkschaften wäre mehr staatspolitische Klugheit zu erwarten. „Si vis pacem ... Wenn du Frieden haben willst, musst du dich auf Krieg vorbereiten“ – dieser alte lateinische Spruch ist in den Zeiten von Putin und Trump hochaktuell. Ein Land, das nicht verteidigungsfähig sein will oder kann, lädt einen Aggressor geradezu ein zum Überfall auf leichte Beute.

Peter Maicher, Zorneding

Was soll die Aufregung?

Wir alle leben im Geltungsbereich des Grundgesetzes. Die Wehrpflicht ist in Artikel 12a verankert und regelt die Verpflichtung von Männern zum Dienst in den Streitkräften. Gleichzeitig gilt Artikel 4 [3]: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ So gesehen verstehe ich die Aufregung der Anti-Wehrpflicht-Bewegung nicht: „Ein paar reiche, alte Männer entscheiden über Leben und Tod von jungen Menschen.“

Ein Blick zurück in meine eigene Lebensgeschichte: Nach dem Abitur trat ich im Juli 1970 meinen Grundwehrdienst in der Boelcke-Kaserne in Ulm (Donau) an. Einen Monat später stellte ich den Antrag auf Anerkennung als KDV. Den Ausschlag dafür gaben schließlich diese dummen und frauenverachtenden Worte eines Kameraden von unserer Stube zwo-29: „Der Krieg ist doch etwas Schönes, man kann dort Weiber vergewaltigen, da ist es nicht so langweilig.“ Anfang September 1970 wurde ich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Mein hilfreicher Mentor war unser Zugführer, ein vorbildlicher Staatsbürger in Uniform. In der kommenden Woche werde ich mich an seinem Grab in Ehrfurcht und Dankbarkeit verneigen.

Jakob Knab, Kaufbeuren

Verweigert doch!

Pazifistisch, gegen Kriegsdienst, alles okay, waren wir damals auch. Doch was die Jugendlichen einfach stillschweigend übergehen, ist, dass jedermann das Recht zur Kriegsdienstverweigerung (auch nach der jetzigen Abstimmung) hat. Und das ist heute sogar einfacher als zu meiner Zeit. Wir mussten uns noch vor einer Kammer rechtfertigen, die beurteilte, ob wir tatsächlich Gewissensgründe hatten. Heute muss man nur schriftlich verweigern. Und was kommt dann auf einen zu? Ein Zivildienst im Krankenhaus, Altenheim, Krankentransport, Behindertendienst, Feuerwehr ... Hat uns damals nicht geschadet und zeigte uns die Welt mal von einer anderen Seite.

Durch den Zivildienst habe ich viel über die Menschen gelernt, die auf der nicht so schönen Seite der Gesellschaft leben müssen. Das kann auch unseren heutigen Jugendlichen nur guttun. Doch was lese ich in dem Artikel? Sie hätten kein Mitspracherecht! Ist die Verweigerungsmöglichkeit kein Mitspracherecht? Ist es denn so schlimm, mal für ein Jahr für die Gesellschaft zu arbeiten? Darüber sollten die Jugendlichen auch einmal nachdenken.

Hartmut Wagner, Kempten

Pflichten gehören zur Freiheit

Es ist wichtig, dass junge Menschen ihre Zukunftsthemen artikulieren. Doch Teilhabe an unserer Gesellschaft bedeutet nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Die Wehrpflicht war über Jahrzehnte selbstverständlich. Viele junge Männer haben sie geleistet und daraus Verantwortung und Erfahrung mitgenommen. Die Bundeswehr war nicht nur Armee, sondern auch Helfer in der Not – ob bei Überschwemmungen oder Katastrophen. Diese Form von Pflichtdienst war ein Beitrag zum Gemeinwohl, der weit über militärische Aufgaben hinausging.

Heute scheint das Leben vieler junger Menschen stärker von Lifestyle, Reisen und Social Media geprägt. Freiheit ist wertvoll – aber ohne Verantwortung wird sie zum Problem. Denn die Rente basiert auf dem Generationenvertrag: Die Erwerbstätigen zahlen für die Älteren, und später zahlt die nächste Generation für sie. Wenn aber weniger Kinder geboren werden und Verantwortung für Familie und Gesellschaft in den Hintergrund tritt, gerät dieses System ins Wanken. Darum sollten wir nicht nur über Rechte sprechen, sondern auch über Pflichten. Ein Pflichtjahr – ob Wehrdienst oder soziales Jahr – könnte junge Menschen wieder stärker ins Gemeinwesen einbinden und zeigen: Freiheit braucht Verantwortung.

Sibel Jauch, München

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