Vor 80 Jahren: Überfall auf die Sowjetunion:Historische Verantwortung für Russland

Lesezeit: 7 min

Leserinnen und Leser erinnern an das Schicksal vieler Millionen Russen, die als Soldaten oder sogenannte Ostarbeiter während des 2. Weltkriegs umkamen. Einige mahnen zu Sensibilität Deutschlands auch bei aktuellen Spannungen.

Russische Kriegsgefangene

Russische Kriegsgefangene In einem unbekannten Lager in Deutschland betteln sowjetische Kriegsgefangene um Lebensmittel. Der Feldzug gen Osten ab 1941 wurde von den Nazis besonders hart und grausam geführt.

(Foto: SZ Photo)

Zu "Der Überfall" und "Schuld und Verantwortung", beide vom 22. Juni, sowie zu "Endlich gedenken" vom 19./20. Juni:

Das Leid der Russen mitdenken

Es brauchte 80 Jahre und eine Gedenkfeier mit Bundespräsident Steinmeier, um der 27 Millionen Toten des Überfalls Deutschlands auf die damalige Sowjetunion öffentlich zu gedenken. Es ist erstaunlich, wie wenig diese Schuld in das kollektive Gedächtnis Deutschlands eingegangen ist. Sie wurde vergessen, verdrängt und überlagert von zahllosen Racheakten sowjetischer Soldaten an den Besiegten. Obwohl in der amerikanischen Zone lebend, hatte ich, wie viele Frauen und Mädchen dieser Zeit, Angst vor den Russen. Man hat damals nur gesehen, was sie uns angetan haben.

In den alten Bundesländern wurden die Befreier bejubelt, und seither sind wir fest an der Seite der USA als beste Freunde. Wir verdanken ihnen die "Wiederauferstehung" Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben die amerikanische Zivilisation, die Musik, die Mode, die Werte und den "Way of Life" übernommen, sind fest "verpa(c)kt" in der Nato als wiedervereinigtes Deutschland - alles wunderbar.

Aber haben wir darüber nicht 27 Millionen Tote vergessen, die wir durch unseren Überfall verschuldet haben? Aufgrund unserer eigenen Geschichte sollten wir, trotz der transatlantischen Bindung, anders mit Russland umgehen dürfen. Sanktionen, Bestrafung und Überheblichkeit steht uns nicht gut an. Ein gewisses Mitdenken des dem Land zugefügten Leides sollte bitte auch Teil der deutschen Staatsraison sein.

Erika Hofstetter, Gauting

An "Ostarbeiter" würdig erinnern

Dieses Gedenken wäre ein guter Anlass, sich auch daran zu erinnern, was der Krieg gegen die Sowjetunion im eigenen Land bedeutete: ein stets steigender, chronischer Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich war die Folge. Nur durch Zwangsarbeit der Menschen aus den besetzten Ländern konnte der Krieg überhaupt fortgeführt und die Ernährung der Deutschen auf erträglichem Niveau gehalten werden. Der Großteil des Raubguts "Arbeitskraft" in Millionenhöhe kam ab 1941 - allen ursprünglichen von Hitler proklamierten, rassischen Vorbehalten zum Trotz - aus der Sowjetunion und Polen.

Diese Menschen waren diejenigen, die stets das größte Leid traf: Zuerst bei der brutalen Hetzjagd auf Zivilisten in den überfallenen Gebieten, sodann durch Versklavung und Ausbeutung als sogenannte "Ostarbeiter"; gegen Kriegsende setzte in den Konzentrationslagern und unzähligen Außenlagern die massenhafte "Vernichtung durch Arbeit" ein; nach 1945 folgte die unwürdige Behandlung als "Displaced Persons" und schließlich die mangelnde Anerkennung durch angemessene Entschädigung. Zigtausende ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener erhielten auf ihren Entschädigungsantrag den Ablehnungsbescheid mit der Begründung, Kriegsgefangenschaft begründe keine Leistungsberechtigung.

Dieses Kapitel des nationalsozialistischen Rassismus durchdrang mehr als alles andere die gesamte Gesellschaft. Es betraf die Rüstungsindustrie ebenso wie die mittelständischen Betriebe, die Stadtverwaltungen, die die Lager zur Verfügung stellten und daran verdienten, die Arbeitsämter sowie Landwirtschaft und Privathaushalte, Wärter, Aufseher, Vorarbeiter und sonstige Peiniger. Nicht zu vergessen: 50 Prozent der "rassisch Minderwertigen" aus Polen und der Sowjetunion waren Frauen, Zwangsarbeiterinnen!

Der Vernichtungskrieg ist Geschichte, doch auch Erinnerung lässt sich vernichten.

Dr. Dorothea Hennig, Offenburg

Entschädigung relativ niedrig

Im Bericht "Der Überfall" kann ich nur jeden Satz unterstreichen. Hinter den Millionen von Toten steht noch ein Vielfaches an zerstörten Biografien der Angehörigen. Für diejenigen, die als Zwangsarbeiter überlebten, und ihre Familien muss es bitter sein, dass die vor Jahren erfolgte Entschädigung niedriger ausgefallen ist als die aktuelle Entschädigung für Dieselfahrer für ihr Fahrzeug mit manipulierten Abgaswerten.

Christian Burchard, Eresing

Entspannungspolitik jetzt

Daniel Brössler wirft in "Schuld und Verantwortung" den Initiatoren des neuen Aufrufs vor, über "eine nach innen wie außen von Repression und Gewalt geprägte Politik des Kreml hinwegzusehen". Damit nimmt er den Aufruf gar nicht zur Kenntnis, der gerade diese Situation zum Anlass nimmt und damit in der Tradition der Brandt'schen Entspannungspolitik steht. Als die Sowjetunion 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierte, sagte Brandt, dass gerade jetzt die Entspannungspolitik beginnen müsse. Die Entgegensetzung des Einen gegen das Andere verschärft meines Erachtens lediglich die jetzige Konfliktsituation, anstatt sie einer Lösung näher zu bringen.

Jürgen Jung, Pfaffenhofen

Furcht vor der Eskalation heute

Am 22. Juni 2021 hat sich zum 80. Mal der Überfall Deutschlands auf die damalige Sowjetunion gejährt. Der Historiker Ernst Nolte beschrieb diesen Krieg als den "ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt". Viele Russen haben dieses Trauma bis heute nicht überwunden. Daher fragen wir uns, warum kein deutscher und auch kein westlicher Politiker Verständnis dafür hat, dass Russland die absprachewidrige Nato-Osterweiterung als existenzielle Bedrohung empfindet, sich vielleicht sogar davor fürchtet und sich jetzt dagegen wehrt? Wie weit will man die Dinge noch eskalieren lassen, bevor man miteinander redet, statt den anderen zu diffamieren und sanktionieren?

Johannes Lades, Erlangen, Olaf Meiwald,Neustadt/Mfr., und Werner Mesnaric, Herzogenaurach

Nato-Manöver wecken Traumata

Gehört zum Gedenken, das der Bundespräsident anmahnt, auch, dass wir fragen, welche Traumata es noch im heutigen Russland auslöst, wenn deutsche Soldaten an Nato-Manövern an der Westgrenze Russlands beteiligt und wenn westliche Raketen von Polen und Rumänien aus auf Moskau gerichtet sind? Denken wir auch daran, dass sich die Sowjetunion nach der Barbarei des Zweiten Weltkrieges mit einem Sicherheitsgürtel ausgestattet hat, den wir Ostblock nannten?

Ludger Elmer, Weichs

Viele haben Faschismus geduldet

Im Leitartikel "Endlich gedenken" formuliert Joachim Käppner von oben herab: "Im Osten gebärdete sich die SED, als habe die DDR an der Seite der Roten Armee Osteuropa befreit." Mitnichten. Was zu beweisen ist: "Weil es vollkommen sinnlos wäre, sinnwidrig, den 30. Jahrestag (der DDR) zu begehen, ohne schonungslos zu sagen, woher wir denn auch gekommen sind. Ja, mit der DDR ist antifaschistischer Widerstandsgeist zu antifaschistischer Staatsmacht geworden. Aber unsere Republik verlöre sich in Beliebigkeit, wenn wir nicht gerade an ihrem Gründungstag sagten, dass sich der überwiegende Teil ihrer älteren Bürger am faschistischen Krieg tätig oder duldend beteiligt hat.

Wir nennen den 7. Oktober einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Richtig, aber an einem Wendepunkt kommt man nicht nur zu etwas hin; zunächst kommt man von etwas her." (Nachzulesen im Zentralorgan der SED, Neues Deutschland, vom 30. 6./1. 7. 1979, und geschrieben von Hermann Kant, damals Präsident des Schriftstellerverbandes.)

Dr. Lutz Behrens, Plauen

Andere Sicht der Ostdeutschen

Käppner ignoriert in seinem Artikel, wie stark die Verbrechen Deutschlands an den Bürgern der damaligen Sowjetunion im Bewusstsein der 1990 der Bundesrepublik beigetretenen Deutschen verankert sind. Ja, es gehörte in der DDR zu den politischen Ritualen, dieser Opfer des Zweiten Weltkrieges zu gedenken. Und so sehr dieses Gedenken politisch im Sinne der SED-Herrschaft aufgeladen war, so stark ist auch die Bereitschaft in der DDR-Bevölkerung und bei ihren Nachkommen, sich mit dem Elend, das Deutschland über die Völker Europas - und gerade der östlichen Sowjetunion - gebracht hatte, zu beschäftigen.

Das Verhältnis vieler, die auch schon vor 1990 in der Bundesrepublik gelebt hatten, gegenüber diesem Teil der deutschen Geschichte war mit Sicherheit von mangelnder Kenntnis - und durchaus auch mangelnder Bereitschaft, diese sich anzueignen - gekennzeichnet.

Vielleicht erklärt diese unterschiedliche Kenntnis auch, warum das Verhältnis vieler Ostdeutscher zu Russland unverkrampfter, freier ist als das der Westdeutschen. Handfest kann man das zum Beispiel am Thema Nord Stream 2 sehen. Die Kritik daran, die Bereitschaft, das Projekt zu stoppen, ist weitestgehend westdeutsch. Es zu vollenden - durchaus auch wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung für (Ost-)Deutschland -, ist weitestgehend ostdeutsch. Und das, weil Russland nicht vornehmlich als Feind angesehen wird, nicht als Land, dem Lektionen erteilt werden sollten - ausgerechnet von Deutschland, übrigens.

Dr. Matthias Judt, Leipzig

Brot, Salz - und Vernichtung

In allen Berichten zu den Gräueln dieses Krieges vermisse ich einen Aspekt, der sie noch viel schlimmer macht. Meine Mutter erzählte mir, was ihr Bruder, der in Russland als Soldat umkam, ihr vorher erzählt hatte. Die einheimische Bevölkerung kam den deutschen Truppen mit Brot und Salz, den traditionellen Gaben des Friedens und der herzlichen Begrüßung, entgegen und trat so an die deutschen Panzer heran. Offensichtlich erwartete man sie als Befreier von der sowjetischen Herrschaft. Und dann die Vernichtung, furchtbar.

Univ. Prof. em. Götz Uebe, Ludwigslust

Pakt zweier Despoten

Mit berechtigtem Abscheu erinnert auch die SZ an die allein 27 Millionen toter Sowjetbürger, die durch den deutschen Überfall auf die Sowjetunion verursacht wurden, wobei die schreckliche Gesamtbilanz der Verluste in den europäischen Staaten mindestens das Doppelte betragen dürfte. Die historische Schuld Deutschlands lässt sich weder bestreiten noch kleinreden. Allerdings sollte auch festgehalten werden, dass die beiden auf Augenhöhe agierenden Despoten Hitler und Stalin mit ihrem Pakt vom 24. August 1939 und den dazu geschlossenen Geheimabkommen wesentliche Voraussetzungen schufen für den Überfall auf Polen am 22. Juni 1941 und die geplante Aufteilung der "Beute" zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion.

Dr. Ludwig Kippes, Puchheim

Kritisch und bescheiden sein

Endlich gedenken! Wie lange hat man diese Blickwinkel nicht mehr in der deutschen Presse gelesen. Vergessen, verdrängt oder noch schlimmer, gar nicht wahrgenommen geschweige denn realisiert wurden die unendlichen unvorstellbaren Verbrechen der Deutschen in Polen, in der Sowjetunion, die abgründigen menschenverachtenden Pläne des NS-Regimes im Osten. Welch ein schreckliches Verbrecherregime haben die Deutschen geschaffen, zugelassen und mit ermöglicht!

Unser Verhalten Russland gegenüber sollte, ja, auch kritisch, aber bescheidener und realistischer sein. Wie sehr fehlen solche kulturellen Vermittler und Brückenbauer wie Lew Kopelew und der immer so mutige durchblickende und menschliche Heinrich Böll! Der Artikel ist ein Lichtblick in der Presselandschaft - zeigt Realitäten auf, die uns immer gegenwärtig sein sollten!

Katharina von Trott, München

Holocaust ab '39?

Zu "Was sie stört" vom 18. Juni: Begann der Holocaust erst mit Beginn des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion? Begann er nicht mit der ersten Kriegshandlung am 1. September 1939, 4.37 Uhr? Zu diesem Zeitpunkt bombardierte die Wehrmacht die polnische Stadt Wielun. Dieser Ort mit 16 000 Einwohnern hatte einen überdurchschnittlichen Anteil an Juden: 40 Prozent der Bevölkerung. Durch den Angriff kamen etwa 1200 Menschen um. So dürften bereits mit dem ersten Angriff der Wehrmacht etwa 480 Juden getötet worden sein. Ein wesentliches Kriegsziel Hitlers war die Vernichtung des Judentums. Kann man somit nicht auch sagen, dass der Holocaust mit dem Zweiten Weltkrieg begann?

Artur Borst, Tübingen

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort.

Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Zu Artikeln, die im Lokal- und Bayernteil der SZ erschienen sind, senden Sie Ihre Meinung gerne direkt an forum-region@sz.de.

Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB