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Wahlkampf in den USA:Trump nicht unterschätzen

Er liegt in Umfragen hinten, aber prahlt weiter: Wähler und Beobachter sollten den US-Präsidenten aber keineswegs abschreiben, warnen Leser. Viele halten die US-Wahl noch für offen, trotz teils vernichtender Kritik an seinem Regierungsstil.

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Logik der Lüge" und "Späte Warnung" vom 11. September, "Der Brandbeschleuniger" vom 2. September sowie zu "Amerika kommt nicht zur Ruhe", 28. August und "Zur Sache, Schätzchen" vom 27. August:

Nicht zu früh abschreiben

Man sollte den Republikaner Donald John Trump - Selfmade-Milliardär mit deutschen Wurzeln - für eine zweite Amtszeit als US-Präsident ab November 2020 nicht abschreiben. Auch wenn der progressivere demokratische Herausforderer Joe Biden im undemokratischen amerikanischen Zwei-Parteien-System in Prognosen knapp vorn liegt. Abgesehen von seiner reaktionären, aggressiven, nach außen klar rassistischen Law-and-Order-Politik im Umgang mit "Black Lives Matter", der Abschottungspolitik durch den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, ist Trump immerhin zugutezuhalten, dass er keinen Krieg begann, die amerikanische Wirtschaft befeuert, was jetzt natürlich durch Corona stark abgeschwächt wird.

Donald Trump ist ein Geschäftsmann, kein Politiker, stellt auf die ihm eigene, nonkonforme Art immer noch eine Alternative zum alteingesessenen Politestablishment dar: "America first!" Er ist nicht zu unterschätzen.

Tork Poettschke, Dortmund

Woodwards Erkenntnis kam spät

Ohne Zweifel ist dem Autor des Artikels "Logik der Lüge" zuzustimmen, dass man über den US-Präsidenten und seinen Charakter durch die Aufzeichnungen Woodwards nichts Neues erfährt. Leider bleibt ein Aspekt der Aufzeichnungen in dem Artikel völlig unbeachtet: Wäre es, bei allem verständlichen journalistischen Ehrgeiz des Herrn Woodward (und sicher auch dem Wunsch, mit dem neuen Buch Geld zu verdienen) nicht seine moralische Pflicht gewesen, den Inhalt der Aufzeichnungen umgehend zu veröffentlichen? Aus meiner Sicht hat Woodward die historische Chance verpasst, dem Umgang der USA mit der Coronavirus-Pandemie eine entscheidende Richtung zu geben und möglicherweise Tausende Menschenleben zu retten.

Christian W. Degner, Saarbrücken

Hatte Berlin dasselbe Wissen?

Wie so oft frage ich mich, warum die vierte Gewalt im Staat, die Presse, so fokussiert ist auf Donald Trumps Lügereien, die er bei der Erklärung seiner Reaktion auf Covid-19 sogar zugibt, statt sich zu fragen, ob vielleicht auch wir belogen worden sind. "Das ist tödliches Zeug. Sie atmen die Luft ein, und so überträgt sich das. Das ist raffiniert, das ist heikel. Es ist auch tödlicher als selbst unsere heftigen Grippen." So Donald Trump am 7. Februar zum Enthüllungsjournalisten Bob Woodward. Und der erklärt sein langes Schweigen damit, dass Trumps Informationsquelle ein Geheimdienst-Briefing im Januar war, von dem er erst später erfahren habe.

Die interessante Frage für mich ist, ob diese Geheimdienstinformation auch dem deutschen Geheimdienst bekannt war und unsere Kanzlerin also auch schon im Januar wusste, dass man nur die Luft einatmen muss, um sich anzustecken. Warum hat die Kanzlerin das ihrem Volk dann nicht mitgeteilt - oder wenigstens dem RKI? Und worauf beruhte dann die Warnung vor Atemschutzmasken als "Virenschleudern"? Auf Unkenntnis oder wie bei Trump politischen Erwägungen, weil sie wusste, dass die im Pandemieplan vorgesehenen Masken gar nicht vorhanden waren?

Verschwörungstheorien haben leider ihre Ursache nicht nur im Internet und in amerikanischer Politlügerei. Auch wir haben unsere heiligen Kühe. Und die Wahrheit ist selten so oder so - meistens ist sie so und so.

Gabi Baderschneider, Sinzing

Zehren vom Image eines Cowboys

Die Bilanz von Trumps Amtszeit ist verheerend. Wo man hinschaut: Destruktivität. Die USA haben unter seiner Präsidentschaft in der Welt an Ansehen und Einfluss verloren. Er hat Amerika verändert und versucht, das Amt des Präsidenten im Sinne seiner antidemokratischen, autoritären, narzisstischen und egomanen Persönlichkeit zu verändern. Da verwundert es einen schon, dass bis heute etwa 42 Prozent der Amerikaner noch hinter ihm stehen. Von einer Gruppe von Menschen, "die sich vergessen, verraten und unverstanden" vorkommen, mag er als "zorniger Rächer" angesehen werden, aber das allein erklärt nicht die Zustimmung, die er bis heute erfährt. Die hat etwas mit Idolen des amerikanischen kulturellen Systems zu tun. Auf seine Weise verkörpert er den amerikanischen Traum, ein erfolgreicher "Salesman" (Verkäufer) zu sein. Als solcher hat er es zum Milliardär gebracht - in einem Land, von dem der Präsident Coolidge 1925 gesagt hat: "The business of America is business." In seiner ungehobelten und unzivilisierten Art verkörpert Trump eine Ikone amerikanischer Männlichkeit, den Cowboy des Wilden Westens. Trumps Nähe zu zentralen Aspekten des historisch gewachsenen amerikanischen kulturellen Systems stellt eine Gefahr für die Demokratie dar - nicht nur in Amerika, sondern der ganzen Welt.

Jürgen Einhoff, Hildesheim

Wenn Wähler Skurriles glauben

Wahlk(-r)ampf in den USA. Selbst Nichtakademikern ist unbegreiflich, mit welchen Parolen und Argumenten Absolventen von US-Elite-Unis, die danach fest im Berufsleben stehen, den Wahlkampf und die skurrilen Vorhersagen Trumps unterstützen. Unverständlich ist auch, wie viele Wähler den Stumpfsinn für bare Münze nehmen und Trump erneut "zum besten Präsidenten, den die USA jemals hatten", küren wollen.

Hans Gamliel, Rorschach/Schweiz

Wie viel Ignoranz ist erträglich?

Nominierungsparteitage und Wahlkampfveranstaltungen sind freilich zumeist blendend selbstreferenzielle Inszenierungen und auch unter "normalen" Umständen nicht selten grotesk bis an den Rand des objektiv Erträglichen. Zumal ausgerechnet in der Politik die schlichte Grundvorstellung über den Angriff als beste Verteidigung eine gerne bevorzugte Verwendung findet. Es war hiernach nicht im Entferntesten zu erwarten, dass diese gemeinhin wenig aufschlussreiche Gepflogenheit nun ausgerechnet bei der aktuellen Donald-Trump-Show anders sein würde.

Doch mit dem dargebrachten Angebot von alternativen Sichtweisen respektive Schlussfolgerungen zu alternativen Fakten, dem so disponierten Credo "Lüge mal Lüge ergibt Wahrheit", wird eine weitere Niveau-Untergrenze gezogen. Die Annahme von Realpolitik ist hiernach geradewegs zu etwas Absurdem geworden.

Es stellt sich somit nach vier Jahren Trump'scher Präsidentschaft die Kernfrage, wie viel politische Ignoranz, Entwertung und Prinzipienlosigkeit ein Volk in einer jahrhundertealten und also erfahrenen Demokratie (noch) auszuhalten bereit ist. Bedingungslose Konformität und Schmerzfreiheit jedenfalls gehören in der Regel nicht zu den demokratischen Errungenschaften.

Matthias Bartsch, Lichtenau

© SZ vom 24.09.2020

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